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Wohnungen auf dem Spielplatz an der Pappelallee

Der Friedhofspark an der Pappelallee ist Denkmal und Erholungsfläche. Doch die Gemeinde will jetzt einen Teil als Bauland verpachten.

Der Spielplatz soll verschwinden und Häusern Platz machen. Mit dem Geld will die Freireligiöse Gemeinde den restlichen Park sanieren

Der Spielplatz soll verschwinden und Häusern Platz machen. Mit dem Geld will die Freireligiöse Gemeinde den restlichen Park sanieren

Foto: Amin Akhtar

Auf der Pappelallee rollen Straßenbahnen und Autos. Doch hinter der roten Backsteinmauer des Grundstücks 16/17, ganz in der Nähe vom Helmholtzplatz, herrscht Ruhe. Auf dem Rasen und an den Wegen stehen vereinzelte Grabsteine. Kastanien und Ahornbäume bieten Schatten. Tulpen, Flieder und Löwenzahn blühen. Es ist der einstige Friedhof der Freireligiösen Gemeinde Berlin, der ihr in der Nazi-Zeit weggenommen wurde und den sie erst nach dem Ende der DDR zurückbekam.

Heute ist es ein Park, der tagsüber jedermann offensteht. Man kann sich auf eine Bank setzen oder auf den Rasen legen. Lärm kommt auf, wenn Kita-Gruppen zum kleinen Spielplatz am Ende des Parks gehen. Laut geht es auch an warmen Wochenenden zu, wenn sich Familien oder Freunde auf dem Gelände treffen.

Der Park wird sich verändern. Der Spielplatz soll verschwinden und Häusern Platz machen. Für die Kitas gibt es neue Spielflächen in der Umgebung. Der Friedhofsstreifen an der Lychener Straße soll Bauland werden, das die Gemeinde in Erbbaupacht vergibt, an eine Baugruppe oder eine Genossenschaft. So sind die aktuellen Überlegungen. „Keine Luxuswohnungen“, sagt Anke Reuther, die Gemeindevorsitzende. „Das würde unseren Grundsätzen widersprechen.“

Der „Vorwärts“-Gründer liegt hier begraben

Die Freireligiöse Gemeinde Berlin, 1845 gegründet, bezieht sich auf die Ideale der Revolution von 1848 und auf sozialdemokratische Traditionen. „Hier liegen Menschen, die in der Geschichte eine besondere Rolle gespielt haben“, erzählt die 75-Jährige. Der Arbeiterführer und Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hasenclever, der mit Wilhelm Liebknecht die Zeitung „Vorwärts“ gründete, wurde 1889 auf dem Friedhof begraben. Eine halbhohe Säule aus rotem Sandstein erinnert an ihn. Kunstvoll ist auch der Grabstein für Heinrich Roller, der ein eigenes Stenografie-System entwickelte und Parlamentsdebatten in Berlin mitschrieb.

35 alte Grabsteine stehen im Park an der Pappelallee. Doch nur die wenigsten Besucher interessieren sich für die historischen Anlagen. Die meisten wollen sich erholen. Der Park sei übernutzt, meint Anke Reuther. Sie erzählt von Familien, die sonntags mit dem Auto vorfahren, Bänke und Picknickkörbe hineintragen und feiern. Begleiterscheinungen sind Lärm, Müll und Schäden an den alten Grabplatten.

Mit einer Aufwertung des Geländes will die Gemeinde gegensteuern. Durch die Einnahmen aus der Wohnungsbau-Fläche sollen der übrige Park saniert und die Grabsteine mit Informationstafeln versehen werden. „Er soll ein kulturhistorischer Ort und ein Gartendenkmal sein“, sagt Anke Reuther.

Zwei Jahre lang hat Pankows Stadtrat verhandelt

Zwar gab es die Chance, den Friedhofspark mit öffentlichen Mitteln wieder auf Vordermann zu bringen. Rund 460.000 Euro waren dafür geplant. Zwei Jahre lang hat Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung, Jens-Holger Kirchner (Grüne), mit der Freireligiösen Gemeinde darüber verhandelt. Jetzt teilte er mit, dass diese Verhandlungen beendet seien. Die Gemeinde sei dem Angebot, Fördermittel einzusetzen, nicht gefolgt.

Denn dadurch wäre der Friedhofspark per Vertrag zur öffentlich gewidmeten Grünfläche geworden, für die der Bezirk Pankow zuständig ist. „Dann wären wir nicht mehr Eigentümer des Geländes und hätten es erneut verloren“, sagt Anke Reuther. Dann wäre auch der Wohnungsbau am Rand des Grundstücks nicht möglich. Stadtrat Kirchner hat die Entscheidung akzeptiert. „Es ist bedauerlich, aber nachvollziehbar“, sagt er.

Fast 2000 Mitglieder hatte die Gemeinde zu ihrer Blütezeit, nicht einmal 100 sind es heute. Der Friedhof, der seit 1978 unter Denkmalschutz steht, wurde 1993 vom Bezirksamt Prenzlauer Berg mit Einverständnis der Gemeinde zum Park umgestaltet. Er ist seit 1995 öffentlich zugänglich.