Kulturhauptstadt

Für 19 Euro mit der Bahn von Berlin nach Breslau - der Test

Die Bahn bietet seit diesem Wochenende einen „Kulturzug“ von Berlin nach Breslau an. Die Berliner Morgenpost hat ihn getestet.

Bürgerhäuser mit sanierten Fassaden am mittelalterlichen Markt Großer Ring (Rynek) in Breslau

Bürgerhäuser mit sanierten Fassaden am mittelalterlichen Markt Großer Ring (Rynek) in Breslau

Foto: dpa Picture-Alliance / Arno Burgi / picture alliance / ZB

Breslau/Berlin.  Dieser Zug ist schon etwas Besonderes. Oder wo in Deutschland bitteschön wird man gleich beim Einsteigen von einer Musikkapelle begrüßt? Und kaum nimmt der alte, aber noch immer recht robuste Dieseltriebwagen Fahrt auf, wird über den Bordfunk eine kleine Lesung übertragen. Kurz darauf kommt ein junger Mann mit einer rollenden Bibliothek vorbei. Ja, dieser Eisenbahnzug macht seinem Namen alle Ehre: Es ist der „Kulturzug Berlin-Breslau“.

Mehr als 250 Berliner und Brandenburger, darunter viel Prominenz aus Politik und Kultur, haben sich am Wochenende auf die Reise gemacht, um bei der Premiere eines in Deutschland wohl einmaligen Projektes mit dabei zu sein. Denn eine neue Bahnverbindung von Deutschland nach Polen wird nicht alle Tage eröffnet. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Zugverbindungen eingestellt. Die langen Reisezeiten – bedingt durch den schlechten Zustand vieler Schienenwege – und die Konkurrenz durch billige polnische Kleinbusse sorgten immer wieder für leere Waggons. So stellten die deutsche Bahn und ihr polnischer Partner, die PKP, immer mehr Züge aufs Abstellgleis. Vor zwei Jahren war endgültig Schluss für den Eurocity „Wawel“ nach Krakau. Von Berlin nach Breslau, polnisch Wrocław, fahren seit Dezember 2014 keine Direktzüge mehr.

Der Kulturzug ist nun der Versuch einer zumindest temporären Wiederbelebung der traditionsreichen Strecke, die der „fliegende Schlesier“ in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in nur zweieinhalb Stunden zurücklegte. Der Anlass: Die südwestpolnische Stadt Wrocław ist 2016, ebenso wie San Sebastian in Spanien, „europäische Kulturhauptstadt“.

Berlin und Brandenburg beteiligen sich an Finanzierung

Für die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg ein guter Grund, die schöne Bahnverbindung wiederzubeleben. Gemeinsam mit dem polnischen Partner der Wojewodschaft Niederschlesien und der Stadt Wrocław wurde ein Finanzpaket geschnürt und ein Zug bei der Bahn-Tochter DB Regio bestellt. Die setzt nun einen Dieseltriebwagen der Baureihe 628 ein, der Sitzplätze für bis zu 120 Fahrgäste bietet. Steigt die Nachfrage, können auch zwei oder drei Züge miteinander gekoppelt und das Platzangebot verdoppelt oder verdreifacht werden. Der Nachteil: Die Wagen sind nicht behindertengerecht und bieten für einen Einsatz im Fernverkehr vergleichsweise wenig Komfort. Doch die Züge vom Typ 628 A gehören zu den wenigen Fahrzeugen der Deutschen Bahn, die eine Zulassung für die technisch unterschiedlichen Bahnsysteme in Deutschland und Polen haben.

Damit es den Fahrgästen bei fast fünf Stunden Fahrzeit nicht zu langweilig wird, wird ein umfangreiches kulturelles Programm geboten. Autoren lesen aus ihren Büchern, ein Quiz wird gespielt, oder die rollende Bibliothek fährt durch. Neben kurzweiligen Krimis, die natürlich in Breslau spielen, können auch Bildbände, Stadtführer und der Erzählband „Berlin – Breslau. Eine Beziehungsgeschichte“ ausgeliehen werden. Dort schreiben bekannte polnische und deutsche Autoren, unter ihnen der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der in Breslau geboren wurde.

Zwei Probleme stehen einem dauerhaften Betrieb der Strecke nach Breslau derzeit im Wege. Zum einen gibt es einen 60 Kilometer langen Abschnitt, der noch immer nicht elektrifiziert ist. Zum anderen ist ein wichtiger Abschnitt nur eingleisig befahrbar. Beides verhindert eine Verkürzung der Reisezeit.Berlins Verkehrssenator Andreas Geisel (SPD) bedauerte es, dass diese wichtigen Infrastrukturvorhaben keinen Eingang in den aktuellen Entwurf des Bundesverkehrswegeplans gefunden haben. „Dagegen sind viele Projekte aus Bayern vertreten“, so der Seitenhieb von Geisel auf den Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU).

>>> Infos zu Tickets und Zeiten gibt es hier <<<

Das nächste Mal wird der Kulturzug bereits am 5. Mai, zu Himmelfahrt, rollen. Weitere Fahrten sind für den Pfingstmontag sowie an allen Wochenenden sonnabends und sonntags geplant. Start ist jeweils um 8.31 Uhr in Lichtenberg (ein weiterer Zustieg ist in Ostkreuz möglich), die Ankunft am Breslauer Hauptbahnhof steht für 13.05 Uhr im Fahrplan. Zurück geht es ab 16.29 Uhr, die Ankunft in Berlin-Lichtenberg ist für 21.35 Uhr geplant.

Sonnabends bleibt den Besuchern mehr Zeit in Breslau. Der Zug fährt erst um 19.21 Uhr ab, Ankunft in Berlin ist kurz vor Mitternacht. Eine einfache Fahrt kostet nur 19 Euro (Hin und Rückfahrt 38 Euro). Das Ticket kann bei den Vorverkaufsstellen der Bahn sowie im Internet (www. dbregio-shop.de) oder ganz einfach auch im Zug erworben werden. Kinder bis einschließlich fünf Jahren fahren kostenlos mit. Die Mitnahme von Fahrrädern ist nicht möglich. Positiv ist, dass die Fahrkarten auch in den Bussen und Straßenbahnen im Breslauer Stadtverkehr als Tagesticket anerkannt werden.

Der Kulturzug soll bis Ende September fahren. Allerdings ist die Finanzierung nur bis Mitte August gesichert. Brandenburgs In­frastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD) ist jedoch sicher: „Der Zug fährt bis Saisonende. Wir finden da eine Lösung.“