Architektur

Nachhaltig und modern: Mit Lehm und Bambus Zukunft bauen

Der Berliner Architekt Eike Roswag-Klinge setzt auf traditionelle und natürliche Baustoffe – mit zunehmendem Erfolg in aller Welt.

Architekt  Eike Roswag-Klinge  in seinem Berliner Büro

Architekt Eike Roswag-Klinge in seinem Berliner Büro

Foto: Reto Klar

Schon das Gründungsprojekt war richtungsweisend. Mit einem Lehmbau in der Märkischen Schweiz in Ihlow startete Architekt Eike Roswag-Klinge 2003 die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren Christof Ziegert und Uwe Seiler. Als „Ziegert Roswag Seiler Architekten und Ingenieure“ firmiert die Berliner Bürogemeinschaft, die sich nachhaltigen Bau- und Konstruktionsweisen verschrieben hat und damit international aktiv und erfolgreich ist.

Ob im Umland, wie bei dem Wohnhaus aus Lehm, einem Holzhaus mit vorgehängter Schieferschindelfassade in Wannsee, Sanierungsprojekten im Emirat Abu Dhabi oder Neubauten auf dem indischen Subkontinent. Dort realisierte Eike Roswag-Klinge mit Anna Heringer und lokalen Handwerkern in Bangladesch eine Grundschule aus Lehm und Bambus für gerade mal 30.000 Euro Baukosten. „Wir haben das mehr oder weniger ehrenamtlich gemacht“, sagt Roswag-Klinge beim Gespräch in seinem Kreuzberger Büro.

Der Baustoff Lehm funktioniert wie eine natürliche Klimaanlage

„Lehm kann die Feuchtigkeit steuern und Wärme speichern. Er kühlt die Räume im heißen Sommer und sorgt dafür, dass es im Winter angenehm warm ist“, erläutert der Architekt die Vorteile des nachhaltigen und schadstofffreien Naturbaustoffs. „Lehm funktioniert wie eine natürliche Klimaanlage und schafft ein gesundes Raumklima“, betont Roswag-Klinge. Lehm eigne sich auch zur Dämmung, beispielsweise auch innen mit Holzfaser und Lehmputz. Beim Um- und Ausbau einer Stadtvilla in Westend dämmte der Planer aber auch mit dem Naturprodukt Schilff.

Die Folgen konventioneller Dämmung: Pestizide im Wasserkreislauf

„Wir müssen dämmen, aber mit den richtigen Materialien“, sagt Roswag-Klinge und verweist im gleichen Atemzug auf die schwerwiegenden Folgen des konventionellen Dämmwahns mit Styropor. „Die signifikante Erhöhung von Pestiziden im Wasserkreislauf ist nicht der Landwirtschaft geschuldet, sondern vielmehr der Dämmung von Wohnhäusern mit Styropor, das zum Schutz vor Veralgung mit Pestiziden bestrichen wird, die wiederum vom Regen abgewaschen im Wasserkreislauf landen.“

Schule in Bangladesch: Ein Vorzeigeprojekt nachhaltiger Architektur

Die „School handmade in Bangladesh“ wurde bereits 2006 fertiggestellt, gilt aber nach wie vor als Vorzeigeprojekt nachhaltiger so wie auch interkultureller Bauweise. Sie wird deshalb auch in der Hauptausstellung der aktuellen Architektur-Biennale in Venedig gezeigt, die am vergangenen Sonnabend eröffnet wurde. Das Besondere an dem Entwicklungsprojekt ist neben dem Einsatz lokaler Materialien auch der sozialgesellschaftliche Aspekt der Zusammenarbeit mit den lokalen Handwerkern vor Ort.

Die Schule mit einem Erdgeschoss aus Lehm und einem mit Bambus aufgestockten Obergeschoss erhielt 2007 auch einen der weltweit renommiertesten Architekturpreise, den Aga Khan Award. Roswag-Klinge ist zudem Preisträger des ebenfalls international bedeutenden Holcim-Awards Gold, den der Wahlberliner 2011 für eine in Pakistan realisierte Schule aus Lehm erhielt. Mittlerweile hat der er 14 Schulen realisiert.

Ökologische und zeitgemäße Architektur mit Lehm

Beispielhaft im OEuvre des Berliner Architekten ist aber auch sein in traditioneller Stampflehmbauweise realisiertes „Haus Ihlow“ im Umland. Bei dieser bereits vor der Römerzeit entwickelten Technik wird erdfeuchter Lehm in eine Holzverschalung gestampft. „Das ist eine vom Material her preisgünstige, vom Personalaufwand aber eher intensive und deshalb in unseren Breitengraden etwas teurere Bauweise“, sagt Roswag-Klinge.

Der Bauherr des Stampflehmbaus in Brandenburg kam aus der Filmbranche und hatte die Nase voll von Papphäusern, er wollte einen soliden und modernen Anbau an eine alte Feldsteinscheune. Für die ökologische und zugleich zeitgemäße Architekturlösung erhielt Roswag den Brandenburgischen Architekturpreis.

„Lehmbauten haftet zu Unrecht oft noch ein Stigma an. Sie gelten im negativen Sinne als dörflich, grob, öko und rustikal. Dabei lässt sich mit dem Naturbaustoff mittlerweile durchaus zeitgemäße und moderne Architektur realisieren, so wie man auch mit Holz gutes Design bauen kann“, betont Roswag-Klinge. Die Auszeichnungen geben ihm Recht.

„Natürlich ist es toll, so große Preise zu gewinnen, aber ich will der bleiben, der ich bin“, sagt Roswag-Klinge. Der 47-Jährige stammt aus einem Dorf in Mittelhessen nahe Gießen, wo seine Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Rinderzucht und Schnapsbrennerei hatten.

„Dass ich mal Landwirt werde, stand nie zur Diskussion“, sagt Roswag-Klinge, der nach dem Abitur erst einmal eine Tischlerlehre machte, bevor er später an der TU in Berlin Architektur studierte. Dass er damals nicht an seiner Wunsch-Hochschule in Kassel ein Studienplatz bekam, sondern in Berlin landete, betrachtet er im Nachhinein „als Glücksfall“.

Prägendes Praktikum während der Studienzeit in Mexiko

Bescheidenheit und positives Denken begleiten den Architekten seit einer prägenden Erfahrung während eines Praktikums in Mexiko. „Ich war 1999 im Rahmen meines Studiums dort. Wir haben mit einer Frauenkooperative eine Dachziegelwerkstatt und dörfliche Kulturhäuser gebaut. Das war ein tolles Projekt, das mich nachhaltig geprägt hat.“

Beim Thema nachhaltiges Bauen und dem Einsatz von Naturmaterialien wie Lehm, Holz oder auch Bambus ist Roswag-Klinge nach wie vor international gefragt. Ob es im Emirat Abu Dhabi um die Sanierung jahrtausendealter Lehmbauten geht oder um europäische Forschungsprojekte wie jenes für das „H House“, das gesunde Haus der Zukunft. Dafür nutzt das Team von Roswag-Klinge auch das Labor im Berliner Büro, wo alte Lehmproben untersucht oder auch neue Lehmbaustoffe entwickelt und getestet werden.

Wie man mit traditionellen Baustoffen auch im 21. Jahrhundert Zukunft bauen kann, die auch ästethischen Ansprüchen genügt, zu diesem Thema hält Roswag-Klinge nächsten Montag, am 6. Juni , in Berlin den Eröffnungsvortrag auf der Fachtagung „Womit baut man Zukunft“. Die Veranstaltung von „natureplus“, ein internationaler Verein für zukunftsfähiges Bauen und Wohnen, findet in der Heinrich-Böll-Stiftung statt. Dort präsentiert Roswag-Klinge auch ausgewählte Projekte. Aktuell plant der Architekt unter anderem in Berlin einen großen Gewerbebau: Für die IGA 2017 in Marzahn hat er einen Bambusturm entwickelt. Acht Meter hoch soll das Bau-Schmuckwerk auf der internationalen Gartenausstellung im kommenden Jahr für den Baustoff Bambus werben.

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