Diskussion

Selfies und Diskussion mit der Kanzlerin in Berlin

Kanzlerin Angela Merkel hat am Dienstag das Französische Gymnasium in Tiergarten besucht und mit den Schülern über die EU diskutiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt  bei ihrem Besuch des französischen Gymnasiums Lyceé Francais

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lässt bei ihrem Besuch des französischen Gymnasiums Lyceé Francais

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Klatschen, Johlen, Selfies machen – Schulbesuche sind für Bundeskanzlerin Angela Merkel meist entspannte Termine. Ein herzlicher Empfang ist ihr gewiss. So war es auch am Dienstag, als sie anlässlich des von ihr ins Leben gerufenen EU-Projekttages das Französische Gymnasium in Tiergarten besuchte.

Bei ihrer Ankunft standen die Schüler Spalier, sie sangen, klatschten und versuchten, das Ereignis mit ihren Handys festzuhalten. Einige bekamen sogar das begehrte Selfie mit der Kanzlerin. Während der Diskussion in der Aula der Schule gab es dann allerdings vor allem ernste Töne.

Die Schüler fragten Merkel unter anderem, ob die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich gefährdet sei, wenn dort der Front National stärkste Kraft werden würde. Sie werde versuchen, ihren Beitrag zu leisten, dass das nicht passiere, sagte Merkel. „Wir müssen uns mit solchen Strömungen auseinandersetzen“, forderte sie. Es gebe auch in Deutschland politische Kräfte, die schlecht über die EU sprechen würden wie etwa die AfD. Den Journalisten sagte Merkel später: „Ich finde, dass wir genug gute Argumente haben, uns mit anderen Meinungen, auch denen der AfD, auseinanderzusetzen. Und zwar ohne jeden Schaum vor dem Mund und ohne Pauschalurteile.“

"Wir müssen neugierig sein"

Eine Stunde lang beantwortete Merkel Fragen von sieben Schülern der Abiturstufe, die diese ihr stellvertretend für ihre Mitschüler im Saal stellten. Am Ende bat sie alle Schüler, „auf Menschen mit Vorurteilen zuzugehen und ihnen zu helfen, Fremdes kennenzulernen. Es ist der Untergang Europas, wenn wir wieder anfangen in Stereotypen zu denken. Wir müssen uns kennenlernen, wir müssen neugierig sein.“

Anders als im vergangenen Jahr wurden Angela Merkel dieses Mal vor allem politische Fragen gestellt. Vor einem Jahr hatte sie im Rahmen des Europa-Projekttages die Röntgen-Sekundarschule, eine Neuköllner Brennpunktschule, besucht. Dort berichteten die Schüler ihr von sehr persönlichen Problemen wie denen, dass sie wegen ihres Migrationshintergrundes ausgegrenzt oder wegen ihres Kopftuches schief angesehen würden.

Am Französischen Gymnasium hingegen war Merkels Europa-Kompetenz gefragt. Die Schüler waren gut vorbereitet, sie hatten sich intensiv mit der Geschichte der Europäischen Union auseinandergesetzt. Selbstbewusst stellten sie Fragen zur Flüchtlingspolitik, zur EU-Erweiterung oder dazu, ob künftig ein gemeinsames europäisches Bildungssystem oder eine europäische Armee möglich seien.

Sie bezeichnet Zustrom von Flüchtlingen als Test für die EU

Merkel war in ihrem Element. Eine europäische Armee schließe sie im Augenblick aus, sagte sie und verwies darauf, dass Militäreinsätze in Deutschland anders als in anderen europäischen Ländern zuvor vom Deutschen Bundestag bestätigt werden müssen. Alles andere sei verfassungswidrig, sagte sie.

Die Schüler wollten von Merkel auch wissen, wie es mit der aktuellen Solidarität in Europa bestellt sei, und fragten sie, warum es keine einheitliche Position in der Flüchtlingsfrage gebe. Merkel bezeichnete den enormen Flüchtlingszustrom der vergangenen Monate als Test für die EU. „Europa wird jetzt von außen getestet, ob wir auch dazu stehen, was wir erreicht haben“, sagte sie. Die Welt wolle sehen, ob Europa seine Außengrenzen schützen könne oder wieder in Nationalstaaten zurückfalle.

Bei der Frage, wie viele Flüchtlinge Europa aufnehmen könne, blieb Merkel bei ihrer bisherigen Position. „Ich glaube, unsere Verantwortung ist, humanitäre Hilfe zu leisten“, sagte sie. Die Aufnahme der vielen Flüchtlinge sei ein Beitrag Deutschlands zur europäischen Einheit und werde das Land angesichts seiner wirtschaftlichen Stärke nicht überfordern.

Am Ende der Fragestunde wurde Angela Merkel herzlich von den Schülern verabschiedet. Es gab einen kurzen, aber intensiven Applaus. Die Schüler waren zufrieden. Rebekka Ostrop (18), die gerade ihr Abitur macht und danach ein soziales Jahr in Litauen absolvieren möchte, hatte die Fragestunde moderiert. Sie sagte der Berliner Morgenpost: „Die Kanzlerin hat uns aufmerksam zugehört, ist keiner Frage ausgewichen, sondern hat ausführlich geantwortet.“ Sie sei dabei faszinierender rübergekommen als oft im Fernsehen.

Johanna Schleyer (17), die nach dem Abitur an der Freien Universität Berlin studieren will, sagte, dass sich die Schüler vor der Veranstaltung lange über die Fragen an die Kanzlerin Gedanken gemacht hätten. „Wir wollten keine Fragen stellen, auf die sie sofort mit einem Zitat aus dem Parteiprogramm hätte antworten können.“ Die Schüler betonten, dass sie keine Angst vor nationalen Strömungen wie dem Front National oder der AfD hätten, sondern eher besorgt seien und verwundert darüber, dass so viele Menschen Anhänger dieser Strömungen seien. Dagegen helfe nur Bildung, sagte Ferdinand Kiesner (17). Außerdem müsse es einen ernsthaften und auch politischen Austausch zwischen den Jugendlichen Europas geben. „Dabei sollten die europäischen Probleme aus verschiedenen Perspektiven diskutiert werden“, sagte der Abituri