Jugendtheater-Wettbewerb

Die vielen Gesichter der Flucht

Zum bundesweiten 37. Theatertreffen der Jugend wurden acht Produktionen ins Haus der Berliner Festspiele eingeladen – zwei davon aus Berlin.

Probe der Akademie der Autodidakten  im Ballhaus Naunynstraße: Am Sonnabend wird das Stück „One day I went to *idl“ auf der Berliner Festspielbühne präsentiert

Probe der Akademie der Autodidakten im Ballhaus Naunynstraße: Am Sonnabend wird das Stück „One day I went to *idl“ auf der Berliner Festspielbühne präsentiert

Foto: © Wagner Carvalho

Englisch, Arabisch, Farsi, Französisch, Deutsch, Italienisch – alle reden aufeinander ein, keiner versteht den anderen. Amanda Mukasonga, die Kleinste von allen, gebietet Einhalt: „Ruhe! Woher kommt ihr eigentlich?“ Noch ein paar Mal wird sie auf der Werkstattbühne des Ballhauses Naunynstraße nach Ruhe schreien müssen, bis die Szene sitzt. Schließlich ist es eine der Endproben. An diesem Sonnabend präsentiert die Akademie der Autodidakten, die zum Ballhaus gehört, ihr Stück „One day I went to *idl“ auf der großen Bühne der Berliner Festspiele. Es ist eine der ausgewählten Produktionen beim diesjährigen Theatertreffen der Jugend.

104 Bewerbungen gab es für diesen Bundeswettbewerb, der nun schon zum 37. Mal stattfindet. Acht Ensembles wurden ausgewählt. Als Gewinn können diese nun in Berlin ihre Stücke zeigen und an Workshops teilnehmen. Zwei Beiträge kommen in diesem Jahr aus Berlin, einer ist „One day I went to *idl“. Es geht um Flucht, ums Ankommen, um Erfahrungen als Migranten und Postmigranten.

Die meisten Darsteller haben selbst eine Flucht erlebt

Die meisten der 13 Darsteller zwischen 21 und 29 Jahren haben selbst eine Flucht erlebt. Amanda Mukasonga ist als kleines Mädchen mit ihren Eltern aus Ruanda geflohen, Benita Bailey ist zwar in Deutschland geboren, aber ihre Mutter flüchtete aus Äthiopien. Und Musa Aslambekov kommt aus Tschetschenien. In seinen ersten Lebensjahren hat er nur Krieg erlebt. „Die meiste Zeit habe ich im Keller verbracht, und wenn ich wieder rauskam, habe ich auf der Straße Waffen und Tote gesehen“, erzählt er auf der Bühne, „mit fünf Jahren konnte ich schon jede Waffe erkennen.“ Als er dann nach Deutschland kam, schaute er zuerst auch immer auf die Straße, aber da lag nichts.

Die Lebensgeschichten dieser jungen Menschen sind eindrucksvoll und sie geben dem Thema Flucht und Migration viele Gesichter. Darum ging es auch den beiden Spielleitern Adrian Figueroa und Theresa Henning. „Das Thema Flucht verbindet alle, und die Bühne ist ihr Sprachrohr“, sagt Henning. Und Figueroa ergänzt: „Wir wollten nicht ein Stück aus der Opferperspektive machen, sondern die Lebensrealität des Refugee-Seins zeigen, mit all seinem Ernst, aber auch mit Humor.“ Oft sei das Projekt aber eine Herausforderung gewesen, gibt er zu. Immer war jemand verhindert, musste zur Arbeit oder aufs Amt. Die Flüchtlingsrealität machte eben auch vor dem Theater nicht Halt.

Ein Youtube-Hit als Ausgangspunkt

Ausgangspunkt des Stücks ist der Youtube-Hit „One day I went to Lidl“ von Afrikan Boy, einem Rapper, der aus Nigeria stammt und der in dem millionenfach geklickten Song erzählt, wie er als Flüchtling nach England kam – ohne Geld, ohne Papiere. Davon, wie er hungrig und durstig bei Discountern Saft und Tiefkühlhähnchen klaute, erwischt wurde und Hausverbot bekam. Der Rapper war an der Entwicklung des Stücks beteiligt und steht mit auf der Bühne.

Das Ergebnis hat die Jury des Theatertreffens überzeugt. „Besonders die multiperspektivische Sicht auf das Thema Flucht ist bemerkenswert, und wie sich das Spannungsverhältnis zwischen Migranten und Postmigranten darstellt“, sagt Maike Plath, Theaterpädagogin und seit acht Jahren Jurorin beim Theatertreffen der Jugend. Beeindruckt war sie zudem von dem innovativen Format, mit dem die jungen Menschen hier ihre Innenperspektive präsentieren.

Für die meisten Darsteller ist die Akademie der Autodidakten mehr als nur ein Hobby. Benita Bailey hat gerade ihre Schauspielausbildung beendet, Musiker Lexodus ist extra aus England gekommen, weil er unbedingt dabei sein wollte. Amanda Mukasonga rappt, dichtet und schauspielert auch sonst in ihrem Leben. Die Profession ist kein Muss. Der 26 Jahre alte Tschetschene Musa Aslambekov ist schon seit Jahren an der Akademie der Autodidakten, studiert aber eigentlich Informatik. „Theater spiele ich, weil es mir hilft, das, was ich erlebt habe, zu verarbeiten.“

Jahrgang sehr politisch geprägt

„One day I went to *idl“ ist nicht das einzige Stück, das sich beim diesjährigen Theatertreffen der Jugend mit Flucht beschäftigt. „Es gibt keine Vorgaben, aber die meisten Beiträge haben sich mit diesem Thema beschäftigt, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven“, sagt Jurorin Maike Plath. Überhaupt sei der Jahrgang sehr politisch geprägt. Neben Flucht geht es bei den acht gezeigten Produktionen auch um Klimawandel, um Fragen der Vielfalt, der Rolle der Frau, um Heimat. Aber auch dem Thema Unterhaltung auf der Bühne widmet sich ein Beitrag, es ist die zweite Produktion aus Berlin.

Sie trägt den etwas geheimnisvollen Titel „P14/Zeitmaschine IV: Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand“ und steht am Freitag bei den Berliner Festspielen auf dem Programm. Entstanden ist das Stück im Jugendtheater P14 der Volksbühne. „Darin geht es vor allem um die Frage, was Unterhaltung überhaupt ausmacht“, erklärt Vanessa Unzalu-Troya, Projektleiterin von P14.

Die Produktion, die nicht nur den Titel der Büchner-Komödie „Leonce und Lena“ auf den Kopf stellt, entwickelte sich im vergangenen Jahr, anlässlich des 100. Geburtstags der Volksbühne. Nach dem Motto „Macht euer Theater selber“ arbeiten die Jugendlichen bei P14 weitgehend autark und werden kaum von Theaterprofis angeleitet. Die Regisseurin selbst ist erst 19 Jahre alt und damit genauso alt wie im Schnitt die Darsteller.

Jugendtheater auf immer höherem Niveau

Die zwei Berliner Produktionen sind direkt an einem Theater entstanden, so wie die meisten Stücke beim Theatertreffen. Aber es gibt auch Beiträge freier Gruppen und von Schulen. Mit der verkürzten Schulzeit sei es allerdings immer schwieriger, Theaterproduktionen umzusetzen, sagt Maike Plath. Andererseits hat das Theater durch das Fach Darstellendes Spiel, das in Berlin und in manchen anderen Bundesländern an Schulen angeboten wird und sogar als Prüfungsfach im Abitur gewählt werden kann, wieder mehr Raum gefunden.

„Insgesamt beeindruckt mich, wie sehr das Niveau von Jugendtheater in den letzten Jahren gestiegen ist“, sagt Maike Plath. Und dass gleich zwei Berliner Produktionen dabei sind, wundert sie nicht: Hier findet eben viel Theater statt, „dadurch können Jugendliche schon sehr früh einen Zugang zum Theater bekommen und ihre Erfahrung damit schärfen“.