Schüler-Wachstum

In diesen Bezirken wird der Schul-Notstand am schlimmsten

In Berlins Außenbezirken wie Spandau, Reinickendorf und Treptow-Köpenick steigen die Schülerzahlen in den nächsten Jahren rasant an.

Unsere Grafik zeigt die Entwicklung der Schülerzahlen in den einzelnen Bezirken

Unsere Grafik zeigt die Entwicklung der Schülerzahlen in den einzelnen Bezirken

Dass in Lichtenberg und Pankow dringend zusätzliche Schulen gebaut werden müssen, um auf den Zuzug der vielen jungen Familien in diese Bezirke zu reagieren, ist seit Längerem bekannt. Die neue Prognose des Senats belegt aber eine bisher in der Debatte um fehlende Schulplätze wenig beachtete Tendenz: Denn auch in Außenbezirken wie Spandau, Reinickendorf und Treptow-Köpenick steigen die Schülerzahlen in den nächsten Jahren rasant an.

So braucht Reinickendorf schon zum nächsten Schuljahr 900 mehr Plätze als noch 2015 vorhergesagt worden war. 2022 sollen die bisherigen Zahlen sogar um 1800 überschritten werden. In Spandau liegt der akute Bedarf um 500 über den bisherigen Annahmen, in sieben Jahren muss in der Havelstadt mit 2000 Schülern mehr gerechnet werden als bisher. In Tempelhof-Schöneberg sind akut mehr als 800 zusätzliche Kinder unterzubringen, 2022 dann sogar 2300 mehr als angenommen.

In Spandau sind vor allem die aktuellen Herausforderungen eklatant. Im September soll die Schülerzahl um 9,5 Prozent höher liegen als im laufenden Schuljahr. In Reinickendorf liegt der entsprechende Wert bei 6,4, in Lichtenberg bei 5,2 Prozent. Offenbar gehen die Planer davon aus, dass hier zusätzlich viele Flüchtlingskinder in die regulären Schulen drängen. Bisher gebe es keine Hinweise von den Bezirken, dass sie mit dieser kurzfristigen Nachfrage nicht umgehen könnten, heißt es aus der Bildungsverwaltung.

453 Millionen Euro sollen für mehr Plätze investiert werden

Die Senatsbildungsverwaltung mit der Senatorin Sandra Scheeres (SPD) an der Spitze ist in einen harten Wettlauf mit der wachsenden Stadt eingetreten. Wenn es nicht gelingt, Schulen deutlich schneller zu bauen als bisher, werde es in absehbarer Zeit nicht genügend Kapazitäten geben, heißt es aus der Verwaltung. Mit dem am heutigen Dienstag im Senat präsentierten Beschleunigungsmodell sollen wichtige Schritte in diesem Rennen erfolgen.

Die Sprecherin der Bildungsverwaltung, Beate Stoffers, verweist auf die massiven Anstrengungen der vergangenen Jahre. 2011 bis 2015 habe Berlin 1,2 Milliarden Euro in Schulbau und Schulsanierung gesteckt. Zwischen 2015 und 2019 sollen laut Investitionsplanung des Senats 453 Millionen Euro in zusätzliche Schulkapazitäten fließen.

Bis 2019 seien 20.000 zusätzliche Plätze in der Planung. Ob das reichen wird, um den erwarteten Bedarf der Eltern zu befriedigen, ist fraglich. Die Prognose geht davon aus, dass die Schülerzahlen im betreffenden Zeitraum um 30.000 wachsen werden.

Die meisten künftigen Schüler in Berlin müssen dann aber in Containern, sogenannten Modularen Ergänzungsbauten (MEBs) lernen. Diese Fertiggebäude brauchen nur 1,5 Jahre Bauzeit und weisen inzwischen einen Standard auf, der mit herkömmlichen Schulcontainern wenig zu tun hat, wie die Bildungsverwaltung nicht müde wird zu betonen.

Die aus der Bevölkerungsprognose der Stadtentwicklungsverwaltung abgeleitete Vorhersage über die Entwicklung der Schülerzahlen hat die Planer der Bildungsbehörde hart erwischt. Bis vor wenigen Wochen rechneten sie mit 35.000 zusätzlichen Schulplätzen bis 2024, jetzt geht man von 75.000 aus. Die Zahl der Schüler soll von 302.000 auf 377.000 steigen. Benötigt werden 36.000 zusätzliche Grundschulplätze, 30.000 Plätze für die Sekundarstufe I (siebte bis zehnte Klasse). 5.500 weitere Schüler müssen in der Sekundarstufe II, also der Jahrgänge elf bis 13) untergebracht werden. Insgesamt wird für die Gymnasien eine wesentlich langsamer steigende Nachfrage erwartet als in den Integrierten Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe.

„Berlin braucht 60 zusätzliche Schulen“

Dass es möglich ist, so viele Kinder zu unterrichten, ist unstrittig. „Wir hatten nach der Wende auch schon 400.000 Schüler in der Stadt“, sagte Behördensprecherin Stoffers.

Die Opposition teilt den zur Schau gestellten Optimismus der Senatsverwaltungen jedoch nicht. Die Grünen gehen davon aus, dass die Planungen des Senats den Bedarf nicht decken werden. Sie rechnen bis 2024 mit einer Lücke von 81 Zügen oder 1900 Schulplätzen an Gymnasien, 139 Zügen (3300 Plätze) an den Sekundarschulen und 117 Zügen (2800 Plätze) an Grundschulen, für die bisher noch keine Baupläne bestünden.

Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Stefanie Remlinger, nennt die Beschleunigungspläne der Senatorin für elf Schulbauten eine „Alibi-Veranstaltung“, denn diese Plätze seien sowieso schon vorgesehen. „Ich sage seit Jahren, dass wir 60 zusätzliche Schulen in Berlin brauchen“, sagte Remlinger.

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