Umweltschutz

Ohne Auto ins Umland – dem Klima zuliebe

Hermann Weiß will den Autofahrern den Nahverkehr ins Berliner Umland schmackhaft machen. Mit vielfältigen Angeboten.

Hermann Weiß will den Auftritt von Naturtrip.org noch optimieren. Angebote sollen auch via Smartphone abrufbar sein

Hermann Weiß will den Auftritt von Naturtrip.org noch optimieren. Angebote sollen auch via Smartphone abrufbar sein

Foto: Foto: Katrin Starke / BM

Potsdam.  Hermann Weiß sitzt in seinem temporären Berliner Büro in den S-Bahnbögen an der Jannowitzbrücke. Bei jedem einfahrenden S-Bahnzug spürt er die leichte Vibration des Mauerwerks. Hört er das Tippeln vieler Schritte auf den Treppen vom und zum Bahnsteig, glaubt der 44-Jährige an die Zukunft seiner Geschäftsidee. Die richtet sich an Menschen, die im Urlaub oder bei Ausflügen Strecke machen, aber aufs Auto verzichten wollen. Dem Klimaschutz zuliebe. Unter dem Label "Naturtrip.org" hat der gebürtige Oberpfälzer eine interaktive Karte entwickelt. Die ist mit einem Mix aus kommerziellen und nicht kommerziellen Freizeittipps für Berlin und Brandenburg bestückt, enthält 1400 Einträge und wächst stetig.

Das Besondere: Alle empfohlenen Adressen sind mit Bahn, Bus, Rad oder zu Fuß zu erreichen. "Der Nutzer muss nur wissen, was er gern machen möchte, ob baden, essen gehen, radeln, reiten oder rudern. Und er muss festlegen, wie viel Zeit er für den Reiseweg in Kauf nehmen will." Dann heißt es, den eigenen Startpunkt in der Karte zu markieren, und schon werden kostenlos individuelle Vorschläge vom Biergarten über die Therme bis zum lauschigen Picknickplatz im Grünen ausgespuckt und die Route berechnet.

41 Prozent der Berliner Haushalte besitzen gar kein Auto

"80 Prozent der Freizeitwege werden noch immer mit dem Auto zurückgelegt." Das sei unnötig, sagt Weiß. Gerade in Berlin und im Speckgürtel sei man mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut angebunden. "Nicht von ungefähr besitzen 41 Prozent der Berliner Haushalte kein Auto." Aber so mancher setzt beim Ausflug ins Brandenburger Umland noch immer auf die eigenen Pferdestärken. "Weil er vielleicht die genauen Zugverbindungen nicht kennt oder Sorge hat, dass er womöglich irgendwo in der Pampa hängenbleibt, wenn er den Bus verpasst", zeigt Weiß Verständnis. Mit seinem Angebot will er den Autofahrern die Ängste vorm öffentlichen Nahverkehr nehmen.

"Berlin leistet Pionierarbeit bei der Datenfreigabe"

Voraussetzung für den Service war, dass der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg im Rahmen seiner Open-Data-Strategie seine Fahrplandaten für Start-ups zugänglich machte. "Die Datenfreigabe war nicht unumstritten", erinnert sich Weiß. Berlin habe Mut gezeigt, leiste Pionierarbeit. Der Enthusiast fürs gute Klima hofft auf Nachahmer bei Verkehrsverbünden in anderen Bundesländern.

Seit sieben Jahren arbeitet er an seinem Projekt, "immer so nebenbei, jetzt muss ich Vollzeit ran". Etliche Hürden musste er schon nehmen. "Anfangs fehlte es an der Technologie, diese riesigen Datenmengen zu verwerten." Weiß ließ sich nicht entmutigen, gemeinsam mit Mitgründerin Judith Kammerer knüpfte er Kontakte in der Informationstechnologie-Branche, besuchte Messen, sprach mit Entwicklern – und wurde fündig. Die Big-Data-Software hinter Naturtrip.org macht heute bis zu 18 Millionen Abfragen pro Sekunde. Dafür braucht es die Rohdaten aller Verkehrsbetriebe in Berlin und Brandenburg, aller Züge, Straßenbahnen, Busse, S- und U-Bahnen.

Hermann Weiß ist Werbefachmann, arbeitete als Texter

Entwickelt wurde das neue Erreichbarkeits-Programm in Potsdam. "Das Team um Chefentwickler Henning Hollburg von der Motion Intelligence GmbH hat eine Methode gefunden, mit dem Datenvolumen umzugehen", erklärt Weiß. Der von Technik selbst keine Ahnung hat, wie er betont. Aber Nachhaltigkeit und ökologisches Denken seien ihm Herzensangelegenheit. Die er als Werbefachmann auch mit Überzeugungskraft verkaufen kann: Weiß hat als Texter für diverse Parteien, Bundesministerien und Organisationen gearbeitet, Wahlkämpfe wie den des ersten Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg begleitet, sich in seinem Job im Verkehrs- und Energiereferat des Bundes für Umwelt und Naturschutz (Bund) fachkundig gemacht.

Wissen, mit dem er bei der Arbeit an Naturtrip.org gegenüber der Deutschen Bahn punkten konnte. "Die DB stellt uns Mentoren an die Seite, gewährt uns mietfrei Büroplätze in den S-Bahnbögen – einem Sammelpunkt für vom Konzern unterstützte Start-ups." Weiß schwärmt vom kreativen Klima an der Jannowitzbrücke. "Zu sehen, dass andere Jungunternehmen mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, aber Lösungen finden, macht Mut."

Bundesumweltministerium unterstützt das Projekt

Im Rahmen der Nationalen Klimaschutz-Initiative hat das Bundesumweltministerium Naturtrip.org zwei Jahre lang finanziell unterstützt. In diesem Jahr läuft die Förderung aus. "Künftig müssen wir auf eigenen Beinen stehen." Bange ist ihm deshalb nicht. Er denkt bereits über kostenpflichtige Premiumprofile für touristische Betriebe nach. Aktuell können kommerzielle Anbieter wie Hotels oder Restaurants, Paddelvermietungen oder Fahrleihstationen ihre Basisinformationen kostenlos in die Karte eintragen. "Wer aber mehr Informationen über seine Produkte einpflegen will, wird künftig dafür zahlen müssen", kündigt er an. Vielleicht sei auch das direkte Buchen von Angeboten über die Karte möglich. Momentan sammle das Team, das neben ihm und Judith Kammerer drei studentische Helfer umfasst, noch Ideen. Außerdem müsse der Auftritt von Naturtrip.org noch optimiert werden, damit die Angebote auch via Smartphone abrufbar sind. Noch in diesem Monat soll die Mobilversion freigeschaltet werden.

Auch wenn Naturtrip.org der breiten Masse noch unbekannt ist: "Touristiker und Verkehrsverbünde anderer Bundesländer sind inzwischen auf uns aufmerksam geworden. Regionen wie die Sächsische Schweiz, Nordhessen oder das Ruhrgebiet haben schon Interesse an einer eigenen Naturtrip-Karte angemeldet", freut sich Weiß.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.