Bildung in Berlin

Wie Lese- und Rechenpaten Berliner Kindern den Weg ebnen

Für Kinder mit Problemen beim Lesen und Rechnen organisieren Berliner Initiativen Hilfe. Und die macht den Schülern sogar Spaß.

Wenn seine Lesepatin Kirsten Rosenstiel ein Sachbuch mitbringt, freut sich Ozan: Die liest er am liebsten

Wenn seine Lesepatin Kirsten Rosenstiel ein Sachbuch mitbringt, freut sich Ozan: Die liest er am liebsten

Foto: Lotta Bauer

Knochen, Augen, Ohren hat Ozan durch. Jetzt ist das Kapitel über Zähne dran. "Die Backenzähne arbeiten wie eine Mühle", liest er. Kirsten Rosenstiel fragt: "Was ist denn eine Mühle?", bevor sie weiterlesen. Ozan gehört zu den besten Lesern seiner Klasse. "Ein echtes Erfolgserlebnis", sagt Kirsten Rosenstiel. Sie klingt stolz bei diesem Satz.

Vor eineinhalb Jahren kam Ozan aus der Türkei und konnte kein Wort Deutsch. Fast 90 Prozent der Schüler der Rudolf-Wissell-Grundschule sind nichtdeutscher Herkunftssprache. Die Gegend in Gesundbrunnen gilt als schwierig. Rosenstiel ist Lesepatin beim Bürgernetzwerk Bildung, das seine rund 2100 Lesepaten an Schulen mit hohem Migrationshintergrund oder vielen Kindern mit Anspruch auf Lernmittelzuzahlung schickt, außerdem an Kitas und weiterführende Schulen.

In der Schulklasse hat sie den Kindheitstraum wiederentdeckt

Seit drei Jahren ist Rosenstiel Lesepatin. "Ich habe immer gern gelesen und wollte schon immer ein Ehrenamt übernehmen." In "ihrer" Klasse wollen sie alle mit ihr lesen. Wer sich mit ihr in eine ruhige Ecke setzt, entscheidet sie mit der Klassenlehrerin. Natürlich läuft es nicht bei allen wie bei Ozan. Bei manchen Schülern sei die Leselust einfach nicht da. "Aber wir finden immer etwas, was Spaß macht", einen Comic oder ein Prinzessinnenbuch.

Ozan mag am liebsten Sachbücher, wie das über den menschlichen Körper. Fast ohne Stolpern liest er schwierige Worte wie "Augenbrauen" oder "Innenohr". Ob Rosenstiel den Kindern Wege öffnet, die ihnen sonst nicht offen stünden? "So weit denke ich nicht", wehrt sie ab. Umgekehrt hätten ihr die Kinder einen neuen Blick aufs Leben geöffnet: "Sie leben im Hier und Jetzt. Ich habe mir abgewöhnt, in die Zukunft zu schauen." Ihr selbst aber öffnete die Lesepatenschaft einen Weg: Nachdem sie jahrelang im Verkauf gearbeitet hatte, studiert Kirsten Rosenstiel jetzt Kindheitspädagogik in Potsdam. "Als Kind war Lehrerin mein Traumberuf", sagt die 36-Jährige. Die Stunden in der Klasse hätten den Traum wiedererweckt. Mit dem Abschluss kann sie in Kitas arbeiten oder in der Jugendsozialarbeit.

Statt des Mathebuchs warten Würfel und Plüschtiere

Zwei bis drei Stunden pro Woche soll ein Lesepate vormittags Zeit haben, sagt Karola Hagen vom Bürgernetzwerk Bildung des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller. Wenigstens ein Jahr sollte man dabeibleiben, zuvor eine Infoveranstaltung besuchen und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Kinderbücher kann Rosenstiel in der Schulbibliothek oder von der Lehrerin leihen. Sie bekam aber auch einige geschenkt von Freunden, denen sie von der Patenschaft vorschwärmte. Einige hätten angekündigt, selbst Paten werden zu wollen, sagt sie.

Auch Esra Nur Demirdag ist Patin, allerdings geht es bei ihr nicht ums Lesen. Die angehende Mathematiklehrerin ist eine von 30 Rechenpaten an Berliner Schulen. Erek, der eigentlich anders heißt und eines der beiden Kinder ist, die sie an der Kreuzberger Nürtingen-Grundschule fördert, findet Mathe nicht so toll. Zahlen sind anstrengend, und wenn er aufgeregt ist, geraten die Zehner und die Einer durcheinander. Zur Rechenstunde mit Esra Nur Demirdag kommt er aber voller Vorfreude. Hier muss er nicht Mathe machen, sondern würfeln, Dominokarten legen oder Plüschtiere in einen Korb werfen.

"Wir sprechen nicht vom Rechnen, sondern vom Spielen", sagt Esra Nur Demirdag. Auf Augenhöhe will sie Erek begegnen, weshalb sie genauso würfelt, abzählt, wirft wie er. Dahinter steht ein langjährig entwickeltes Konzept, mit dem der Mathematiklehrer und Lerntherapeut Johannes Hinkelammert Kinder mit Rechenschwäche fördert. Und weil er als Dozent an der Freien Universität (FU) künftige Grundschullehrer unterrichtet, saßen ihm seine Paten im Seminar schon gegenüber. Die Kinder lernen rechnen, die Studenten, wie sie es ihnen beibringen, so die Idee für das Konzept.

Rechenpatin wiederholt Stoff der ersten Schuljahre

Erek merkt nichts davon, dass er addieren und subtrahieren trainiert. Er will Esra Nur beim Korbwurf besiegen. "Null gewinnt", hat er entschieden, deshalb wird jetzt "minus gerechnet". Bei Zehn geht es los. Wenn die weiße Plüschratte im Korb landet, bringt ihn das seinem Ziel zwei Punkte näher. Mit Plättchen auf einem Spielfeld legt er anschließend die Rechenaufgabe nach. Ein Verhältnis zu Mengen und den Zahlen dazu zu entwickeln, ist Voraussetzung, um rechnen zu lernen. Schnell hatte Ereks Rechenpatin festgestellt, dass der Sechstklässler damit Schwierigkeiten hat. Deshalb spielt sie Zahlenhüpfer, Zahlenwippe, das Spiel "Zehn gewinnt" und wiederholt so den Stoff der ersten Schuljahre.

Arithmetik, also Rechnen, werde in Stufen gelernt, sagt Hinkelammert. Wer die untersten Stufen nicht geschafft hat, kommt nicht mit und kann den Stoff allein nicht nachholen. Ältere Schüler haben Vermeidungsstrategien entwickelt: "Rechnen finde ich ohnehin blöd" zum Beispiel. In der Förderstunde können sie von vorn anfangen, ohne Angst, ausgelacht zu werden. Dass Esra Nur Demirdag jede Woche eine Dreiviertelstunde nur für ihn da ist, genießt Erek. Schon allein deshalb freut er sich auf die Förderzeit vor dem Mittagessen. Und wegen der sauren Stangen. Je öfter er gewinnt, desto mehr darf er am Ende mit in die Pause nehmen.

Studenten übernehmen das Amt für ein Jahr kostenlos

"Es freut mich sehr zu sehen, wie die Kinder beim Spielen lernen", sagt Esra Nur Demirdag. "An der Uni haben wir wenig Kontakt zu Schülern", deshalb habe sie sich bei der Wahl zwischen Theorie und Praxis für die Schüler entschieden. Wichtig war der 22-Jährigen auch, dass das Projekt Kinder fördert, deren Familien sich Nachhilfe nicht leisten könnten. Die Schule am Mariannenplatz habe sie freundlich aufgenommen. Wie sie sagt, war ihr Kopftuch dort nie ein Thema. 17 Schulen nehmen derzeit an dem Projekt teil. Sie müssen für 480 Euro eine Materialbox kaufen. Der Einsatz der FU-Studenten für ein Semester ist kostenlos.

Infoveranstaltungen vom Bürgernetzwerk Bildung in der Geschäftsstelle des VBKI, Fasanenstraße 85, Anmeldung unter buergernetzwerk.bildung@vbki.de oder Tel. 72610856. Infos zu Rechenpaten: www.r3chn3n.de/rechenpate-projekt/

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