Prozess

Mordprozess in Neuruppin: „Er war dann einfach tot“

Im Prozess gegen Erna F., die ihren Sohn umgebracht haben soll, spielt ein Video mit Aussagen der Mutter eine wichtige Rolle.

Die Angeklagte Erna F. (2.v.r.) wartet in Neuruppin im Gericht mit ihrem Anwalt Uwe Furmanek auf den Verhandlungsbeginn

Die Angeklagte Erna F. (2.v.r.) wartet in Neuruppin im Gericht mit ihrem Anwalt Uwe Furmanek auf den Verhandlungsbeginn

Foto: Bernd Settnik / dpa

Sie sind Schwestern, und sie sitzen ganz dicht hintereinander im Verhandlungssaal des Landgerichts Neuruppin. Aber jede in einer Reihe. Es ist genug Platz, sie könnten problemlos nebeneinander sitzen. Darauf jedoch legen sie keinen Wert. Carmen W. ist 54 Jahre alt, Martina F. 45. Als ihr Bruder Mario in der Nacht zum 5. November 1974 starb, waren sie zwölf und vier Jahre alt.

Ihre Mutter soll ihn getötet haben. Mit Gas. Die 75-jährige Erna F. sitzt rund 15 Meter entfernt vor der Richterbank. Sie ist angeklagt wegen heimtückischen Mordes. Erna F. macht in der Verhandlung von ihrem Schweigerecht Gebrauch. Aber an diesem Dienstag ist ihre Stimme nun doch noch zu hören. Das Gericht hat angeordnet, eine Videoaufnahme in die Beweisaufnahme einzuführen, mit einer Vernehmung der Erna F. am 30. Januar 2013 im Landeskriminalamt in Hannover.

Auf dem Video wirkt die Angeklagte nervös

In Neuruppin vor Gericht wirkte die schweigende Erna F. sehr resolut. Auf dem vor dreieinhalb Jahren gedrehten Video, das im Verhandlungssaal auf einer Leinwand abgespielt wird, ist sie eine unsichere, nervöse, stammelnde Frau. Sie wird von einem Beamten zum Abend des 4. November 1974 befragt, rasselt den Tagesablauf herunter: gemeinsam essen, Kinder waschen, anschließend durften sie sich noch vor den Fernseher setzen, und danach ging es ins Bett.

Sie war geschieden, nur sie und die Kinder befanden sich in der Drei-Zimmer-Wohnung in der Ernst-Thälmann-Straße im brandenburgischen Schwedt. Die Mädchen übernachteten im Schlafzimmer, Erna F. im Wohnzimmer, der achtjährige Sohn Mario in einem gesonderten Kinderzimmer. Er habe dort allein geschlafen, weil er nach einem Verkehrsunfall „immer so unruhig“ gewesen sei, so die Angeklagte.

Am nächsten Tag sei sie „wie immer an Werktagen um fünf Uhr aufgestanden“. Die Tür zum Kinderzimmer stand auf, die zum Schlafzimmer war geschlossen. Die Küche, hier stand der Gasherd, hatte keine Tür. Sie habe sich gewaschen, angezogen und anschließend die Kinder geweckt. „Aber Mario habe ich nicht wach bekommen“, sagt Erna F. mit brüchiger Stimme. „Er war einfach tot.“ Was folgt, klingt wirr: dass er sich erbrochen habe, vermutlich zu ihr wollte, es aber nicht mehr geschafft und sich wieder hingelegt habe.

Mario war nachweislich nicht an Erbrochenem erstickt

Kein Wort von Gasgeruch. Das ist merkwürdig. Denn Mario war nachweislich nicht an Erbrochenem erstickt. Bei einer pathologischen Untersuchung in der Charité wurde im Blut des verstorbenen Kindes ein Kohlenmonoxidgehalt von 73 Prozent festgestellt. Verursacht durch ausströmendes Stadtgas. Im Prozess sagte ein Gutachter, dass Mario keineswegs am Herd herumgespielt und das ausströmende Gas dabei versehentlich eingeatmet haben könnte. Nicht in dieser Menge. Dann wäre er schon vor dem Herd zusammengebrochen und hätten es nicht mehr zurück ins Kinderzimmer geschafft. Und wäre er im Bett vergiftet worden, hätte die gesamte Wohnung nach Gas gestunken.

Erna F. hingegen will am Morgen des 5. November 1974 „nichts gerochen“ haben. Auch andere Hausbewohner hätten keinen Gasgeruch wahrgenommen. Die ältere Tochter Carmen habe damals bei der Polizei angeblich gesagt, dass ein Hahn des Gasherdes offen stand. Carmen habe sich mit dem Herd ausgekannt. Die beiden Schwestern hören angespannt zu. Aber jede aus einer anderen Perspektive. Carmen W. aus der Sicht der Anklage. Martina F. auf Seite der Verteidigung. Sie begleitet die Mutter auch jedesmal zum Prozess, beide leben in Göttingen. Martina F. hat dort eine Praxis als Zahnärztin.

„Sie hat mir meine Kindheit und Jugend gestohlen“

Ihre große Schwester wurde mit 14 Jahren von der Mutter in einen Bus gesetzt und zum leiblichen Vater geschickt. Er wusste nichts davon, teilte sich im brandenburgischen Wildau mit einem anderen Mann eine Zweizimmerwohnung. Danach soll sich Erna F. um die älteste Tochter nicht mehr gekümmert haben. „Sie hat mir meine Kindheit und Jugend gestohlen“, sagt Carmen W. Auch dem Bruder sei es bei der Mutter nicht gut gegangen. Von Schlägen mit einem Ledergürtel ist die Rede.

Martina F. wiederum war das Nesthäkchen, umsorgt und geliebt. „Ich würde meine Mutter niemals in Schwierigkeiten bringen“, sagte sie und dass sie die belastenden Aussagen der älteren Schwester für abwegig halte. Über den verstorbenen Bruder Mario hätte sie mit der Mutter wenig gesprochen: „Das Thema ist ein bisschen unheimlich, man muss das immer aus ihr herausquetschen.“

Tochter hatte ihre Mutter vor Gericht schwer belastet

Am 5. August 2009 war bei der Polizei ein anonymes Schreiben eingegangen. Tenor: Erna F. habe im November 1974 ihren Sohn Mario umgebracht. Der Schreiber/die Schreiberin frage sich, wann die Frau „endlich verantwortlich gemacht werde für ihre grausame Tat“. Es spricht einiges dafür, dass Erna F.s Tochter Carmen W. dieses Schreiben verfasste. Die 54-Jährige hatte ihre Mutter vor Gericht stark belastet. Bis hin zu dem Satz: „Zu 99 Prozent denke ich, dass meine Mutter meinen Bruder Mario umgebracht hat.“

Die Mutter habe damals von ihr gefordert, der Polizei wahrheitswidrig zu sagen, dass ein Hahn am Gasherd aufgedreht gewesen sei. Für das Gericht werden die Aussagen von Carmen W. jedoch kaum verwertbar sein. Am Dienstag wird sie – vor dem Abspielen der Videovernehmung in Hannover – nochmals befragt. Weil es noch einige Ungereimtheiten gebe, so der Vorsitzende Richter.