KulturMacher

Sprung in die nächste Dimension

Im Dahlemer Alliiertenmuseum wird anschaulich und ambitioniert die Geschichte der westlichen Schutzmächte erzählt. Der Umzug des Museums in den Flughafen Tempelhof ist beschlossen

Seit einem Monat ist Bernd von Kostka – hier mit Kollegin Uta Birkemeyer – kommissarischer Direktor des Alliiertenmuseums

Seit einem Monat ist Bernd von Kostka – hier mit Kollegin Uta Birkemeyer – kommissarischer Direktor des Alliiertenmuseums

Foto: Joerg Krauthoefer

Es gehört sicher nicht zu den bekanntesten Museen der Stadt. Und doch fahren viele Berliner auf der „Freizeitschneise“ Richtung Krumme Lanke, Schlachten- und Wannsee häufiger daran vorbei. Neben dem ehemaligen „Outpost“-Kino für US-Soldaten steht der Blickfang des Museums: eine viermotorige britische Hastings Propellermaschine. Mit Rosinenbombern dieses Typs und der legendären Douglas C-54 der Amerikaner versorgten die Westmächte während der sowjetischen Berlin-Blockade Ende der 40er-Jahre Berlin über ein Jahr lang aus der Luft.

„Die Hastings ist eines von weltweit noch drei Originalen dieses Flugzeugtyps“, stellt Bernd von Kostka stolz fest. Das sei ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal des Alliiertenmuseums: „Alles was die Besucher hier sehen, sind Originale.“ Auch der blau-graue Waggon des französischen Militärzuges, auch die Fassade des ersten Wachhäuschens am Checkpoint Charlie, kurz nach dem Mauerbau an der Friedrichstraße errichtet.

Relikte des Kalten Krieges auf der Freifläche

Ebenso ist der letzte, erheblich moderner und funktionaler gebaute Kontrollposten am Checkpoint Charlie, der am 22. Juni 1990 in Anwesenheit der Zwei-Plus-Vier-Außenminister von einem Kran emporgehoben wurde, im Original zu sehen. Auf der Freifläche stehen weitere Relikte des Kalten Krieges in Berlin: ein Grenz-Wachturm und drei Mauersegmente. „Die stammen vom Potsdamer Platz“, erzählt von Kostka. Die typischen, knallbunten Gesichter hat Mauerkünstler Thierry Noir allerdings erst in Dahlem aufgemalt.

Seit einem Monat arbeitet von Kostka als kommissarischer Direktor des Museums. Seine Vorgängerin Gundula Bavendamm ist seit April Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung, die am Anhalter Bahnhof ihren Standort beziehen soll. Zusammen mit seiner Kollegin Uta Birkemeyer führt der gebürtige Rheinland-Pfälzer durch das Museum.

Mittlerweile verfügt das Haus über 150.000 Sammlerstücke

Kostkas Handy klingelt. Ein Spender bringt ein Original-Paket, mit dem das Rote Kreuz kurz nach Kriegende internierte Wehrmachts-Soldaten versorgte. „Auf solche Spenden sind wir angewiesen“, erklärt er. Letzte Woche hat er einen Bestand von knapp 3000 Bildern erhalten, die der Berliner-Hobby Fotograf Jürgen Lindenau über viele Jahre bei Militärparaden in West-Berlin aufgenommen hatte.

Von Kostka arbeitet seit Anfang 1994 als Kurator für das Alliiertenmuseum, welches im September 1994 durch Kanzler Helmut Kohl eröffnet wurde. „Es war eine sehr spannende und herausfordernde Aufgabe“, berichtet der 53-jährige studierte Geschichts- und Politikwissenschaftler. „Die Westmächte haben bei ihrem Abzug 1994 Tausenden Objekten an das Museum übergeben. Daraus mussten wir eine Ausstellung konzipieren. Zusätzlich gelangten über Veteranenverbände der Alliierten und durch Schenkungen der Berliner Bevölkerung weitere Alltagsgegenstände, Fotos, Briefe, Dokumente in unsere Besitz und die ständige Ausstellung.“ Mittlerweile liegt die Zahl der Sammlungsstücke bei rund 150.000. Im denkmalgeschützten ehemaligen Soldatenkino zeigt die Dauerausstellung, wie aus Feinden Freunde wurden.

Ein großer Teil der Ausstellung ist der Luftbrücke gewidmet

Links und rechts vor dem Kinosaal erfahren Besucher, wie Berlin in die unterschiedlichen Sektoren aufgeteilt wurde und die Besatzungssoldaten vor zu großer Nähe zur Bevölkerung gewarnt wurden. Zahlreiche Dokumente bezeugen dann die rasche Annäherung. Sei es durch Liebschaften mit den „Frolleins“, den regen Austausch auf Schwarzmärkten – erstes Zahlungsmittel waren Zigaretten – oder dem fotografischen Kennenlernen der Stadt. Denn viele Berliner tauschten ihre alten Vogtländer-Kameras gegen Essbares oder eben Rauchwaren. Und die alliierten Soldaten gingen in der Stadt auf Motivsuche.

„Ein großer Teil der Ausstellung ist der Berliner Luftbrücke gewidmet“, erklärt Uta Birkemeyer, seit 1999 im Team des Alliiertenmuseums. Hunderte Fotos, Uniformen, Briefe von Flugzeugkapitänen, Berichte von Logistikpersonal und Tagebücher von Berlinern illustrieren die Zeit zwischen dem 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949, in der die enge Freundschaft der Bevölkerung der Westsektoren mit den westlichen Besatzungsmächten begann. „Die Luftbrücke war eine kaum vorstellbare Anstrengung“, sagt die studierte Romanistin- und Geschichtswissenschaftlerin. Die Ausstellung zeigt, wie in drei Monaten 19.000 Menschen die Landebahnen im französisch besetzten Tegel errichteten.

Altersgerechte Führungen erklären die Exponate

Zu sehen ist eine Uniform des Briten Rex N. Waite. Er dachte das Undenkbare, eine Millionenstadt nur aus der Luft zu versorgen. Briefe und Objekte stellen den amerikanische General William H. Tunner vor. Er war der Logistiker, der in den räumlich beschränkten Luftkorridoren über der Sowjetischen Besatzungszone zu Spitzenzeiten eine Transportmaschine pro Minute die drei westlichen Flugplätze in Tempelhof, Tegel und Gatow anfliegen ließ, insgesamt mehr als 277.000 Flüge die 2,1 Millionen Tonnen Fracht in den Westteil der Stadt brachten.

„Wenn uns Schulklassen besuchen, ist es immer wieder ein Erlebnis zu sehen, wie die Kinder und Jugendlichen verstehen, was diese Luftbrücke für die Westsektoren bedeutete“, sagt Uta Birkemeyer. Sie entwickelt altersgerechte Führungen durch die Dauerausstellung. Im vergangenen Jahr kamen etwa 250 Schulklassen und rund 70.000 Besucher. „Natürlich ist da noch Luft nach oben“, sagt Bernd von Kostka, der große Hoffnungen auf den Umzug in den Hangar 7 auf dem Tempelhofer Flughafen setzt. Rund 27 Millionen Euro hat der Bund für Baumaßnahmen und Ausstellungsarchitektur bereitgestellt. „Ganz wichtig ist, dass die Großexponate wie der Rosinenbomber und der Eisenbahnwagen endlich aus der Witterung kommen“, sagt von Kostka. Die Kosten für Konservierung und Restaurierung unter freiem Himmel seien immens.

Sonderausstellung zum Thema Entnazifizierung

Wenn der neue Standort bezogen wird, will von Kostka mit seinem Team eine „neue DNA des Alliiertenmuseums“ parat haben. In welche Richtung es gehen könnte, zeigt die Sonderausstellung „Who was a Nazi?“. Die befindet sich noch bis 29. Mai in dem zweiten Gebäude des Museums, der sogenannten „Nicholson-Bibliothek“. „Wir wollten 70 Jahre nach Kriegende zeigen, wie die Alliierten die Entnazifizierung des besiegten deutschen Reiches bewerkstelligten“, sagt Bernd von Kostka, der die Ausstellung mit 150 Objekten und Dokumenten kuratierte.

Die erste umfangreiche Ausstellung zu diesem Thema in Deutschland zeigt, wie schnell sich das ambitionierte Unternehmen zu einer „Mitläuferfabrik“ entwickelte. Nur knapp 25.000 der insgesamt 8,9 Millionen NSDAP-Mitglieder wurden zu Gefängnis oder Geldstrafen verurteilt.

Im selben Gebäude zeigt die Dauerausstellung den Spionagetunnel, mit dem die US-Streitkräfte Mitte der 50er-Jahre hunderttausende Telefonate der Sowjetarmee abhörten. Zusammen mit Sven Felix Kellerhof hat von Kostka das Buch „Hauptstadt der Spione“ geschrieben. Mitte Juli wird die Sonderausstellung „100 Objekte. Der Kalte Krieg in Berlin“ eröffnet. „In diese Richtung wollen wir unser Museum erweitern“, führt von Kostka aus, „wir wollen uns thematisch breiter aufstellen und die Zeitschiene erweitern. Und zwar von der Landung der Alliierten in der Normandie bis in die heutige Zeit hinein.“