Jugendarrest Lichtenrade

Die Hälfte der jugendlichen Straftäter wird rückfällig

| Lesedauer: 3 Minuten
Lorenz Vossen

Besuch an einem Ort, der jugendlichen Straftätern helfen soll, später nicht im Gefängnis zu landen. Doch das klappt häufig nicht.

Ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, mehr ist es nicht. Vielleicht sechs Quadratmeter. Auch ein Aschenbecher gehört zum Inventar. Rauchen ist erlaubt, aber nur ab 18 Jahren. Viel Zeit sollen die Bewohner sowieso nicht in ihren Zellen verbringen. Und sie haben es selbst in der Hand. „Je nach Verhalten oder Arbeitsleistung dürfen die Insassen länger draußen bleiben“, sagt Ulf Thur. Wer sich anstrengt, wird also erst später eingeschlossen. „Spätestens aber um 20 Uhr“. Als Hertha im Pokal gegen Dortmund spielte, habe man aber eine Ausnahme gemacht.

Thur, 49 Jahre, ein wuchtiger Mann mit sympathischer Ausstrahlung, arbeitet als Gruppenleiter in der Jugendarrestanstalt Lichtenrade. Jenem Ort, der jugendlichen Straftätern helfen soll, später vielleicht doch nicht im Gefängnis zu landen. Am Freitag hat die Einrichtung zum Tag der Offenen Tür geladen. Eine Zelle reiht sich neben die andere, am Ende des Flurs steht die Tischtennisplatte. Draußen warten ein Basketball- und ein Fußballplatz. In der kleinen Bibliothek steht, gut sichtbar, die Biografie von Thomas Gottschalk. Der Entertainer kam vor einiger Zeit vorbei, um mit den Bewohnern zu reden, „Das war ein Highlight“, so Thur.

Schule schwänzen, räuberische Erpressung, Körperverletzung

Doch ein Abenteuerspielplatz ist die Einrichtung nicht. Die Fenster sind vergittert, das Gelände umzäunt. Kein echtes Gefängnis, aber nah dran. Rund 700 Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren wurden 2015 in Berlin zu Jugendarrest verurteilt, die meisten davon zu Dauerarrest, der eine bis höchstens vier Wochen dauert. Es sind chronische Schulschwänzer darunter, aber auch Fälle von räuberischer Erpressung und Körperverletzung. Überwiegend Jungs mit schwarzen Kappen und schmalen Schultern, die sich an der Tischtennisplatte duellieren. Tagsüber gibt es für sie Arbeitsangebote und Workshops. Schüler gehen weiter zur Schule, müssen aber direkt danach wieder zurück.

Für 60 Insassen hat die Anstalt Platz, davon sind zehn Plätze für Frauen reserviert. Seit diesem Jahr werden auch Straftäter aus Brandenburg aufgenommen. Das Nachbarland spart dadurch, Berlin bekommt einen Obolus von 350.000 Euro im Jahr und kann seine nicht voll belegte Einrichtung besser ausnutzen.

>> „Berlin ist immer noch eine relativ sichere Stadt“

„Durch die Zusammenarbeit mit Brandenburg können wir unsere Angebote für die Insassen erweitern“, sagt Justizsenator Thomas Heilmann (CDU), der am Freitag zusammen mit seinem Brandenburger Amtskollegen Stefan Ludwig (Linke) nach Lichtenrade gekommen ist. Knapp die Hälfte der Jugendlichen schaffe es, „wieder auf die Schiene“ zu kommen. Eine Misserfolgsquote von über 50 Prozent sei natürlich sehr hoch, umgekehrt aber jeder, der später nicht im Gefängnis lande, ein Erfolg, so Heilmann.

Der Jugendarrest wird unter Experten kontrovers diskutiert. Ulf Thur erinnert sich trotzdem gerne an die Jungs, die er nach ihrer Zeit in Lichtenrade zufällig wiedertraf, und die sich bei ihm bedankten. Weil ihnen zum ersten Mal jemand zugehört hatte. Wenn auch nur für vier Wochen.