Berliner Geheimnisse

Die Entführung der Quadriga vom Brandenburger Tor

Wir verraten Ihnen die „Berliner Geheimnisse“. Heute: Schadows Wagenlenkerin wurde erst nachträglich um das Eiserne Kreuz ergänzt.

Landeskonservator Jörg Haspel vor dem Brandenburg Tor von Carl Gotthard Langhans und der Quadriga von Johann Gottfried Schadow

Landeskonservator Jörg Haspel vor dem Brandenburg Tor von Carl Gotthard Langhans und der Quadriga von Johann Gottfried Schadow

Foto: Amin Akhtar

Jeder kennt es. Aber auch seine ganze Geschichte? Das Brandenburger Tor hat eine höchst wechselvolle Geschichte, die eng verknüpft ist mit dem auf ihm thronenden vierspännigen Wagen, der Quadriga. Ihre Sinngebung hat sich im Laufe von gut 200 Jahren mehrfach geändert. Dass über sie auch gestritten wurde, hat vor allem mit Karl Friedrich Schinkels (1781–1841) Eisernem Kreuz zu tun.

Das Brandenburger Tor wurde zwischen 1788 und 1791 von Carl Gotthard Langhans (1732–1808) erbaut. Johann Gottfried Schadow (1764–1850) entwarf 1789 die Quadriga, die seit 1793 auf dem Tor thront. „Die Wagenlenkerin war von Schadow auch als Friedensgöttin Eirene konzipiert, die mit dem Sieg Preußens im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) auch den Frieden in die Stadt zurückbringt. So galt das Brandenburger Tor als Friedenstor“, erzählt Landeskonservator Jörg Haspel.

Die Wagenlenkerin war zunächst nackt und erhielt ein Gewand

Schadow hatte denn auch zunächst keine Trophäe für die Wagenlenkerin im Sinn. Erst nach heftiger Kritik der Berliner wurden ihr dann doch noch ein paar Siegesinsignien verliehen: eine Lanze mit römischem Lorbeerkranz und auf der Spitze ein römischer Adler. Und die zunächst nackte Wagenlenkerin, für die übrigens die Cousine des ausführenden Hofkupferschmieds Wilhelm Ernst Emanuel Jury, Rieke Jury, Modell gestanden haben soll, wurde züchtig in ein bis zum Boden reichendes Gewand gehüllt.

Dann der Schock, als Napoleon (1769–1821) in seinen zunächst siegreichen Feldzügen auch Berlin eroberte und 1806 die Quadriga nach Paris entführte. Die Schmach dauerte acht Jahre. Dann hatten die Alliierten Napoleon besiegt, die Quadriga kehrte in 15 Kisten verpackt auf sechs schweren Frachtwagen nach Berlin zurück. Damit hatte sich auch die fixe Idee erledigt, als Ersatz für die Quadriga ein überdimensioniertes Eisernes Kreuz auf das Brandenburger Tor zu setzen.

Eine Alternative, die Schinkel als ästhetischen „Vandalismus“ ohnehin strikt abgelehnt hatte. Das Kreuz hatte er als preußische Kriegsauszeichnung im Auftrag von Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) entworfen, der es dann 1813 für besondere soldatische Leistungen in den Befreiungskriegen gegen Napoleon gestiftet hat.

Schinkel sollte die heimgekehrte Quadriga preußischer machen

Die Rückkehr der Quadriga nach Berlin glich einem Triumphzug – der „Vierspänner“ hatte politisch-symbolische Bedeutung weit über Preußen hinaus gewonnen. Das wollte sich Friedrich Wilhelm zu Nutze machen und beauftragte Schinkel 1814, die heimgekehrte Quadriga preußischer zu machen: mit dem Eisernen Kreuz. Schinkels Lösung: Er ersetzte den Lorbeerkranz durch einen größeren Eichenkranz, in dessen Mitte platzierte er das Kreuz und auf den Kranz als Krönung den preußischen Adler mit weit ausgebreiteten Schwingen. Fertig war das „Panier“, das Feldzeichen und Banner Preußens.

Damit ist das Geheimnis um das Eiserne Kreuz auf der Quadriga gelüftet: Es wurde erst nachträglich integriert und damit Teil der symbolischen Wandlung vom antiken Rom – Lorbeerkranz und römischer Adler – zum zeitgenössischen Preußen. Seit dieser Zeit heißt auch der Platz vor dem Tor in Mitte Pariser Platz. In Erinnerung an die Eroberung von Paris.

„Schinkel ist es gelungen, aus der Wagenlenkerin der Quadriga beides zu machen: die Friedensgöttin wie die Siegesgöttin. Einerseits erinnert sie an die siegreichen Napoleonischen Kriege, andererseits zeigt sie sich als Vorbotin des Friedens. Darin liegt denn auch die besondere Bedeutung des Brandenburger Tores: Es erlaubt, seine Symbolik doppelt zu lesen“, sagt Haspel. Und wer der friedfertigen Symbolik misstraut, den verweist der Landeskonservator auf die Skulptur des Kriegsgottes Mars in der südlichen Torwand: „Mars steckt sein Schwert in die Scheide.“ Dann erinnert Haspel auch daran, dass das große preußische Nationaldenkmal zur Erinnerung an die Siege in den Freiheitskriegen (1813 bis 1815) woanders steht – auf dem Kreuzberg. Auch das hat Schinkel entworfen.

Plötzlich fehlten Kreuz und preußischer Adler

Als die im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Quadriga in einer gesamtdeutschen Aktion – die DDR restaurierte das Tor, die Bundesrepublik den Vierspänner – 1958 auf das Tor gehievt wurde, war die Überraschung groß: An der Spitze der Lanze der Wagenlenkerin fehlten Eisernes Kreuz und preußischer Adler! Nachdem die neue Quadriga an Ost-Berlin übergeben worden war, ließ die SED vor der Wiederaufstellung die angeblich militaristischen Machtsymbole heimlich entfernen. Sie begründete dies auch damit, die Quadriga zu ihrer ursprünglichen Bedeutung als reine Friedensgöttin zurückzuführen.

Seit 1991 und einer Grundsanierung steht die Quadriga so auf dem Tor, wie sie vor dem Kalten Krieg aussah: wieder mit Schinkels Eisernem Kreuz und Preußens Adler. Heute als Symbol für das Ende von Krieg und Teilung, für Frieden und Einheit unseres Landes.