Kulturhauptstadt 2016

Jetzt rollt der Kulturzug von Berlin nach Breslau

Für 38 Euro kann man ab sofort von Berlin nach Breslau reisen. Die Kulturhauptstadt 2016 lädt zu architektonischen Entdeckungen ein.

Der Kulturzug

Der Kulturzug

Foto: Maciej Kluczynski / dpa

Berlin/Breslau. Brandenburg und Berlin haben den Kulturzug in die polnische Metropole Breslau (Wroclaw) gestartet: Verkehrssenator Andreas Geisel und Brandenburgs Verkehrsministerin Kathrin Schneider (beide SPD) schickten den ersten Zug am Samstagmorgen vom Berliner Ostkreuz in die Europäische Kulturhauptstadt 2016. Bis zum 30. September fährt der Kulturzug an den Wochenenden und an Feiertagen nach Breslau und zurück. Der von den Ländern und der Stadt Breslau mitfinanzierte Fahrpreis für die viereinhalbstündige Reise beträgt 19 Euro pro Strecke. „Der Kulturzug ist bisher leider ein zeitlich befristetes Projekt“, sagte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), der auch Polen-Beauftragter der Bundesregierung ist. „Von ihm soll aber ein deutliches Signal für eine verlässliche Fernverbindung nach Breslau und weiter nach Schlesien ausgehen.“ Dieses Ziel werde er in den kommenden Wochen in Gesprächen mit deutschen und polnischen Verantwortlichen weiter voranbringen.

Unser Autor Stefan Kirschner weiß, warum man einsteigen sollte:

Der „fliegende Schlesier“ war kein Artist, sondern ein Zug. Ein schneller. In den 30er-Jahren brauchte er von Berlin nach Breslau rund zweieinhalb Stunden. Zwischen beiden Städten fand ein reger Austausch statt, Breslau war auch so etwas wie ein Experimentierfeld für Berlin, beispielsweise im Bereich der Architektur.

Hans Scharoun, Erbauer der Philharmonie in Berlin, unterrichtete bis 1932 an der Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe. Er war einer der Initiatoren der Werkbundausstellung 1929 und beteiligte sich daran mit dem zentralen Gebäude, dem „Ledigenheim“: Kostengünstige Zweiraumapartments, zwischen 27 und 37 Quadratmeter groß, ein gemeinschaftliches Sonnendeck. Durchaus ein Modell für die Gegenwart.

Zugverkehr zwischenzeitlich eingestellt

Heute heißt die Stadt Wroclaw, sie liegt in Polen, hat über 600.000 Einwohner und ist 2016 eine von zwei europäischen Kulturhauptstädten. Der Zugverkehr nach Berlin wurde zwischenzeitlich eingestellt, anlässlich der Auszeichnung wird er temporär wieder aufgenommen.

An Sonnabend ist um 8 Uhr in Lichtenberg der erste „Kulturzug“ gestartet. 19 Euro kostet das Sonderticket, dass entweder am Automaten oder auch im Zug erhältlich ist. Regulär verkehrt der Zug bis 25. September sonnabends und sonntags um 8.31 Uhr ab Lichtenberg und 8.36 Uhr ab Ostkreuz.

Während der Fahrt nach Wroclaw treten Künstler auf, es gibt eine zweisprachige Bibliothek an Bord, Ausstellungen sind geplant. Weil die Premiere der Wochenend-Verbindung auf dem Bahnhof Ostkreuz gefeiert wird, fuhr der Zug an diesem Tag ausnahmsweise eine halbe Stunde früher in Lichtenberg los, wie der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) mitteilte. Die Bahn braucht viereinhalb Stunden bis Wroclaw-Glowny, dem wunderschön restaurierten Bahnhof im Tudor-Stil. Die Verbindung lädt dazu ein, neben der Stadt ein Stück weitgehend vergessene Architekturgeschichte zu entdecken.

Behörden entwickelten einen Plan für eine Metropole

Wenn in Berlin heute über Neubauprojekte diskutiert wird, lohnt ein Blick nach Breslau. In der Zwischenkriegszeit gab es dort ähnliche Probleme wie derzeit in Berlin, preisgünstige kleine und mittelgroße Wohnungen waren rar. Die Stadtverwaltung entwickelte einen Generalplan für die schlesische Metropole. Eine Gruppe wegweisender Architekten sorgte in den 20er-Jahren für eine rasante Entwicklung der Stadt.

An der Akademie für Kunst und Kunstgewerbe hatten die Direktoren Hans Poelzig, der in Berlin unter anderem das Haus des Rundfunks an der Masurenallee und das Geschäftshaus mit dem intergrierten Kino Babylon am heutigen Rosa-Luxemburg-Platz entworfen hatte, August Endell und Oskar Moll schon Anfang des 20. Jahrhunderts einen reformistischen Weg eingeschlagen – und waren damit dem Bauhaus in Dessau voraus.

Hans Scharoun war Mitinitiator der „Wohnung und Werkraum Ausstellung“ (WuWA) – eine von sechs Mustersiedlungen, die der Werkbund, der 1907 mit der Absicht „der Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk“ gegründet wurde, in den 20er- und 30er-Jahren in Europa realisierte.

Nach der Weißenhofsiedlung in Stuttgart (1927) unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe entstanden weitere in Brünn, Breslau, Zürich, Wien und die letzte in Prag (1932). Sie markierten das Neue Bauen, prägten die Entwicklung der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts mit. Die Siedlung in Stuttgart wurde im Krieg stark beschädigt, in anderen Siedlungen wurden die Häuser teilweise stark verändert. Die in Breslau gilt als die am besten erhaltene.

Schlesische Architektenkammer nutzt den Kindergarten

In Breslau dürfte die Lage am Stadtrand – in Nachbarschaft des Zoologischen Gartens und der Jahrhunderthalle – dazu beigetragen haben, dass die Bauten den Krieg einigermaßen überstanden haben. Mittlerweile wurden viele Gebäude von den Privateigentümern renoviert, darunter auch das sogenannte Laubenganghaus. Es verfügt über einen durchgehenden Balkon auf jeder Etage. Diese Laubengänge dienen auch als Zugang zur Wohnung, auf ihnen haben Generationen von Kindern Radfahren gelernt, auch Fußballturniere (Erdgeschoss gegen 3. Stock) fanden dort statt.

Nicht weit entfernt im Zentrum der Siedlung liegt der nach einem Brand rekonstruierte Kindergarten. Dort spielt niemand mehr, in dem Gebäude sitzt die Schlesische Architektenkammer, die – ähnlich wie die junge Generation in Breslau – kaum noch Probleme mit der deutschen Vergangenheit der Stadt hat, die nach dem Krieg einen Bevölkerungsaustausch erlebt hat.

37-Quadratmeter-Wohnungen für kinderlose Ehepaare

Im Ledigenheim von Hans Scharoun, das explizit für „Ledige und kinderlose Ehepaare“ konzipiert war, betreibt heute die Staatliche Gewerbeaufsicht ein Schulungszentrum mit angeschlossenem Hotel. Mit der satten Farbgebung im Innenraum und auch äußerlich ist das sanierte Gebäude, das in den 90er-Jahren arg heruntergekommen war, wieder nah am Originalzustand.

Die ursprüngliche Form zurückerhalten hat auch das Dach, von Scharoun als eleganter Aufenthaltsort für Sonnenhungrige konzipiert. Blumenkübel für Kletterpflanzen gliedern den künstlichen Strand, die schiffsartige Form der Geländer und Balustraden wurde wieder hergestellt, das ganze Gebäude erinnert an einen Ozeandampfer.

Man braucht freundliche Worte, polnische Sprachkenntnisse oder gute Verbindungen, um das originalgetreu rekonstruierte Zimmer Nr. 48 zu besichtigen, das leider nicht ständig zugänglich ist. Eine Treppe führt vom Eingangsbereich ins Wohn-/Esszimmer, die Küche ist in einer Nische untergebracht und mit einem Rollo versehen. Zum Schlafraum geht es abermals über eine Treppe neben der Küche, an deren Rückseite das Bad untergebracht ist.

Im Praxistest wurden damals die gut gewählten Proportionen gelobt, die aus den Apartments komfortable Wohneinheiten machten, auch die mutige Aufteilung wurde positiv erwähnt. Kritik gab es vom Hausfrauenbund. Bemängelt wurde die Belüftung der Bäder über die Schlafzimmer, die zu kleinen Innentreppen und das Fehlen von Türen, mit denen die Zimmer abgetrennt werden konnten. Modern aber wirken die Räume immer noch, auch die Einrichtung im Stil der Neuen Sachlichkeit.