Razzia im Großbordell

Die Rocker und die Frauen aus dem Artemis

So sehen Ermittler die Beziehungen zwischen Hells Angels und Prostituierten im Großbordell.

Razzia im Artemis

Razzia im Artemis

Foto: schroeder

Menschenhandel, Ausbeutung, Gewaltanwendung und direkte Verbindungen zur organisierten Kriminalität, insbesondere zu den Rockern der Hells Angels. Das waren die Schlagworte, mit denen die Staatsanwaltschaft Berlin auf einer Pressekonferenz die Großrazzia Mitte April im Großbordell „Artemis“ begründete. 900 Beamte von Polizei, Landeskriminalamt, Zoll und Steuerfahndung hatten den Bordellbetrieb an der Halenseestraße in Charlottenburg-Wilmersdorf durchsucht.

Als Kronzeugin, die die Untersuchungen auslöste, gilt der Polizei eine Prostituierte, die sich im März 2015 an die Polizei gewandt hatte, weil sie von ihrem Lebensgefährten, der Hells-Angels-Mitglied sein soll, „schwer malträtiert“ und von ihm zur Prostitution im Artemis gezwungen worden sein soll (siehe Grafik). Gegen dieses Mitglied der Hells Angels, das für Sprengstoffanschläge auf Klubhäuser anderer Rockergruppierungen verantwortlich sein soll, ist Haftbefehl erlassen worden. Gefasst werden konnte der Mann allerdings noch nicht.

Ein weiterer Hells-Angels-Rocker ließ ebenfalls laut den Ermittlern eine Frau für sich im Artemis arbeiten. Bei ihm soll es sich um Karim* handeln, den Kronzeugen im sogenannten Wettbüromord-Prozess. Dabei geht es um einen Mord in einem Wettbüro an der Reinickendorfer Residenzstraße. Dort war Tahir Ö., ein Sympathisant der mit den Hells Angels verfeindeten Bandidos, am 10. Januar 2014 mit sechs Schüssen in die Brust getötet worden. Von der Tat hatte die Polizei ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie 13 maskierte und vermummte Männer das Wettbüro stürmen. Im Herbst 2014 begann dann der Prozess in diesem Fall. Eine Reihe von Rockern sitzt derzeit deshalb immer noch in Untersuchungshaft. Erst im Februar dieses Jahres hatte die 15. Große Strafkammer den Beschluss zur Fortdauer der Haft für sie verkündet. Zu ihnen gehört auch Ilhami*, auch er soll laut Polizei eine Prostituierte aus dem Artemis für sich arbeiten lassen haben.

Prostituierte sollen Namen von Rockern als Tattoo tragen

Und schließlich gehören zu den Rockern, die möglicherweise ebenfalls in den Mord im Wettbüro verwickelt sein sollen, laut Polizei auch Ahmad* und Aki*. Beide sollen sich allerdings auf der Flucht befinden. Und bei beiden gehen die Ermittler davon aus, dass Prostituierte aus dem Artemis mit dem dort verdienten Geld die Flüchtenden unterstützt haben sollen. Ob freiwillig oder gezwungen, bleibt dabei unklar.

Auch eine der noch in Untersuchungshaft sitzenden Hausdamen aus dem Artemis soll laut Ermittlern in Beziehung zu den Hells Angels stehen. Wie genau diese Beziehung aussehen soll, ist noch unklar. Außerdem gebe es Verbindungen von Rockern und Prostituierten aus dem Artemis zu einem Nachtclub an der Oranienburger Straße in Mitte, so die Ermittler.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost konnten die Polizisten die Prostituierten aufgrund von Zeugenaussagen und aufgrund von Tattoos den einzelnen Rockern zuordnen. Denn angeblich gibt es Hinweise darauf, dass einige Frauen Tätowierungen mit dem Schriftzug „property of“ (Besitz von) und dem jeweiligen Namen eines Rockers tragen.

Ein großes Fragezeichen steht aber hinter der Frage, inwieweit die beiden Geschäftsführer in Beziehungen zu Rockern der Hells Angels standen. Nach der Durchsuchung des Großbordells hatte es von Seiten der Staatsanwaltschaft geheißen, dass die Aktion auch stattfand, weil es einen Bezug zur Organisierten Kriminalität gebe. Allerdings ist unklar, ob die Geschäftsführer des Artemis direkt in Geschäftsbeziehungen zu den Hells Angels standen, oder ob die Rocker versucht haben, den Club zu übernehmen.

Schon im Jahr 2013 gab es Hinweise auf Rocker

Nach Informationen der Berliner Morgenpost war es einer der in U-Haft sitzenden Betreiber des Artemis selbst, der bereits im Jahr 2013 der Polizei den Hinweis darauf gab, dass Frauen aus dem Club in Verbindung zur Rockerszene stehen. Damals hatten Beamte der 13. Einsatzhundertschaft in Zivil das Bordell in Charlottenburg aufgesucht. In einem Informationsgespräch hatte einer der Betreiber des Artemis nach Informationen der Berliner Morgenpost gesagt, dass die Vermutung bestünde, dass zehn bis 15 Damen den Mitgliedern des Hells Angels MC zuzuordnen sind und dass die Damen für diese Mitglieder dort anschaffen gehen. Die Polizei wollte sich zu den Rechercheergebnissen der Berliner Morgenpost nicht äußern.

Silvin Bruns, Unternehmensrechtler und einer der Anwälte des Artemis, sagt: „Die Betreiber des Artemis haben sich stets von kriminellen Gruppierungen distanziert.“ Er hält die Vorwürfe im Haftbefehl „alle nicht für zutreffend“. Bei den bis zu 125 Prostituierten, die täglich im Artemis arbeiteten, seien die wesentlichen Kriterien der Selbstständigkeit erfüllt. Er bestätigt, dass es nach den vorliegenden Unterlagen kurz vor Beginn der Ermittlungen zwei „dubiose Kaufangebote“ gegeben habe. Sie seien von einem Russen, im anderen Fall von einer Schweizer Investmentgesellschaft abgegeben worden. „Diese waren dermaßen unprofessionell gestaltet, dass bei den Betreibern schnell der Verdacht eines kriminellen Hintergrunds aufkam“, so Bruns. Sie hätten die Anfragen deshalb an das Landeskriminalamt weitergeleitet.

*Namen von der Redaktion geändert

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