Straßenumzug

So bereiten sich die Gruppen auf den Karneval vor

5000 Tänzer, Musiker und Artisten aus 73 Formationen ziehen am Sonntag von der Urbanstraße zur Yorckstraße.

12.05.2016/ Germany/ Berlin/ Wolfener Straße 32-34/ Werkstatt von Karneval der Kulturen: Conrad, Larissa, photo: David Heerde

12.05.2016/ Germany/ Berlin/ Wolfener Straße 32-34/ Werkstatt von Karneval der Kulturen: Conrad, Larissa, photo: David Heerde

Foto: David Heerde

Jetzt muss jede Feder sitzen. Die Choreografien sind einstudiert, die Wagen dekoriert, Verstärker getestet. Wochen der Proben und Abende an der Nähmaschine oder in der Werkstatt liegen hinter den Gruppen.

Die Aufregung bleibt, gemischt mit Vorfreude, wenn sich am Sonntag 73 Formationen um 12.30 Uhr auf dem Hermannplatz aufstellen, um ihre Performance beim großen Straßenumzug auf dem Karneval der Kulturen zu zeigen. Es wird ein bunter Zug sein mit Folklore, Tänzen, Zirkus und Percussion aus aller Welt.

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Mehr als 5000 Teilnehmer ziehen über die Hasenheide und Gneisenaustraße bis zur Yorckstraße. Der Jubel der Zuschauer wird ihr Lohn sein und für viele Ansporn, auch im kommenden Jahr wieder dabei zu sein.

Als „alten Hasen“ auf dem Karneval der Kulturen bezeichnet sich Dora Bravin. Seit dem Jahr 2000 ist die gebürtige Brasilianerin dabei. „Ganz in Weiß, sexy und einfach wunderschön“, so beschreibt die Chefin der Sambaschule Anaconda ihr Kostüm. Sie schlüpft auf dem Umzug in die Rolle der Cunha Poranga. Sie gilt als schönste Frau des Amazonas, die für ihr Land und gegen die Zerstörung des Amazonas kämpft.

Viel Stress an den Tagen kurz vor der Veranstaltung

Mit ihren 35 Tänzern zeigt Dora Bravin auf dem Umzug einen Indianertanz. Die Kostüme mit vielen Federn seien alle in Brasilien genäht worden, erzählt sie. Jedes Jahr würden sie sich etwas Neues ausdenken, ein neues Thema und dazu passende Kostüme. Doch trotz der Routine – die letzten Tage seien immer unheimlich stressig, gibt sie zu.

Für die deutsch-französische Zirkusgruppe „Karakuli“ ist der diesjährige Umzug eine Premiere. „Vorher waren wir nur Zuschauer“, erzählt Enora Couellan, die sich mit Clément Giraud die Aufgabe gestellt hat, „den neuen Zirkus nach Berlin zu bringen“. Sie bieten zum Beispiel Workshops für Schulklassen an, in denen sie den Kindern Jonglieren, Einradfahren oder Akrobatik beibringen und die französische Sprache gleich dazu. Schließlich haben sie sich entschieden, mit ihren Artisten beim Karneval der Kulturen mitzumachen. „Dann haben die Kinder ein Ziel, für das sie trainieren“, sagt die Französin.

Noch drei Tage vor dem Straßenumzug sind sie in der Marzahner Werkstatt des Karnevals anzutreffen. Die Dekoration für den Wagen muss noch bemalt werden, Hilfe bekommen sie dabei von Natacha Le Duff vom Museum der Farben. Der kleine Henry, eineinhalb Jahre alt, will auch gern helfen und zeigt stolz seinen Stift. Aber interessanter ist dann doch ein Brötchen.

Gehämmert, gesägt und verpackt

In der gegenüberliegenden Werkstatt wird an diesem Tag auch noch gehämmert, gesägt und verpackt. Jesus Hinkel von der „Grupo Peru“ bastelt an einer übergroßen Hand. Sie muss noch schwarz angemalt werden. Das Thema der Gruppe sind die Afrikaner, die im 16. Jahrhundert als Sklaven nach Peru kamen. In der Performance werden zwei aneinandergekettete Hände gesprengt als Zeichen der Befreiung. Die Frauen und Männer tragen die typische Kleidung der Sklaven. Als Beispiel zeigt Miriam Haro, Leiterin der Gruppe, ein rotes Kleid mit weißen Punkten aus der Kolonialzeit.

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Schon zum sechsten Mal ist die Gruppe „Colombia Carnaval“ beim Karneval der Kulturen dabei. Gegründet wurde sie von Conrad Beckert und seiner kolumbianischen Frau Larissa Mejia. „Wir wollen mit unserer Gruppe für Kolumbien werben“, sagt Beckert. Das Land sei so viel schöner als sein Ruf. Drei Ethnien prägten die Bevölkerung: die indigene Ur-Bevölkerung, die spanischen Kolonisten sowie Afrikaner, die als Sklaven in das Land verschleppt wurden. Alle drei Ethnien haben die Kultur geprägt, erzählt Beckert.

Die Spanier haben die langen Kleider gebracht, die Afrikaner die Trommeln und die Indios die Flöten. „In diesem Jahr wollen wir das ,Schwarze Erbe an der Pazifikküste‘ in den Mittelpunkt unseres Auftritts stellen“, sagt Beckert. Neben den Musikern treten rund 40 Tänzer auf. „Das sind nur die, die die Choreografie einstudiert haben“, sagt der Leiter der Gruppe. Beim Karneval schlössen sich aber dann immer noch viele Kolumbianer, die in Berlin lebten, der Gruppe an. Die Kostüme in den Nationalfarben gelb, blau und rot sind alle selbst genäht. „Wir können inzwischen zwar auf einen kleinen Fundus zurückgreifen, aber jedes Jahr komme etwas Neues dazu oder Altes werde überarbeitet, so Beckert.

Ein Fonds von 120.000 Euro für Kostüme

Erstmals steht den Gruppen, die am Umzug beteiligt sind, ein Fonds von 120.000 Euro für Kostüme und Materialien für die Dekoration zur Verfügung. „Die Aufteilung unter allen Mitwirkenden hat gut geklappt“, sagt Ruth Hundsdoerfer vom Karnevalbüro. Viele würden sich jedes Jahr neue Themen einfallen lassen und auch selbst alle Kostüme nähen, wie etwa die Gruppe „Abenteuer Tanz“, die sich dieses Jahr in prächtigen Kostümen zu lateinamerikanischen und modernen Rhythmen präsentiert.

Einen grün-gelb-roten Klangteppich will hingegen die Gruppe „Reggae in Berlin“ auf dem Umzug auslegen. Ein Team von 50 Leuten werde mit einem Party-Truck für Stimmung sorgen, sagt der Chef der Gruppe, Perry Ottmüller. Wesentlich mehr tanzen sicher hinter dem Wagen mit. Der Karneval der Kulturen ist für die Gruppe auch eine Jubiläumsfeier: Vor zehn Jahren haben sie die Internetseite www.reggaeinberlin.de gegründet – ein Veranstaltungsportal für alle Fans der Musik aus Jamaika.