Zwölf Stunden

Ein Rummelplatz erwacht

Die Steglitzer Woche ist eines der beliebtesten Volksfeste Berlins. Ein eingespieltes Team kümmert sich um Live-Entertainment und Fahrgeschäfte

Ein täglicher Kontrollgang an seinem Fahrgeschäft, dem „Magic“-Karussell, ist für Thomas Kuss Routine

Ein täglicher Kontrollgang an seinem Fahrgeschäft, dem „Magic“-Karussell, ist für Thomas Kuss Routine

Foto: Sergej Glanze / Glanze

10:15 Sicherheit geht vor. „Das ist äußerst wichtig“, sagt Thomas Kuss. „Nicht nur für die Gäste, sondern auch für alle, die hier arbeiten.“ Ein täglicher Kontrollgang am „Magic“-Karussell ist für ihn deshalb Routine. Gerade schraubt er an der Lehne einer großen Gondel herum, in der sich die Besucher nachher herumwirbeln lassen können. „Da ist ein Quietschen drin, das will ich abstellen.“ Bevor der Rummel startet, überprüft Kuss sämtliche Schraub- und Steckverbindungen an seinem Fahrgeschäft.

12:30 Monika Zenker und Karl Fichert sind bereits fertig mit ihren Vorbereitungen und nutzen die Ruhe vor dem Sturm, um noch ein wenig die Handys zu bearbeiten. In ihrer Glücks-Post werden große und kleine Preise verlost. „Gestern sind allein 14 oder 15 von den Riesen-Teddys rausgegangen“, sagt Fichert. Das muss am nächsten Tag natürlich alles wieder aufgefüllt werden, inklusive der vielen Kleingewinne, die die glücklichen Gewinner am Vortag mit nach Hause genommen haben. Ein Einzellos gibt es schon für 30 Cent. Wenn eine sechsköpfige Familie mit Eltern und Großeltern gemeinsam spielt, lässt sich mit sechs Gewinnerlosen ein Hauptgewinn absahnen.

13:00 Das Fahrgeschäft „Happy Family“ ist wohl die größte Familienattraktion des Festes, ein verrückter Parcours über fünf Etagen. Wackelböden, drehende Walzen, eine gekringelte Rutsche, bewegliche Laufbänder oder Wasserfontänen müssen überwunden werden. „Insgesamt 37 Stationen“, sagt Tanja Heine. Während ihr Team durchputzt, checkt sie noch einmal die Lichtanlage am ‚verrückten Elbtunnel’. Die zwei in unterschiedlichen Richtungen rotierenden Röhren, durch die man hindurch muss, sind eine der größten Herausforderungen der Spaßstrecke.

14:50 Shetlandpony Texas hat den Vormittag auf der Weide verbracht und muss sich nun für die Arbeit fertig machen – bzw. fertig machen lassen. Einer striegelt, der andere sattelt auf – dem kleinen Pony geht es dabei sichtlich gut. „Auf Texas reiten Kinder mit bis zu 20 Kilo Gewicht, auch wenn er deutlich mehr tragen könnte“, sagt Alexander Lauenburger, der den Reitstand betreibt. Vom Zwergpony bis zum Haflinger findet bei ihm jeder etwas in seiner Größe. „Letztes Jahr kam sogar eine über 80-jährige Dame zu mir“, sagt er. „Die noch nie auf einem Pferd gesessen hatte und das unbedingt nachholen wollte.“

15:10 Kaum öffnet das Fest für den Publikumsverkehr, stehen die ersten Leckermäuler an Melanie Koppes Eisstand. Sie verkauft blaues, rotes und colafarbenes Slush-Eis sowie das beliebte Softeis, das mit verschiedenen Saucen wie dem grünen Apfelsirup aufgepeppt wird. An einem heißen Tag geht hier mächtig etwas über die Ladentheke: „Zählen kann man das nicht mehr, aber wenn zwei Waffelkartons mit je 800 Waffeln leer sind, dann kann man wirklich zufrieden sein.“

16:40 Fennie Sipkema turnt auf ihrem Fahrgeschäft herum und hängt neue Preise an die Überdachung. Sipkema hat den weiten Weg von den Niederlanden nach Steglitz gemacht; sie entstammt einer holländischen Schausteller-Dynastie, „seit dem 19. Jahrhundert schon liegt das in unserer Familie“. Auf der Steglitzer Woche bietet sie das Fadenziehen an. Ein uraltes Volksfestspiel, so einfach wie amüsant: Aus einem ganzen Bündel an Strippen wählt man drei aus, zieht daran befestigte Figuren ins Blickfeld und wer drei gleiche hervorzieht, bekommt einen Preis.

17:45 Die Verkabelung liegt längst, nur die „Mikrofonierung“ für den heutigen Abend muss noch eingetaktet werden. Die Bühnentechniker Jesko und Felix haben für den Live-Act alles bis ins Detail vorbereitet. „Manchmal ist es ein bisschen knifflig, gegen die Beschallung der anderen Stände anzukommen, aber mit unserer Anlage können wir letztlich jeden Zweikampf gewinnen.“ Jeden Tag gibt es Livemusik auf der Steglitzer Woche, was dem Volksfest besonders viel Anziehungskraft gibt.

18:20 Bunte Blümchen pflücken und dafür ein Kuscheltier abstauben – zumindest die kleinen Zwillinge von Familie Litwinski könnten sich das Schlaraffenland tatsächlich so vorgestellt haben. Die junge Familie hat ihren Spaß bei diesem Gewinnspiel. Es winkt schließlich auch ein großer Pandabär als Trophäe.

19:05 Frühling ist Bowlen-Zeit und somit ist Nancy Neupert mit ihrer Bar „Tiki-Bowle“ zur richtigen Zeit am richtigen Ort. In riesigen Pokalen setzt sie bunte Bowlen an, deren Rezepte sie selbst entwickelt, von der kindertauglichen alkoholfreien Bowle bis hin zu blauer Litschi- oder roter Exotic-Bowle. „Am stärksten ist die Mango-Wodka-Bowle.“

19:50 Anna Melcher setzt den „Füller“ auf die Mündung und rüttelt mit routinierten Drehbewegungen Bleikugeln ins Magazin. „125 Schuss passen hinein“, sagt die waffenerprobte junge Dame, die den Schießstand beaufsichtigt, „allerdings muss man nach jedem Schuss einzeln nachladen“. Mit einem Zählwerk an der Seite der Gewehre behält sie den Überblick, wer wie viele Schüsse zu bezahlen hat. Melcher gibt auch gleich eine Probe ihres Könnens – wenn jeder ihrer Kunden so sicher zielen könnte, wäre der Vorrat an Preisen schnell aufgebraucht.

21:15 Als zweiter Vorsitzender des Berliner Schaustellerverbandes war Jens Zocher mittags noch auf der Vorstandssitzung und freut sich über einen sensationellen Einstieg in die Steglitzer Woche in diesem Jahr: „So voll war es noch nie, allein am ersten Sonnabend hatten wir bestimmt 20.000 Besucher“, sagt Zocher. „Nach einem Tief in den 80er-Jahren ist die Steglitzer Woche inzwischen wieder eines der besten Feste Berlins geworden, wir kooperieren dafür auch bestens mit dem Bezirk.“ Zocher betreibt Stände auf dem Gelände, an denen er Crêpes, Knoblauchbrot oder „Mais im Becher“ verkauft. „Der Mais im Becher ist ein typischer Snack aus Mexiko, das habe ich auf Youtube entdeckt und biete es jetzt in Berlin an.“ Von höllisch scharf bis zuckrig darf man sich den Mais ganz nach Gusto würzen lassen.

22:10 Um zehn ist Schluss, zumindest unter der Woche, freitags und sonnabends wird immerhin bis 23 Uhr gefeiert. Um Klagen wegen Ruhestörung zu vermeiden, wird pünktlich Feierabend gemacht und schon ein paar Minuten später beginnen die Aufräumarbeiten. Am nächsten Tag glänzt der Rummel dann wieder wie aus dem Ei gepellt und es wird heißen: Auf ein Neues!

64. Steglitzer Woche Bäkepark, Steglitz, bis 12. 6., Mo.-Do., 15-22 Uhr, Fr., 15-23 Uhr, Sbd. 14-23 Uhr, So. 14-22 Uhr, Eintritt frei