Wohnen in Mitte

Die Plattenbauten an der Wilhelmstraße sollen bleiben

Das Bezirksamt Mitte will das Quartier an der Wilhelmstraße erhalten. Die Bezirksverordneten werden darüber abstimmen.

„Von besonderer stadthistorischer Bedeutung“: So wird das Quartier an der Wilhelmstraße  in einer aktuellen Studie bezeichnet

„Von besonderer stadthistorischer Bedeutung“: So wird das Quartier an der Wilhelmstraße in einer aktuellen Studie bezeichnet

Foto: Reto Klar

Man mag sie als grau und hässlich empfinden. Einmalig sind sie auf jeden Fall. Die DDR-Plattenbauten an der Wilhelmstraße in Mitte sollen deshalb erhalten bleiben. Das Bezirksamt Mitte hat jetzt eine Verordnung beschlossen, um die städtebauliche Eigenart dieses Ensembles zu bewahren. Denn eine aktuelle Expertise hat das empfohlen.

Das Quartier sei „von besonderer stadthistorischer Bedeutung und soll deshalb vor wesentlichen, verändernden Eingriffen geschützt werden“, heißt es in der Studie über das sieben Hektar große Gebiet mit rund 1000 Wohnungen und 2500 Bewohnern. „Die städtebauliche Konzeption der Anlage ist von überzeugender Klarheit.“ Mitte Juni werden die Bezirksverordneten über die Verordnung abstimmen.

Geplant wurde das Gebiet in unmittelbarer Nähe der Mauer ab 1984, erbaut ab 1987, fertiggestellt Anfang der 90er-Jahre. An der westlichen Seite der damaligen Otto-Grotewohl-Straße entstand eine breite Promenade mit einer doppelten Reihe von Kastanien, mit Sitzbänken, Rosensträuchern und Parkplätzen. Das Gebiet wurde als offenes Quartier angelegt, mit vielen Durchgängen. Die halboffenen Innenhöfe und die Verbindung von der Promenade in den rückwärtigen Raum seien „eine Besonderheit, die in dieser Weise in der Innenstadt nicht existent ist“, heißt es in der aktuellen Expertise.

Die Gebäudehöhe war auf 24 Meter festgelegt. Die Wohnungsbauserie 70 bekam neue Elemente, die unterschiedlich kombiniert werden konnten. Ungewöhnlich für Plattenbauten waren die Ziegeldächer, die Vorsprünge und Winkel an den Fassaden, der Wechsel von Loggien und Balkons, die Giebelfenster. Im neuen Quartier entstanden Spielplätze, Liegewiesen, eine Schule und eine Kita. Das Erdgeschoss der Neubauten war Läden und Dienstleistern vorbehalten. Geplant wurde auch ein 4,6 Hektar großer Park im Bereich der früheren Ministergärten, der jedoch nicht mehr existiert.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet weitgehend zerstört

Vor 1945 war die Wilhelmstraße der Sitz von Regierungsbehörden. Das Reichspräsidentenpalais, das Reichsjustizministerium und der Preußische Staatsrat befanden sich dort. Die Reichskanzlei stand an der Wilhelmstraße, in ihrem Garten lag der Führerbunker. Das Gebiet wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Als Trümmer und Ruinen beseitigt waren, lag es lange Zeit brach. Der aktuellen Untersuchung zufolge ist auch das etwas historisch Besonderes: Durch die DDR-Plattenbauten änderte sich der Charakter der Wilhelmstraße grundlegend. Sie wurde zum Wohngebiet.

Wer heute an den Plattenbauten zwischen der Mall of Berlin und der Britischen Botschaft entlanggeht, findet auf jeden Fall ein schattiges Plätzchen. Die Kastanien der Promenade erreichen schon die Höhe der vierten Obergeschosse. Auch die Bäume auf den Rasenflächen und Spielplätzen hinter den Häusern sind groß geworden. Eine Sanierung der Bauten täte not, erzählt ein älterer Herr. Er wohnt seit Ende der 90er-Jahre an der Wilhelmstraße. Zur DDR-Zeit hat er als Statiker an den Neubauten mitgearbeitet. „Es ist nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick vielleicht aussieht“, sagt er. „Die Nachbarn, die ich kenne, wohnen gerne hier, sonst wären sie schon weg.“ Er schätzt die Nähe zum Tiergarten und zum Brandenburger Tor.

Franz Müntefering und Angela Merkel wohnten im Quartier

Unter den ersten Mietern seien Mitglieder des SED-Politbüros gewesen, erzählt er. Nach dem Mauerfall wohnten der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering und Angela Merkel im Quartier. Der Dramatiker Rolf Hochhuth habe immer noch eine Wohnung in der Nähe des Adlon, erzählt der ältere Herr.

Die städtebauliche Erhaltungsverordnung ist eine Anregung der BVV. Man wolle verhindern, dass weitere Wohngebäude abgerissen werden, sagen der SPD-Fraktionsvize Sascha Schug und der Grünen-Verordnete Frank Bertermann. Nicht zu verhindern ist jedoch der Abriss der Häuser Wilhelmstraße 56–59 auf der östlichen Straßenseite. Er wurde schon vor Jahren vom Senat genehmigt. Die Eigentümer wollen einen exklusiven Neubau mit 165 Wohnungen errichten lassen.

Diese Plattenbauten sollten eigentlich schon Ende 2015 verschwinden. Nun bleiben sie bis Herbst 2016 stehen. Denn unterdessen seien 72 Niststätten von Sperlingen und Mauerseglern gefunden worden, außerdem sechs Quartiere von Fledermäusen, teilte Umweltstadträtin Sabine Weißler (Grüne) im Mai der BVV mit. „Geltende Bestimmungen des Artenschutzes sind bei der Planung des Vorhabens ungenügend berücksichtigt worden.“

Auf der westlichen Straßenseite engagiert sich eine Bürgerinitiative. Sie organisiert Hilfe für ältere Bewohner. „Wir begrüßen die städtebauliche Erhaltungsverordnung“, sagt Daniel Dagan von der Initiative. Es gebe jedoch noch zu viele Ferienwohnungen.

Bauliche Veränderungen nur mit Genehmigung des Bezirksamtes

Die neue Verordnung soll für ein Gebiet zwischen Behrenstraße, Wilhelmstraße, Mohrenstraße und Voßstraße gelten. Die Häuser gehörten früher der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, die sie vor mehr als zehn Jahren verkaufte. Wenn die Eigentümer die Häuser abreißen, anders nutzen oder baulich verändern wollen, brauchen sie dazu künftig die Genehmigung des Bezirksamtes Mitte. Diese Genehmigung kann verweigert werden, wenn die städtebauliche Gestalt des Quartiers durch geplante Änderungen beeinträchtigt wird.

Städtebauliche Erhaltungsverordnungen gelten auch in anderen Gebieten in Berlin, darunter in der Luisenstadt und am Urbanhafen in Kreuzberg, in der Altstadt Köpenick und in der Altstadt Spandau.