Altes Postfuhramt

Die Hackeschen Höfe von Schöneberg werden saniert

Wo früher nur Postautos und die „Fräulein vom Amt“ Zugang hatten, entsteht eine Symbiose aus Wohnen, Gewerbe und Gastronomie für das Publikum.

Die Sanierung brachte die kunstvollen Deckenmalereien zum Vorschein.

Die Sanierung brachte die kunstvollen Deckenmalereien zum Vorschein.

Foto: Reto Klar

Einst beluden hier Männer mit Uniformkappe und Schnurrbart die ersten Berliner Postautos, „Fräuleins vom Amt“ schalteten Fernsprechverbindungen. Heute residieren hinter der sandsteinverzierten Backsteinfassade an der Schöneberger Hauptstraße eine Management-Hochschule und ein IT-Start-up, das die Computerspielewelt verändern will, ein Kabbalah Center lehrt Spiritualität und ein Sportstudio Taekwondo.

Bevor der Immobilienentwickler Trockland Anfang 2014 das frühere Reichspost- und Postfuhramt West im Akazienkiez erwarb, waren viele der zuletzt von der Telekom genutzten Gebäude verwaist. Jetzt zieht neues Leben auf das gut 11.700 Quadratmeter große Areal, das sich mit Seitenflügeln und Quergebäuden bis zur Belziger Straße erstreckt. Passend zur Lebendigkeit des Viertels, soll eine Symbiose aus Neubau und saniertem Denkmal künftig Gewerbe, Wohnen und Gastronomie umfassen.

Ornamente an der Decke beim Umbau entdeckt

„Das Gelände hat eine Historie, die die Architektur aus drei Bauphasen widerspiegelt“, sagt Projektleiterin Gesine Lenz. Daran knüpft Trockland an. Die Sanierung des denkmalgeschützten Bestands ist im vollen Gange. Im ersten Hinterhaus sind die Büroetagen bereits bezogen. Vom Trockland-Sitz geht der Blick aufs Postamt, in dem die Berliner ab 1935 in einer „Fernsehstube“ neben den Schaltern Sendungen von Fernseh-Pionier Paul Nipkow verfolgen konnten. Im Erdgeschoss des 1901/02 für die Reichspost errichteten Klinkerbaus, dessen historisches Dach über der Neorenaissance-Fassade derzeit rekonstruiert wird, werden weiterhin Briefmarken verkauft und Päckchen angenommen.

Um künftigen Mietern Gestaltungsfreiraum zu geben, werden die Gebäude entlang der drei Innenhöfe nach und nach restauriert. Von 1907 stammt das Maschinenhaus für die Rohrpostanlage. Zwei Jahrzehnte später entstand das Fernsprechamt. In dessen sieben Meter hoher Halle mit hochliegenden Fen­stern, die zwar viel Licht geben, die „Fräuleins“ aber nicht zum müßigen Hinausschauen verleiten sollten, designten die Stararchitekten vom Büro Graft in gleichermaßen organischer wie futuri­stisch anmutender Exklusivität das Kabbalah Center Deutschland.

Schwebender Neubau über dem alten Pförtnerhaus

Viel Weiß an Wänden und Böden bringt die beim Umbau freigelegte Deckenmalerei zur Geltung. Die meisten der Verzierungen seien überstrichen gewesen, sagt Gesinde Lenz. Segen und Fluch zugleich: Die Halle diente zwischenzeitlich als Kantine, der Lack schützte die ornamentalen Muster, „aber unsere Restauratoren hatten auch ganz schön zu tun“, so Lenz.

Im zweiten Innenhof soll ein Café Besucher ins Postfuhramt locken. Spalierbäume arbeiten sich entlang der künftigen Außenterrasse an der Grundstücksgrenze hoch, für die blanke Fassade des Nachbarhauses spendierte Trockland ein Wandgemälde. Auch für das fast possierlich wirkende Kesselhaus im nächsten Hof sucht der Investor Gastronomen. Spandauer Vorstadt-Flair in Schöneberg: „Bisher“, sagt Gesine Lenz, „kennen nur Eingeweihte den Fußweg über das Grundstück.“ Künftig sollen die Höfe zwischen Belziger und Hauptstraße Publikum einladen. Autos werden verbannt, für die Mieter wird es 90 Stellplätze in einer Tiefgarage geben. Betriebsam ist der Untergrund ohnehin: Etwa 2000 Quadratmeter misst ein Kabelkanal längs durch das Grundstück, den weiterhin die Telekom nutzt.

Gewohnt wird auf dem Areal künftig in Studios und Dreieinhalb-Zimmer-Wohnungen, deren Mietpreise sich „am Markt orientieren“, wie es heißt. An Mieter mit Minijob jedenfalls wendet Trockland sich nicht – Neubauwohnungen des Unternehmens in Prenzlauer Berg sind nicht unter 20 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter im Angebot. Im Akazienkiez sind zwei Neubauten vorgesehen, für den ersten an der Belziger Straße werde im Juni mit der Baugenehmigung gerechnet, sagt Lenz. Weil das dortige Pförtnerhaus erhalten bleiben muss, wird darüber ein sechstöckiger, quasi „schwebender“ Trakt zwischen die Nachbarhäuser gesetzt.

Ebenso wie beim exklusiven Mietshaus am anderen Ende des Areals, wo die Baulücke zwischen der Post und der Hauptstraße 30 mit dem Havanna Club geschlossen wird, garantieren die Graft- Architekten, deren langjährige Zusammenarbeit mit Hollywoodstar Brad Pitt auch zu ihrer Bekanntheit beitrug, extravagante Fassaden. Einheit mit dem Bestand soll der rote Backstein gewährleisten, der das Ensemble prägt. Nicht ohne Grund überschreibt Trockland das Projekt mit dem Namen „Bricks“, auf deutsch Ziegelsteine. Aufgegriffen werden auch Stilelemente des Bauhaus, die die zuletzt entstandenen Bauten des Postfuhramtes an der Belziger Straße prägten.

Bezirksamt legt Einspruch gegen Graft-Entwürfe ein

75 Prozent der Gewerbefläche sind vermietet. Wann die Wohnungen bezugsfertig sind, hängt unter anderem vom Bezirk ab: Dieser hatte beim Graft-Entwurf für die Hauptstraße gegen „die Anschlüsse des Neubaus an die beiden angrenzenden Baudenkmale“ Bedenken angemeldet. Dort werde derzeit neu geplant, sagt Gesine Lenz. Einspruch aus Bezirksamt wie Nachbarschaft kam auch dagegen, dass eine Autozufahrt nur von der Belziger Straße geplant war. Die ist Teil der vom Land Berlin ausgewiesenen Fahrradroute vom Schlossplatz in Mitte zum Wannsee.