Cité Foch

Das Viertel, in dem niemand wohnen möchte

In der Cité Foch in Wittenau haben einst französische Soldaten gewohnt, jetzt verfällt sie. Eine Ausstellung dokumentiert die Geschichte.

Christiane Borgelt Architektin vor dem stillgelegtem Einkaufszentrum im Viertel Cite Foch in Reinickendorf

Christiane Borgelt Architektin vor dem stillgelegtem Einkaufszentrum im Viertel Cite Foch in Reinickendorf

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Zufahrt zum Parkhaus ist moosbewachsen. Im Zaun zum verlassenen einstigen Standort der französischen Verwaltung haben sich Plastikmüll und sonstiger Unrat verfangen. Graffiti überall, auch auf dem Schild „Privatstraße“ vor der Rue Montesquieu. Die einstmals hochmoderne Cité Foch in Wittenau, wo seit den 50er-Jahren französische Soldaten und Zivilangestellte mit ihren Familien lebten, ist an vielen Stellen ein Kiez im Niedergang oder im Dornröschenschlaf. Die Hoffnung von Anwohnern und Bezirksamt Reinickendorf ruht jetzt auf einem Milliardendeal mit dem Bund und dem langersehnten Eintreffen der Abrissbagger.

Es ist ein Viertel der Kontraste. Wo einmal 800 französische Familien wohnten, leben jetzt etwa 2500 Menschen. Man stößt auf drei- bis siebengeschossige, streng quadratische Siedlungen. „Wie das Märkische Viertel, nur weniger hoch und nicht so eng“, sagt Architektin Christiane Borgelt (71). Sie ist Kuratorin der sehenswerten Ausstellung „Die Cité Foch – Reinickendorfs französische Erbschaft“ im Heimatmuseum Reinickendorf.

Spuren von Vandalismus

Das verfallene französische Luxuseinkaufszentrum „Economat“ aus den 70er-Jahren mit seiner auf scharfe Kanten verzichtenden Fassade hat den Look Berliner Gesamtschulen. „So zu bauen war teuer. Aber Geld schien keine Rolle zu spielen, offensichtlich zeigte man sich für die Alliierten großzügig“, sagt Christiane Borgelt. Wer in das 2002 geschlossene Schwimmbad blickt, sieht Deckenteile, die in das blau gekachelte Becken gestürzt sind, zerschlagene Scheiben, Spuren von Vandalismus.

Eine 50 Jahre alte Mieterin in szenig-buntem Mantel, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen mag, sagt: „Ich möchte hier nicht mehr wohnen.“ Sie lebt mit Partner und drei Kindern auf 130 Quadratmetern. „Wenn das Umfeld attraktiver wäre, würden wir bleiben.“ Der Niedergang des Einkaufszentrums an der Avenue Charles de Gaulle, in das nach dem Abzug der Franzosen 1994 ein neuer Eigentümer deutsche Geschäfte, einen Supermarkt und ein Fitnessstudio holte, trübt den Alltag der 50-Jährigen.

Anwohner Moritz Ulrich schätzt hingegen am Viertel, in dem er seit 2001 lebt, dass es dort „keinerlei Durchgangsverkehr“ gebe. Was Schulen und Einkaufsmöglichkeiten betrifft, sei man gut angebunden. „Aber die Grünanlagen wirken nicht mehr gepflegt, das kaputte Einkaufszentrum ist ein gefährlicher Ort mit zwielichtigen Gestalten, und das soziale Niveau neuer Mieter nimmt ab“, sagt der 50-Jährige.

Langwierige Verhandlungen mit dem Bund verzögern die Planung

Für den Stillstand im Quartier gibt es mehrere Gründe. Bis auf das Einkaufszentrum gehören die ehemaligen alliierten Liegenschaften dem Bund. Ihre Verwaltung betreibt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Mit ihr steckt Berlin in langwierigen Verhandlungen über ein Großprojekt: Berlin will für seine Wohnungsbaugesellschaften vom Bund ein stadtweites Gesamtpaket von 4600 Wohnungen erwerben, darunter die 471 Objekte der Cité Foch. Dafür lässt die Bima aufwendig ein Wertgutachten für die Immobilien erstellen.

An den Verhandlungen hängt ein weiteres Problem: In der französischen Cité Foch wurden nicht überall Berliner Bauvorschriften eingehalten. „Als Resultat“, so Martin Lambert, Reinickendorfer Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Umwelt, Ordnung und Gewerbe, „sind die Leitungen und Zuleitungen sehr wirr gebaut. Eine Wasserzuleitung läuft beispielsweise quer durch Grundstücke.“

Also wurde ein Vermessungsauftrag vergeben, um festzustellen, welches Haus über welche Wege versorgt wird. „Bevor wir als Bezirk die Straßen übernehmen, müssen die Versorgungsanlagen in und an der Straße liegen“, sagt Lambert. Erst dann könnten die als Privatstraßen ausgewiesenen Verkehrswege der Cité Foch öffentlich übernommen werden. Wer diese Bauleistung erbringt und bezahlt: Auch darüber gab es lange Verhandlungen mit der Bima.

Im Dezember 2015 schließlich wurde mit dem Bezirksamt ein städtebaulicher Vertrag geschlossen, in dem sich die Bima verpflichtet, alle Voraussetzungen für eine Umwidmung in öffentliches Straßenland zu schaffen. „Die Bima macht es selbst oder regelt das mit demjenigen, der das Gelände kauft“, so Stadtrat Lambert. Im Bezirksamt wird derweil der Bebauungsplan der Cité fertiggestellt.

Wann die Arbeiten beginnen, die das Quartier aufwerten werden, hängt wiederum vom Abschluss der Verkaufsverhandlungen zwischen Berlin und Bima ab. Leidtragende sind die Bewohner der Cité Foch. Auch auf Haltestellen im Quartier müssen sie warten. Die BVG fährt nicht durch Privatstraßen.

In einem Teil des Areals rollen im Juni die Abrissbagger

Zumindest das Einkaufszentrum, der „Schandfleck“, wie es Martin Lambert nennt, zu dem ein Gemeindezentrum und eine inzwischen entweihte Kirche gehören, wird bald verschwinden. Der neue Eigentümer dieses Areals, die BPD Immobilienentwicklung GmbH, lässt spätestens im Juni die Bagger anrollen. Dort werden auf 23.000 Quadratmetern 320 Wohnungen, davon 90 zur Miete, und eine Kita entstehen. Als Flächen für weitere Bauprojekte sind etwa die Areale vom Schwimmbad und der ehemalige Verwaltungsbau an der Rue Montesquieu vorgesehen.

Und langfristig? Bleibt die Cité Foch ein Ort Berliner Geschichte oder soll sie als eines von vielen Vierteln in Reinickendorf aufgehen? Ausstellungsmacherin Christiane Borgelt sagt: „Man sollte den Charakter dieser Parkstadt erhalten. Denn das ist doch das Typische an Berlin: die Unterschiedlichkeit seiner Quartiere.“ Stadtrat Lambert will ebenfalls das Wesen des Viertels bewahren. Das Andenken an die Zeit, als ein Stück Frankreich im Bezirk beheimatet war, solle bewahrt werden. „Viele echte Reinickendorfer, die die Ära erlebt haben, sagen: ‚Die Franzosen kamen als Besatzer und gingen als Freunde.‘“

Ausstellung zur Cité Foch: Heimatmuseum Reinickendorf, Alt-Hermsdorf 35, bis einschl. Sonntag, Fr. und So., 9–17 Uhr.

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