Medizin

Berliner packen die Arztpraxis in ein Smartphone

Zwei Berliner haben eine digitale Gesundheitsberatung gegründet. Auf Wunsch kommt auch ein Doktor zum Patienten.

Start-up-Gründer

Start-up-Gründer

Foto: Anja Meyer

Ist diese Schwellung im Hals noch eine Erkältung? Oder vielleicht doch ein Aneurysma? Wer krank ist, tippt seine Symptome gern in eine Suchmaschine ein. Aber gerade ängstliche Patienten werden bei Doktor Google noch panischer, erzählt der Arzt Emil Kendziorra (30). „Meistens vollkommen unnötig.“ Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Erik Stoffregen (31) bietet er eine Alternative an. Vor zwei Jahren haben die beiden das Berliner E-Health-Start-up Medlanes gegründet, eine Art digitale Gesundheitsberatung. Seit Beginn des Jahres kombiniert Medlanes die Beratung mit einem Hausbesuch-Service – allerdings nur für Privatversicherte und Selbstzahler.

Via App oder Computer können Patienten Fragen zu Krankheitsbildern und Medikamenten stellen, ihre Symptome beschreiben und Fotos hochladen. Aus einem Netzwerk von rund 300 Ärzten erhalten sie innerhalb weniger Minuten eine fachgerechte Antwort, für 7,99 Euro bis 29,99 Euro. Nur Diagnosen dürfen die Ärzte aus rechtlichen Gründen nicht online stellen. Laut Ärzteberufsordnung ist das nur möglich, wenn sich Arzt und Patient sehen.

Der Arzt sollte innerhalb von 60 Minuten da sein

Deshalb hat Medlanes deutschlandweit nun den Hausbesuch-Service mit ins Programm genommen. Die Patienten können sich einen Arzt nach Hause, ins Hotel oder ins Büro bestellen – innerhalb von 60 Minuten soll er da sein, sagt Emil Kendziorra. In Berlin zählt das Medlanes-Netzwerk um die 20 Ärzte, die alle in Privatpraxen niedergelassen sind. Nach einer Untersuchung können sie die Patienten digital weiter betreuen.

Einer der Medlanes-Ärzte ist Matthias Keilich aus Steglitz. Er praktiziert seit 16 Jahren, 2014 eröffnete er seine hausärztliche Privatpraxis. Gegen eine Niederlassung für gesetzlich Krankenversicherte entschied er sich bewusst. Kurze Behandlungszeiten, ein permanent volles Wartezimmer, viel Stress und unzufriedene Patienten – das schreckte Keilich ab. „Ich will mir Zeit nehmen für meine Patienten.“ Seine Privatpraxis ist nicht permanent ausgelastet, Keilich hat noch Kapazitäten.

Ein 90-Jähriger bucht online einen Mediziner

Deshalb stellt er nachts Totenscheine für den Leichenschaudienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) aus und sagte zu, als Medlanes ihn ins Netzwerk aufnehmen wollte. „Wenn ich nach der Sprechstunde weiterarbeiten möchte, schalte ich mein Handy ein, und Medlanes kann mich erreichen“, sagt Keilich. Nimmt er den Auftrag an, steigt er in seinen Smart und fährt los. „Wenn es nicht passt, dann eben nicht.“ Dann suchen die Medlanes-Mitarbeiter im Kreuzberger Büro nach einem anderen Arzt. In drei Wochen hat Keilich so sieben Hausbesuche gemacht, zwei Anfragen musste er ablehnen.

„Ich mache das, weil es mir Spaß macht und weil es die einfachste Werbung für meine Praxis ist“, sagt Keilich. Seine Medlanes-Patienten litten etwa an Magen-Darm-Infekten, Verstopfungen und grippalen Infekten. Einer von ihnen war 90 Jahre alt. „Da habe ich mich schon gewundert, dass er online einen Arzt bucht“, sagt Keilich. Das privatärztliche Hausbesuch-Konzept an sich ist nicht neu: In Berlin gibt es eine Reihe an Notdiensten, die Ärzte per Anruf zu Privatversicherten oder selbstzahlenden Patienten schicken.

Der Hausarzt muss den Hausbesuch des Facharztes genehmigen

Für gesetzlich Krankenversicherte ist es komplizierter. Der Bundesmantelvertrag mit den gesetzlichen Krankenkassen untersage es Fachärzten, auf Anforderung von Patienten Hausbesuche zu machen, erklärt Juliana Gralak, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Der Hausarzt müsse einen Hausbesuch des Facharztes vorher genehmigen – mit Ausnahme der Patienten, die bereits in fachärztlicher Behandlung sind. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Ärztliche Bereitschaftsdienst der KV knapp 160.000 Hausbesuche und rund 42.000 ärztliche Beratungen. Knapp 70 Prozent der Hausbesuche seien innerhalb von zwei Stunden erfolgt.

Gralak schätzt das Medlanes-Angebot als sinnvolle Zusatzleistung ein. Sie nennt es erstaunlich, dass Fachärzte bei Medlanes binnen einer Stunde Hausbesuche machen. „Das ist bei Vertragsärzten nicht möglich, da die Praxen voll sind“, sagt sie. Als Äquivalent zur digitalen Beratung ist laut Gralak bei vielen Krankenkassen bereits eine telefonische Beratung im Programm. Auch die Nachkontrolle von in der Praxis festgestellten Befunden gebe es bei manchen Fachärzten als Kassenleistung. So können Dermatologen beispielsweise den Verlauf einer Gürtelrose per Videochat kontrollieren.

Schon 20 Mitarbeiter aus 13 Nationen in Berlin

Gründer Emil Kendziorra versteht Medlanes nicht als Konkurrenten der bereits bestehenden Dienste. „Wir sind vielmehr eine digitale Erweiterung“, sagt er. Dass es gerade eine gute Zeit ist, um sich in der E-Health-Branche zu positionieren, spielt ihm in die Karten. „In der Start-up-Szene ist Medizin ist ein ganz heißes Thema“, sagt Kendziorra. Medlanes hat bereits mehr als zwei Millionen Euro als Investition erhalten.

Eigentlich wollte Emil Kendziorra in die Krebsforschung gehen. Deshalb hat sich der gebürtige Darmstädter nach dem Abitur dazu entschlossen, in Göttingen Medizin zu studieren. Während des Studiums forschte er an der Uniklinik, gleichzeitig zog es ihn in die Wirtschaft. Mit seinem Schulfreund Erik Stoffregen gründete er schon zu Studienzeiten eine Agentur für Webdesign. Der Unternehmergeist der beiden Studenten war geweckt – nach dem Studium sollte es etwas Großes sein. Das Konzept für Medlanes stand schnell.

„Wir haben gesagt, Start-up heißt Berlin“, erzählt Emil Kenziorra. Deshalb zogen sie vor drei Jahren her und bauten Medlanes auf. Mittlerweile beschäftigen sie 20 Mitarbeiter aus 13 Nationen. Zum Ende des Jahres wollen sie auf den englischen und den französischen Markt expandieren.