Soziale Projekte

So wollen diese Berlinerinnen die Welt verbessern

Saskia Bruysten und Sophie Eisenmann leiten ein weltweit handelndes soziales Unternehmen - aus Überzeugung für eine bessere Zukunft.

Sophie Eisenmann (l.) und Saskia Bruysten setzten sich mit ihrem Unternehmen international für mehr soziale Gerechtigkeit ein

Sophie Eisenmann (l.) und Saskia Bruysten setzten sich mit ihrem Unternehmen international für mehr soziale Gerechtigkeit ein

Foto: Sergej Glanze

Und diese Frauen glauben also, sie hätten die Lösung für die Probleme der Welt gefunden: Flüchtlingskrise, verschmutztes Wasser, Armut und nicht zuletzt – unbefriedigende Jobs. Diese 36-Jährigen, die hier vor einem der Hotspots der Berliner Start-up-Szene, dem St. Oberholz, sitzen, in ihren Skinny-Jeans, Sonnenbrille im Haar und Optimismus im Gesicht? Ehrlich jetzt?

Saskia Bruysten, eine der beiden, würde vermutlich sagen: Ja. Das, was wir machen, das sollten viel mehr Menschen machen. Weltverbesserung in Berlin-Mitte.

Bruysten ist CEO von Yunus Social Business (YSB). Seit Februar hat YSB seinen Berlin-Sitz an der Zehdenicker Straße. Eine der ruhigen Nebenstraßen im Dreieck zwischen Weinbergsweg und Torstraße.

Unternehmen 2011 in Frankfurt/M. gegründet

Dort, wo es immer mehr um das Coolsein, Hipsein und um Wohlstand geht. Hochwertige Wohnungen mit Spielplatz gegenüber, Graffiti an der Wand, Englisch schon im Kindergarten, bunte Retrostühle auf dem Gehweg. Der nächste Bioladen immer nur ein paar Meter entfernt.

Und Wassergläser auf dem Fensterbrett des St. Oberholz. Es versteht sich von selbst, dass das Meeting an diesem Frühlingsnachmittag draußen stattfindet. Die beiden Unternehmerinnen Bruysten und ihre Geschäftspartnerin Sophie Eisenmann sitzen in der Sonne.

Sie gründeten 2011 in Frankfurt am Main das Unternehmen Yunus Social Business. In Berlin belegen sie eineinhalb verwinkelte Räume im ersten Obergeschoss des St. Oberholz, einer Filiale des Stammhauses an der Torstraße. Designlampen an der Decke, nackte Wände, freundliche, von der Sache begeisterte Menschen vor Bildschirmen.

Keine Dividenden, dafür aber soziale Effekte

Namensgeber und dritter Firmengründer ist Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger aus Bangladesch. Er hatte die Auszeichnung 2006 mit der von ihm gegründeten Grameen-Bank dafür erhalten, Mikrokredite an arme Menschen ohne Sicherheiten in Entwicklungsländern zu vergeben.

Bruysten hatte ihn vor acht Jahren in London und bald darauf noch einmal in Berlin auf Konferenzen sprechen gehört. Die frühere Unternehmensberaterin war fasziniert, reif für einen Jobwechsel und offenbar auch frei von Berührungsängsten.

Sie kontaktierte ihn per E-Mail, und bald war klar, dass sie dasselbe wollen. Ihre Überzeugung: Unternehmen können beides – Geld verdienen und sozial sein. "Wir schaffen ein Perpetuum mobile", sagt Bruysten. Ein System also, das sich selbst am Laufen hält.

Bis zu 500.000 Euro kann bekommen, wer überzeugt

Gerade war Mitarbeiterin Karen Hitschke, Director Funds and Investments, da, um einige neue "proposals" mit Eisenmann durchzusprechen. Eisenmann ist Finanzchefin von YSB. Hitschkes Laptop liegt auf ihren Knien. Es geht um die nächste Runde möglicher Investitionen. Bruysten kommt etwas verspätet, gehetzt, aber lächelnd, von einem anderen Termin.

"Die Berlin-Woche ist immer sehr voll", sagt sie. Alle drei Wochen treffen sich die beiden mit Mitarbeitern hier, alle drei Wochen am Hauptsitz in Frankfurt. Diskutieren die "proposals", die Vorschläge für Geschäftsideen, die unterstützenswert sind. Entscheiden, wer Geld bekommt, oder bei wem es zunächst einmal bei einer sachlichen Unterstützung bleibt. Yunus' Idee der Vergabe von Kleinkrediten ist gewissermaßen auch der Kern von YSB.

Immerhin 25.000 bis 500.000 Euro kann bekommen, wer mit seiner Geschäftsidee überzeugt. 34 Unternehmer in Uganda, Albanien, Haiti, Kolumbien, Brasilien, Indien und auf dem Balkan haben dies bislang geschafft.

Wessen Geschäftsmodell noch nicht ausgereift, aber auf dem richtigen Weg ist, hat immerhin die Chance auf Beratung, Coaching, Mitarbeit an den Businessplänen und Hilfestellung etwa in der Buchhaltung. Mehr als 500 Menschen mit guten Ideen, aber wenig Mitteln hat YSB auf diese Weise bis heute unterstützt.

"Dafür kann ich mich jeden Morgen motivieren"

Bruysten und Eisenmann haben seit der Gründung von YSB 8,5 Millionen US-Dollar (rund 7,46 Millionen Euro) bewegt. Einzelspender, Stiftungen, wohlhabende Familien werden zu Investoren. Die Unternehmen decken ihre Kosten, Gewinne werden reinvestiert, die Investoren können ihren Beitrag zurückholen – eine Dividende aber wird nicht gezahlt.

Die schmale Frau mit kanadischer Mutter, deutschem Vater, Großeltern aus den Niederlanden und Italien sitzt auf der Kante ihres Stuhls und blickt ihr Gegenüber eindringlich an. "Dafür kann ich mich jeden Morgen motivieren", sagt Bruysten.

Die beiden Frauen mit Abschlüssen an der European Business School im Rheingau, mit Studienaufenthalten in Argentinien, Großbritannien und den USA bzw. in Frankreich und Singapur, mit Tätigkeiten unter anderem für die Boston bzw. Siemens Consulting Group in New York und London, können kaum so schnell erklären, wie sie möchten.

Sie verstehen sich auch ohne Worte

Ihre Hände fahren durch die Luft, der Redefluss ist schwer zu unterbrechen. Setzt eine aus, fällt die Partnerin ein. Seit Jahren arbeiten sie zusammen, sie verstehen sich auch ohne Worte. Das ist wichtig, das ist Teil ihres Geschäfts.

Der Unterschied zu herkömmlichen Unternehmen ist: Nach dem von Yunus entwickelten Modell haben alle geförderten Geschäftsmodelle nicht das Ziel, "den finanziellen Return zu maximieren, sondern den sozialen Impact zu schaffen", sagt Eisenmann.

Die Terminologie sitzt, das hier ist kein Kaffeekränzchen. Am wichtigsten also sei, ein relevantes gesellschaftliches Problem unternehmerisch anzugehen: verschmutztes Wasser, finanziell tragfähige landwirtschaftliche Konzepte, Fehl- und Unterernährung, schlechte Bildungschancen. Und erst in zweiter Linie, Geld zu verdienen. Zudem sollten die Geschäftsmodelle übertragbar sein.

Innovation als Grundstein für bessere Zukunft

Bruysten berichtet von Menschen wie jenen "Jungs", die seit eineinhalb Jahren Wasserfiltersysteme auf ugandische Schulen bauen und damit inzwischen Verbesserungen für 500.000 Schüler erzielt haben. Eine halbe Million Kinder, die nun zumindest während der Schulzeit sauberes Wasser zu sich nehmen können.

Dadurch seien sie seltener krank, nähmen regelmäßiger am Unterricht teil, würden besser ausgebildet und könnten schließlich irgendwann auch ihr Land voranbringen. Oder sie erzählt von jenem ugandischen Unternehmer, der andere Landwirte davon überzeugen will, nicht mehr nur Mais anzubauen.

Sie sollen stattdessen auf die in Großstädten gerade angesagten Chiasamen umstellen, mit denen sich viermal so viel verdienen lässt. "Das sind letztlich doch auch die Leute, die sich ohne Perspektive im Zuge der Flüchtlingskrise hierher auf den Weg machen würden", sagt Bruysten.

Sieben Teams fahnden in den Ländern nach Konzepten, die dann in der deutschen Zentrale diskutiert werden. Jeder der Kollegen sei weniger Mitarbeiter als vielmehr selbst Unternehmer: "Die könnten in der Industrie alle viel mehr verdienen", sagt Eisenmann.

Begeisterung ist schwer etwas entgegenzuhalten

Das schließt sie selbst und Bruysten ein. Nicht wichtig. "Man tut immer so, als wäre Geld das Einzige auf der Welt", sagt Bruysten. "Ich will aber auch etwas für die breite Gesellschaft machen."

Ihrer Begeisterung ist schwer etwas entgegenzuhalten. Natürlich sind sie beispielsweise überzeugt, dass die Vereinten Nationen ihre 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung einhalten können. Sie sehen unter anderem vor, die Armut weltweit bis 2030 zu beseitigen. 2030, das ist in 14 Jahren.

"Selbstverständlich ist das zu schaffen", sagt Eisenmann. Bruysten ist auf internationalen Konferenzen wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos zu Gast und arbeitete unter anderem in Yunus' Team mit an den Nachhaltigkeitszielen der UN. Die Wohlstandsblase, in der sie sich auch in Mitte bewegen, interessiert sie nur am Rand. Wobei ihnen bewusst ist, dass sie "die soziale Lotterie gewonnen" haben.

Auch das eigene Leben kommt nicht zu kurz

"Ich liebe, was wir tun. Nicht nur weil wir anderen helfen. Sondern weil es mich erfüllt", sagt Bruysten. Meetings in der Frühlingssonne, arbeiten unter Freunden, Geld verdienen mit sozialem Anspruch. "Ich lebe, wie ich arbeiten möchte, und arbeite, wie ich leben möchte", betont Eisenmann. "Sie können uns auch ruhig Egoisten nennen", ergänzt Bruysten.

Auch der neue Firmenstandort ist weniger aus Hipnessgründen interessant. Bruysten, die in Stuttgart geboren wurde, verlegte vor einiger Zeit ihren ersten Wohnsitz nach Mitte. Eine Entscheidung, mehrere Vorteile: Sie hat Familie in Berlin. Die Nähe zur Politik hilft bei der Arbeit. Und von der Start-up-Szene gucken sie sich das ab, was sie auf YSB übertragen können.

Die Räume im St. Oberholz sind dafür wie geschaffen. Dennoch suchen sie nach etwas Eigenem mit mehr Platz. Eine repräsentative Bestlage ist nicht wichtig. Ihre Zentrale in Frankfurt befinde sich zum Beispiel im Bahnhofsviertel mit der Drogenszene gleich nebenan, sagt Bruysten. Status nebensächlich.

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