Einfach fit

Fitness für Stubenhocker

Handy-App, Youtube oder Wii: Auch Zuhause kann man ein Fitnessstudio aufbauen – das Angebot ist riesig. Aber auch gut? Ein Selbsttest

Technische Hilfsmittel bringen den Trainer ins Wohnzimmer

Technische Hilfsmittel bringen den Trainer ins Wohnzimmer

Foto: Amin Akhtar, iStock, Montage und Illustration: BM / BM

Einer muss es ja machen. Also mache ich es. Normalerweise gehe ich ja joggen. Das finde ich fit genug. Aber das stand nicht zur Auswahl. „Fitness für Zuhause, ohne großen Aufwand – wer mag?“, hieß es in der Redaktion. Hätte ich in dem Moment nicht vorlaut gesagt: „Ich hab ’ne Wii!“, wäre dieser Kelch an mir vorübergegangen. Zumindest: „... aber ich benutze sie eigentlich nie“, hätte ich ergänzen sollen. Zu spät. Mache ich also Fitness zwischen Sofa und Esstisch, zwei meiner sonstigen Lieblingsgeräte daheim.

„Mein Fitness-Coach Club“ heißt die DVD, die ich mir so vor zwei bis vier Jahren mal übermotiviert gekauft habe, als ich sah, wie viel Spaß meine Töchter mit ihren Sportspielen auf der Wii hatten. So zwei bis vier Mal hab ich damit seitdem bestimmt auch schon trainiert. „Willkommen in deinem eigenen Fitness-Club“ heißt es da – na, dann lege ich mal los. Nein, erst muss ich mich ja noch entscheiden, was genau ich jetzt eigentlich trainieren will: Balance, Oberkörper, Flexibilität, Bauch-Beine-Po, Körpermitte und Cardio? Bauch, Beine, Po – hab ich alles, mach ich das. Dann muss ich mich wieder entscheiden: Will ich „Schlanke Taille“, „Flacher Bauch“ oder „All in one“? Ich klicke auf „Einmal alles“ und starte gemeinsam mit meinem Bauch, meinen Beinen und meinem Po in ein 29-minütiges Work-out.

Vorturnerinnen mit sanften Stimmen für die Wii

Die animierte Frau auf meinem Bildschirm macht ihre Übungen, eine andere Frauenstimme animiert wiederum mich, und im Hintergrund läuft Musik. Die geht mir schon nach wenigen Minuten auf die Nerven. „Lass deine Oberschenkel arbeiten!“ – mach ich. „Und Power!“ – äh, ok. „Kontrolliere deine Bewegungen und halte die Balance!“ – ja doch! Dabei fällt mir ein, dass meine Töchter mir beim allerersten Mal schweigend und irgendwie ungläubig zugeschaut hatten, als ich die DVD neu hatte und die Anweisungen der sanften Frauenstimme über mich ergehen ließ: „Atme!“, „Belaste nicht deine Knie!“, „Halte die Balance“ – und ich immer brav dabei. Am Ende fragte mich meine damals Sechsjährige dann sehr nachdenklich: „Mama, welche Ballons eigentlich?“ Aber ich schweife ab.

„Und jetzt: lunge back.“ Ausfallschritt nach hinten klingt natürlich viel zu sehr nach Turnen. Ich höre nur das „lunge“, denn das klingt wie „lunch“, und bekomme Hunger. Bei den „wide squats heel lift“, also der cool klingenden Variante von „breitbeinigen Kniebeugen auf Zehenspitzen“ frage ich mich, ob diese Vorturnerin da auf dem Bildschirm eigentlich normale Proportionen hat. Wie immer beim Sport denke ich über die unsinnigsten und wichtigsten Dinge gleichzeitig nach, aber hier Zuhause, allein vor dem Bildschirm, wirkt das irgendwie komischer als draußen in der Natur beim Laufen.

Die Kulisse im Film zeigt, wo’s langgeht

Geschafft! Ich fühle mich, als hätte ich Sport gemacht ohne Sport gemacht zu haben. Weil Zuhause sich für mich irgendwie nicht nach Sport anfühlt. Vielleicht habe ich auch einfach nur alle Übungen falsch gemacht – sieht ja niemand. Korrigiert also auch niemand. Und morgen habe ich dann Rückenschmerzen statt Muskelkater ... Ich klicke mich noch einmal durch die anderen Fitnessoptionen. Und lerne schnell: Wenn die Damen auf einem Holzsteg vor diversen Tempeln liegen, dann geht’s um Yoga und Flexibilität. Zwischen weiß getünchten Häusern, unter blauem Himmel mit Schäfchenwolken warten die richtigen Übungen für den perfekten Beachbody. Und ich weiß: Richtig hart wird es, wenn der Mann mit dem V-Körper (absurde Figur!) vor karger Death-Valley-Kulisse steht, in der nur noch Kakteen eine Überlebenschance haben. Ich versuche mich kurz daran. Aber stelle schnell fest, dass ich kein Kaktus bin. Außerdem muss ich meine Kräfte sparen, ich habe schließlich noch mehr vor.

Steif wie ein Brett mit der kostenlosen Handy-App

Nächstes Trainingsgerät: Handy. Die kostenlose App „5 Minute Plank“ besteht aus acht Übungen, und der Grundgedanke ist, grob zusammengefasst: Mach dich steif wie ein Brett und siehe, was du davon hast! Nämlich eine stabile Körpermitte. Ich sage es gleich vorweg: Ich bin weder Kaktus noch Brett. Ich ahne aber sehr schnell, welche Muskeln ich haben MÜSSTE, um ein richtig gutes Brett zu werden. Los geht es mit einer Minute „basic plank“, also Liegestütze halten mit geraden Armen. Dann weiter: 30 Sekunden Liegestütze auf den Ellenbogen halten, dann 30 Sekunden auf den Ellenbogen, dabei ein Bein in die Höhe, dann 30 Sekunden die andere Seite, dann jeweils 30 Sekunden auf die Seite drehen, Hüfte hoch, eine Hand stützt ab (bei mir stützt bereits der ganze Körper), die andere Hand an die Hüfte legen, dann noch einmal 30 Sekunden „basic plank“ und zum Abschluss eine weitere Minute auf den Ellenbogen.

Zwischen den Übungen lässt die App mir fünf Sekunden Zeit, um die Position zu wechseln. Schön an der App ist die Ruhe (keine nervige Musik, keine Anweisungen), unschön sind meine zitternden Muskeln und die Gewissheit, dass ich bei den Übungen ganz sicher entschieden anders aussehe als der Comicmann in dem hautengen Superheldenanzug, der die Übungen auf meinem Handydisplay vormacht. Aber: Da mich der Ehrgeiz gepackt hatte (Hallo?! Ich werde doch wohl ein Brett sein können!), kann ich stolz verkünden, dass man beim Planking schnell Fortschritte bemerkt. Ich bin inzwischen ein Schaschlikspießchen.

Fitness-Tutorials auch auf Youtube

Mit muskeltattriger Körpermitte schalte ich schließlich den Rechner ein und suche mir bei Youtube das für mich passende Fitnesstutorial. Nein, anders: Ich dachte, ich suche mir bei Youtube das für mich passende Fitnesstutorial. Ich bleibe kurz hängen bei „Bye, bye, Bauch mit Corinna Frey!“ , die in sieben Minuten Muskeln zeigt, die ich ganz sicher gar nicht habe. Außerdem hat sie im Bauchnabel ein Glitzersteinchen, das ich gar nicht haben will. Und sie trägt ein komplett überflüssiges Headset, perfekt manikürte Fingernägel und ist braun gebrannt. Das. Will. Ich. Nicht. Außerdem machen mich die Kommentare unter dem Video wütend, in denen Mädchen die Bauchmuskeln der Videoturnerin bewundern und sich selber traurig zu dick finden.

Ich klicke „Sophia Thiel – Bauch-Homework zum Mitmachen“ an. Von den gesamt 16 Minuten vergehen die ersten damit, dass die zarte Blondine erklärt, dass ein Sixpack auch mit anderen Dingen (wie der Ernährung) zusammenhängt und man von einem einmaligen Training keine Wunder erwarten kann. Das sollte zwar jeder auch so wissen, aber es ist zumindest fair ... Ich klicke mich durch weitere Videos, sehe schlanke, leicht bekleidete Frauen in Socken auf dem Wohnzimmerteppich turnen und muskulöse Sportskanonen in Fitnessstudioatmosphäre mit perfekten Outfits.

Arme wie Madonna und ein Hintern wie die Kardashians

Richtig Lust mitzumachen habe ich ehrlich gesagt bei keinem der Videos. Dafür habe ich aber ein neues Ziel (wenn mein Lachanfall jemals vorbeigeht): Demnächst teste ich nacheinander „Get Madonna’s Arms“, „Become Beyoncé With This Sexy Dance Workout“ und das „Kim Kardashian Butt Workout“. Und wenn ich dann mit Madonnas Armen und Kim Kardashians Hintern wie Beyoncé durch die Wohnung tanze, dann können die Kakteen und Bretter aber so was von einpacken.

Fazit: Gegen Sport und Bewegung ist nie etwas einzuwenden. Aber in den eigenen vier Wänden – das muss man mögen und wollen. Gut, wenn man etwas findet, das zu einem passt und sich leicht und gern auch schnell in den Alltag einbauen lässt. Am einfachsten geht das sicher mit einer kostenlosen Handy-App. Größtes Problem bei all diesen Möglichkeiten: Niemand kontrolliert, ob die Übungen auch richtig ausgeführt werden.

Alle Serienteile auch online unter: www.morgenpost.de/themen/einfachfit