Informatik

Berliner Schüler kämpfen um Teilnahme an der Roboter-WM

Sie spielen Fußball oder retten Erdbebenopfer: In Robotik-AGs konstruieren Schüler androide Maschinen. Ihr Ziel: die Roboter-Weltmeisterschaft.

Nicolas, Lorenz und Finn (v.l.) lassen ihre Soccer-Maschinen um die Teilnahme an der Roboter-WM kämpfen

Nicolas, Lorenz und Finn (v.l.) lassen ihre Soccer-Maschinen um die Teilnahme an der Roboter-WM kämpfen

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Blitzschnell wechselt der Ballspieler von links nach rechts. Fast scheint er zu tänzeln, wie er da seinen Gegenüber zu täuschen und das Runde durch eine Lücke ins Eckige zu bugsieren versucht.

Für Zweibeiner ganz normal, löst diese Aktion hier Beifall aus. Denn Stürmer und Torwarte bei diesem Turnier, das im März in der Urania stattfand, sind kaum 20 Zentimeter hoch, für ihre Wendigkeit sorgen Alu-Räder. „OmniWheels“, präzisiert Finn.

Der 16-Jährige gehört zum Team „Iceberg Robots“, das die Soccer-Roboter in einer AG am Pankower Käthe-Kollwitz-Gymnasium baute. Bei der Berliner RoboCup Junior Qualifikation im März landeten Finn, Lorenz (17) und Nicolas (16) auf einem dritten Platz – und sind eines der 18 Berliner Schülerteams bei der Deutschen Junioren-Meisterschaft am Wochenende in Magdeburg.

In Berlin fehlt es an Geld wie an Industrie

Vor diesem letzten Ausscheid für die Weltmeisterschaft im Sommer war noch einmal Einsatz gefordert. Ultraschallsensoren mussten positioniert werden, die den Robotern die Orientierung auf dem 1,83 mal 2,40 Meter großen Spielfeld ermöglichen. Displays sollen anzeigen, welche Aktion die Roboter verfolgen. „Sie sind so programmiert, dass sie alles alleine machen. Das ist ja das Spannende“, sagt Nicolas. Die Software schreiben die Jungen selbst, Bauteile entwerfen sie am Computer. Ein 3D-Druck-Café fertigte ihre sonst jeweils gut 100 Euro teuren Trägerplatten umsonst. Studenten der Siemens-Ausbildungsakademie halfen bei der Anpassung der OmniWheels.

„In so einem Roboter“, sagt Informatiklehrer Michael Abend, „stecken 1500 bis 2000 Euro Materialkosten“. Ohne den Förderverein, Sponsoren und Ehrenamtliche ein Unding – schließlich, so auch die Wahrnehmung beim Excellence-Schulnetzwerk MINT EC, das naturwissenschaftlich-technisch profilierte Schulen unterstützt, sei Berlin „hinsichtlich der finanziellen Möglichkeiten der Schulen sowie der fehlenden Industrie“ nicht eben hervorragend aufgestellt.

Rettungsaktion wie nach einem Erdbeben

Getüftelt wurde bis zuletzt auch im Archenhold-Gymnasium. „Rescue“ heißt die Disziplin, in der sich in Niederschöneweide zwei Teams für Magdeburg qualifizierten. Über Ebenen, Rampen und Wippen folgen ihre Roboter einer Linie, müssen Hindernisse umfahren und ein „Opfer“, symbolisiert durch eine silberne Kugel, bergen. Anlass zu der Aufgabenstellung gab das Erdbeben in Kobe 1995. Seit Jahren schickt die Treptower Schule, die wie das Käthe-Kollwitz-Gymnasium MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) betont, Schüler zur deutschen Roboter-Meisterschaft und sogar zur WM. In den Niederlanden 2013 war sie dabei, 2012 in Mexiko.

Den Parcours, dem die sichtlich mit viel Improvisationsgeist entstandenen Rescue-Roboter folgen müssen, gebe es erst beim Wettkampf, sagt der 13-jährige Felix. So taucht auch manche Hürde erst bei der Feuerprobe auf: Weil der Roboter von Niko (16) und Manuel (17) in der Urania ins Rutschen geriet, beschichten sie die Ketten jetzt mit Gummi. Greifer für die Kugel mussten konstruiert werden – 2015 war das „Opfer“ noch eine Getränkedose.

Freundinnen halten Roboter für „Jungs-Sache“

Verbaut wird in der Robotik-AG der Archenhold-Schule, was nützlich scheint: Sperrholz, Lego, Draht. Fräsen und sägen gehört zum Handwerk wie das Löten der Kontakte oder das Programmieren. „Am Ende steckt in den Robotern mehr Zeit als Geld“, sagt Michael Krause, als Software-Entwickler und Vater eines Schülers einer der Gründer der AG. Dass industrielle Bausätze zu teuer wären, stört die Jugendlichen nicht. Simon (14): „Mit einer Anleitung macht es ja nicht so viel Spaß.“

Neben technischem Knowhow lernen die Roboterbauer Teamwork. Ein immer gleicher Wissensstand bei allen sei wichtig, weiß der 14-jährige Thalis. Auch ein Mädchen ist im jüngeren Treptower Meisterschafts-Team. „Meine Freundinnen halten das für eine Jungs-Sache“, sagt Kati. Die 13-Jährige, die wie die anderen freiwillig Informatik belegt hat, reizt an der Robotik gerade das Handgreifliche: „Programmieren macht Spaß, aber dann will ich auch ein Produkt sehen.“

Nerds mit vielen verschiedenen Interessen

Dafür, weiß die Fachleiterin Informatik der Käthe-Kollwitz-Schule, braucht es Beharrlichkeit. „Und man muss die Schüler früh gewinnen“, sagt Katja Wundermann, die in Pankow die Informatik- und Robotik-AG gründete. Zwei von drei Fünftklässlern machen mit, später ebbt die Nachfrage ab. Wer bleibt, hat den Biss, auch große Projekte wie eben einen Roboter anzugehen. Das größte Problem bei ihren Maschinen, sagt Lorenz, „waren die vielen kleinen Probleme“. In Treptow grübeln Felix, Simon, Thalis und Kati noch drei Wochen vor der Meisterschaft, warum ihr Roboter nicht immer seinen Weg findet. „Wir haben eine Idee“, sagt Felix, „jetzt müssen wir nur noch 200 Möglichkeiten durchprüfen.“

Sind sie also Nerds? Robotik-AGs, sagt Jana Zielsdorf, Sprecherin von MINT EC, weckten Interesse für Technik, oft bis hin zum Studium. „Wenn Nerds Fachkundige sind, dann sind wir das“, sagt Nicolas und grinst. Seine Freunde Lorenz und Finn nicken. Zielstrebig sind die Pankower ja auch bei anderen Hobbys: Alle drei klettern. Und spielen Klavier.