Berlin

Erziehermangel: Kitas werben sich gegenseitig Mitarbeiter ab

Familien müssen auf die Betreuung ihrer Kinder warten. Kitas haben zwar neue Plätze geschaffen, finden jedoch kein Personal.

Berliner Kitas suchen Erzieher

Berliner Kitas suchen Erzieher

Foto: dpa Picture-Alliance / Georg Wendt / picture alliance / dpa

Die Kita am Schlosspark in Pankow ist bei Eltern begehrt. Sie hat einen riesigen Garten und ein frisch saniertes Haus. Viele Kinder stehen auf der Warteliste, um im Sommer auf die Plätze der Vorschulkinder nachzurücken. Doch wenn nicht rechtzeitig Erzieher gefunden werden, ist ungewiss, ob die Plätze überhaupt neu belegt werden können.

Hunderte Kita-Plätze können in Berlin nicht vergeben werden, weil es an Fachkräften fehlt. Und die Fluktuation ist groß, denn die Einrichtungen konkurrieren um die raren Pädagogen. Teilweise würden sich Träger mit Kopfprämien gegenseitig Personal abwerben, heißt es in der Elterninformation der Kita am Schlosspark.

Der Mangel wird sich nach Auffassung von Experten noch verschärfen. Zwar werden im Juni die Absolventen der Fachhochschulen für Erzieher fertig, doch allein durch die Verbesserungen im Personalschlüssel werden schon ab August 700 zusätzliche Pädagogen benötigt. Gleichzeitig werden mehr Kinder durch die Kostenfreiheit in die Kitas drängen. Dabei reichte schon im vergangenen Jahr trotz der aufgestockten Ausbildungsplätze die Fachkräfte nicht ganz aus, um den Bedarf in den Kitas zu decken.

Der Eigenbetrieb Süd-Ost, in dem die kommunalen Kitas von Neukölln und Treptow-Köpenick verwaltet werden, kann derzeit 50 Stellen nicht besetzen. „Das sind 600 Plätze, die uns dringend fehlen“, sagte Falko Liecke (CDU), Jugendstadtrat des Bezirks. Im Februar hatte der Bezirk für Aufsehen gesorgt, weil er Bewerbern eine Prämie von 1000 Euro anbieten wollte. Nachdem ihm eine Prämienzahlung von der Finanzverwaltung untersagt worden war, erwägt Liecke nun eine Zulage.

„Die Finanzverwaltung hat mir mitgeteilt, dass eine gestaffelte und befristete Zulage im Gegensatz zu einer Prämie möglich wäre“, sagte Liecke. Am Montag will der Eigenbetrieb eine Entscheidung treffen. „Uns ist klar, dass eine solche Regelung zu Ungerechtigkeiten in den Kollegien führen würde. Zudem sei eine solche Zulage nicht durch die Zuschüsse des Landes gedeckt.

„Gleichzeitig müssen und wollen wir aber auch den Rechtsanspruch auf die Bildungseinrichtung erfüllen“, so Liecke. Nicht mehr das Platzproblem sei inzwischen vorrangig, sondern das Personalproblem. Die Hälfte der Absolventen der Fachhochschulen würde erfahrungsgemäß gar nicht in den Kitas ankommen, sondern weiter studieren, weil die Jobaussichten dann lukrativer seien.

In den Kitas des Trägers Fipp e.V. können derzeit 16 der insgesamt 496 Stellen nicht besetzt werden. „Wir könnten mehr Plätze anbieten, wenn wir das Personal finden würden“, sagte Grit Herrnberger von Fipp e.V.. Dabei würde der Träger besonders gute Praktikanten schon mit einer höheren Vergütung bei einer Anstellung locken. „Berlin baut für viel Geld Kita-Plätze und dann können sie wegen der fehlenden Erzieher gar nicht genutzt werden“, sagte Herrnberger.

„Bundesweit fehlt es an ausgebildeten Erziehern, doch in Berlin kommt erschwerend hinzu, dass die Fachkräfte hier etwa zehn Prozent weniger verdienen als in den meisten anderen Bundesländern“, sagte auch Roland Kern, Vorsitzender des Dachverbandes für Kinder- und Schülerläden. Vor allem Einrichtungen am Stadtrand haben es deshalb schwer, Personal zu finden, denn schon wenige Busstationen weiter, gibt es für die gleiche Arbeit etwa 300 Euro mehr. Am vergangenen Wochenende inserierte sogar ein Kita-Träger aus Frankfurt am Main und warb mit einem Einstiegsgehalt von 2826 Euro brutto. Damit können hiesige Träger nicht mithalten.

Eigentlich sollte die Prognose über den Bedarf an Fachkräften von der Senatsverwaltung für Bildung schon vorliegen, damit im Notfall Gegenmaßnahmen getroffen werden können, wenn sich eine Lücke zeigen sollte. Doch die Vorlage verzögert sich. „Wir sind noch in der letzten Abstimmung des Kitaentwicklungsplanes“, sagte Ilja Koschembar, Sprecher der Bildungsverwaltung.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht jedoch davon aus, dass eine Lücke klaffen wird. „Allein durch die vielen Rückstellungen und die Flüchtlingskinder ist der Bedarf höher als erwartet“, sagte Christiane Weißhoff von der GEW. Derzeit würden Eltern, deren Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz noch nicht erfüllt werden kann, häufig auf den Sommer vertröstet. Doch möglicherweise komme dann das große Erwachen, sagte Weißhoff.