Instrumentenbau

Das sind Berlins ausgezeichnete Saiten

Vor zwei Jahren eröffnete Adrian Heinzelmann eine Gitarrenbauwerkstatt in Tempelhof. Gerade bekam er den Deutschen Musikinstrumentenpreis.

Der Gitarrenbauer Adrian Heinzelmann hat seine Werkstatt nahe des Bahnhofs Südkreuz

Der Gitarrenbauer Adrian Heinzelmann hat seine Werkstatt nahe des Bahnhofs Südkreuz

Foto: Amin Akhtar

Diese Gitarre klemmt man sich nicht mal eben unter den Arm, man schleudert sie auch nicht mit Rockerpose durch die Luft, man stellt sie nicht einmal auf der Werkbank einer Instrumentenbauwerkstatt ab, zumindest nicht ohne Tuch darunter. Schließlich ist so eine Werkbank ja nie ganz glatt, immer liegen ein paar Holzsplitter herum und die könnten auf dem Boden der Gitarre Abdrücke hinterlassen und sich so auf den Klang auswirken. Nein, wenn der Instrumentenbauer Adrian Heinzelmann eine seiner Gitarren aus der Hand geben muss, dann hängt er sie vorsichtig an eine Vorrichtung an der Wand. Schließlich ist seine Konzertgitarre, die er nach dem spanischen Gitarrenbauer Francisco Simplicio benannt hat, kein Massenprodukt.

150 bis 200 Stunden Handarbeit stecken in jedem Instrument, das Ergebnis kostet nicht nur um die 5000 Euro, es hat auch einen ganz besonderen Klang, der nicht fürs Sielen am Lagerfeuer oder auf der Straße gemacht ist, sondern für den großen Konzertsaal. „Es ist ein kräftiges Instrument, das sehr durchsetzungsfähig ist“, sagt der erst 26-jährige Heinzelmann. Der Klang sei über alle Saiten gleichmäßig, er werde nicht in den höheren Lagen schwächer, erklärt er und demonstriert das gleich im eigenen Spiel.

Der Klang war es auch, der die Jury des Deutschen Musikinstrumentenpreis vor allem überzeugt hat, denn Heinzelmann ist in diesem Jahr einer der Preisträger. Außerdem wurde das Instrument auch wegen seiner modernen Form ausgezeichnet. Die ist nicht gleich zu erkennen, denn das Besondere befindet sich unter der Instrumentendecke. Angeregt durch Techniken aus dem Flugzeugbau hat das Holz nämlich auf der Unterseite der Decke eine Hohlstruktur, die das Instrument einerseits leichter werden lässt, zugleich aber den Klang voller.

In der Schule hat er bereits die erste Gitarre gebaut

Bereits als Jugendlicher, als er selbst mit dem Gitarrenspiel begann, hat Adrian Heinzelmann mit dem Instrument auch experimentiert. „In der Schule habe ich mir in einem Projekt aus einem Bausatz eine Gitarre gebaut, aber dabei habe ich gleich gemerkt, dass es besser gehen kann als mit vorgefertigten Teilen. Damit war die Entscheidung für seinen Beruf gefallen. In seiner Familie ist der Instrumentenbau ein Novum und auch in der Schule war er mit diesem Berufswunsch ein Exot. Aber das irritierte Adrian Heinzelmann nicht.

Seine Ausbildung absolvierte er in Mittenwald, einer Hochburg des Instrumentenbaus. Danach sattelte er noch ein Studium an der Fachhochschule für Musikinstrumentenbau im sächsischen Markneukirchen drauf. Dort baute er bereits seine ersten Instrumente und machte sich selbstständig. Auch die erste Simplicio, sein Meisterstück, das er jetzt fürs Fotos vorsichtig von der Wand nimmt und auf den Schoß legt, entstand dort.

Die Konkurrenz im Instrumentenbau ist groß in Berlin

Schon für seine ersten Instrumente bekam er Auszeichnungen, „dennoch ist es nicht leicht, sich auf dem Markt zu etablieren“, sagt er. Das hat der junge Instrumentenbauer insbesondere gemerkt, als er 2014 nach Berlin zog und dort zusammen mit seiner Freundin und Kollegin Friederike Linscheid eine Werkstatt eröffnete. „Die Szene von Musikstudenten und Hobbymusikern ist hier zwar groß, aber die wenigsten können sich ein besonderes Instrument leisten“, hat Heinzelmann beobachtet. Daher verkauft er seine Instrumente nicht nur in Berlin, zum Beispiel an Studenten der Universität der Künste, sondern im ganzen Bundesgebiet. Viele sind es ohnehin nicht, denn er baut etwa fünf bis sechs Instrumente im Jahr.

Zusammen von den Reparaturen kann er davon leben, „aber es könnte schon noch mehr werden“, sagt er. Auch die Konkurrenz sei in Berlin groß, erklärt der 26-Jährige, aber „zumindest die jüngeren Gitarrenbauer arbeiten eher mit- als gegeneinander und helfen sich auch schon mal aus, zum Beispiel bei Reparaturaufträgen“.

Seine Werkstatt liegt in einer ehemaligen Kaserne hinterm Südkreuz

In Berlin waren laut dem Jahresbericht der Handwerkskammer 142 Musikinstrumentenbauer registriert, davon 26 Zupfinstrumentenmacher. Zu diesen Instrumenten zählen vor allem Gitarren, aber auch Lauten oder Harfen. Nach Angaben des Bundesverbandes der deutschen Musikinstrumentenhersteller gibt es in deutschlandweit etwa 1200 Betriebe, die zusammen etwa einen Umsatz von mehr als 700 Millionen Euro erwirtschaften. Einer Studie der Universität Jena zufolge machen Instrumentenbauer zusammen mit Fachhändlern etwa 19 Prozent der Musikwirtschaft in Deutschland aus.

Die meisten Werkstätten liegen in Bayern, Baden-Württemberg, dem Rhein-Main-Gebiet und dem südlichen Sachsen. Eine besondere Dichte gibt es überdies in den Stadtstaaten. Nur ganz wenige Betriebe haben mehr als 50 Beschäftigte, sie erwirtschaften auch die Hälfte des Gesamtumsatzes der Branche. Die meisten Musikinstrumentenbauer sind Ein- oder Zwei-Mann-Betriebe. So wie der von Adrian Heinzelmann.

Die Klanghölzer kommen aus den Alpen und aus Indien

Seine Werkstatt liegt hinter dem Bahnhof Südkreuz, in den Ateliers am Werner-Voß-Damm, in einer ehemaligen Kaserne. Die Lage ist nicht gerade zentral, aber Heinzelmann mag es ohnehin lieber ruhiger, außerdem sei der Austausch zwischen den 30 jungen Künstlern, Designern und Handwerkern, die hier arbeiten, „sehr befruchtend“. Dieser Austausch fängt schon in seiner eigenen etwa 20 Quadratmeter großen Werkstatt an. Die teilt er sich mit seiner Freundin. Beide bauen zwar unabhängig voneinander ihre Gitarren, geben sich aber jederzeit Rat von Werkbank zu Werkbank.

Im hinteren Bereich des Gebäudes steht ihnen auch noch Lagerfläche zur Verfügung, in dem sie vor allem das Holz aufbewahren. Fein säuberlich sind dort dünne, glattgeschliffene Bretter aus Zedern- und Fichtenholz gestapelt, die Heinzelmann direkt von Klangholzhändlern aus den Alpen bezieht. Daneben dunkles Palisander, das vor allem aus Indien kommt. Ein Regal darüber liegen schwere Holzscheite, die aus einer alten Schreinerwerkstatt stammen und aus denen auch einmal Gitarrenkörper werden sollen.

Aber im Moment kommt Heinzelmann nicht dazu, diese Holzscheite zu bearbeiten. In der kommenden Woche präsentiert er seine ausgezeichnete Simplicio auf einer Ausstellung und dank der Auszeichnung hat er jetzt mehr Aufträge als fertige Instrumente. Da muss er auch immer öfter am Wochenende an die Werkbank.