Sinus-Jugendstudie

Deutsche Jugendliche sind angepasster als je zuvor

Die Sinus-Jugendstudie „Wie ticken Jugendliche 2016“ zeigt, dass 14- bis 17-Jährige vor allem so sein wollen "wie alle".

Der 14-jährige Pepe hat nichts gegen die gute alte Tafel im Klassenraum. „Die Kreide hat doch ihren Charme, in ein paar Jahren wird sie sowieso verschwunden sein. Von mir aus muss das nicht so schnell gehen“, sagt er. Mit dieser Vorstellung ist der Sekundarschüler aus Prenzlauer Berg nicht allein. In der Sinus-Jugendstudie „Wie ticken Jugendliche 2016?“, die am Dienstag in Berlin vorgestellt worden ist, äußern viele der befragten Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren den Wunsch nach Entschleunigung.

Dieser Wunsch sei neu, sagte Marc Calmbach, einer der beiden Autoren der Studie. Die Studie habe gezeigt, dass die bislang als jugendtypisch eingeordnete, bedingungslose Faszination für digitale Techniken vorbei sei. „Die Jugendlichen kennen die Risiken wie Überwachung oder unkontrollierte Datennutzung und möchten digitale Medien nicht nur nutzen, sondern auch verstehen.“ Von der Schule würden sie sich wünschen, dass sie mehr Hilfe dabei bekommen, wie sie sich sicher und trotzdem frei im Netz bewegen könnten.

Die Teenager von heute sind pragmatisch und angepasst

Die Ergebnisse der Studie machen aber auch deutlich, dass für die Generation der heute 14 bis 17 Jahre alten Jugendlichen das Online-Sein zum Leben gehört. „Digitale Teilhabe ist für sie soziale Teilhabe“, sagte Calmbach. Fast alle der Befragten hätten gesagt, dass sie die digitalen Medien wie WhatsApp, Facebook oder Instagram für die Pflege und Aufrechterhaltung von Freundschaften nutzen würden.

Auch Pepe gebraucht die digitalen Medien hauptsächlich, um in Kontakt mit seinen Freunden zu bleiben. Allerdings sieht er sein eigenes Nutzungsverhalten auch kritisch. „Ich weiß, dass ich zu viel Zeit mit den digitalen Medien verbringe und dadurch weniger Zeit habe für Dinge, die mir wirklich Spaß machen, zum Beispiel Freunde treffen und Basketball spielen“, sagt er.

Das Hauptergebnis der Jugendstudie aber ist, dass die 14- bis 17 Jährigen sehr strebsam, pragmatisch und fast schon überangepasst sind. Noch nie seit der Nachkriegszeit ist die Jugend in Deutschland so wenig rebellisch wie heute gewesen, haben die Sozialwissenschaftler festgestellt. Als Grund dafür nennen sie die Sehnsucht der jungen Menschen nach Geborgenheit und Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen und globalisierten Welt. Dies lasse Teenager eine ungewöhnlich große Nähe zur Elterngeneration suchen.

Für die Sinus-Jugendstudie haben Sozialwissenschaftler im vergangenen Jahr nun schon zum dritten Mal 72 Teenager aus verschiedenen Milieus nach ihren Meinungen und Gefühlen gefragt. Die Ergebnisse der Studie basieren auf langen und persönlichen Interviews. Projektleiter Marc Calmbach sagte, dass es DIE Jugend als solche nicht gebe, sondern viele Lebenswelten eine Rolle spielen würden. Es gebe Gruppierungen von Konservativen, Ökos, lifestyle-orientierte Netzwerker, Szenegänger, Konsumenten bis hin zu den Frustrierten, die sich abgehängt fühlen. Überrascht habe, dass es dennoch einen ausgeprägten Mainstream in der jungen Generation gebe.

Peter Martin Thomas, der zweite Autor der Studie, sagte: „Viele Jugendliche wollen so sein ,wie alle‘“. Diesbezüglich gebe es auch zwischen Teenagern mit und ohne Migrationshintergrund keinen Unterschied.

Sasha (17) weiß zwar noch nicht genau, in welchem Beruf er später arbeiten will, doch er ist schon jetzt fest entschlossen, gleich nach dem Abitur Betriebswirtschaftslehre zu studieren. „Berufliche Sicherheit ist mir sehr wichtig, und mit diesem Studium habe ich vielfältige Jobmöglichkeiten“, sagt der Schüler des Lessing-Gymnasiums in Wedding. Er sei auch nicht abgeneigt, später einmal im Ausland zu arbeiten, wenn dort die Karriere-Möglichkeiten besser wären. Aber zunächst wolle er an der Beuth-Hochschule in Wedding anfangen. Ein Auslandsjahr vor dem Studium würde er als verlorene Zeit betrachten.

Auch seine Mitschüler wünschen sich vor allem Sicherheit. Die 15-jährige Olga möchte einen Beruf ohne langweilige Routine. „Am liebsten etwas, wo ich viel reisen kann und mit verschiedenen Sprachen zu tun habe“, sagt sie. Dennoch will sie zunächst eine „solide Basis“ schaffen mit einem Studium gleich nach der Schule. „Wichtig ist, erst einmal abgesichert zu sein“, sagt sie.

Toleranz ist für die Jugendlichen ein hoher Wert

Gemeinsam ist den Jugendlichen laut Studie auch, dass sie Vielfalt akzeptieren. Toleranz ist für die Jugendlichen ein hoher Wert – und zwar unabhängig davon, aus welchem sozialen Milieu sie kommen. So ist es kein Wunder, dass der größte Teil der Befragten die Aufnahme von Geflüchteten befürwortet und Zuwanderung unterstützt. Während viele Teenager eher Mitgefühl mit Flüchtlingen zeigen, gibt es aber auch solche, die Vorurteile haben, meist allerdings mit Argumenten, die sie nur vom Hörensagen kennen.

Dem 14-jährigen Pepe macht die aktuelle Situation Sorge. „Aber nicht wegen der vielen Flüchtlinge, sondern wegen der Spaltung der Gesellschaft“, sagt er. Er habe Angst, dass die Menschen sich abschotten, rassistisch und intoleranter werden könnten. Bisher sei er in Berlin in einer sehr offenen Gesellschaft groß geworden, und er wünsche sich, dass das so bleibt.

Olga macht sich keine Sorgen wegen der Zuwanderung. „Jeder Mensch, der aus einem Kriegsgebiet kommt, hat das Recht, aufgenommen zu werden und die gleichen Lebenschancen zu bekommen“, sagt sie. Ihre Eltern seien aus der Ukraine nach Berlin gekommen noch bevor sie geboren wurde. Allerdings glaubt Olga genau wie ihre Mitschülerin Duygu, dass es keine unbegrenzte Zuwanderung geben könne. „Die Länder in der Europäischen Union müssen da besser zusammen arbeiten“, sagt Duygu.

In der Studie wird auch beleuchtet, welche Rolle Religion und Glauben für die Jugendlichen spielen. Sozialforscher Calmbach dazu: „Jugendliche bauen sich oft aus verschiedenen religiösen Quellen ihren eigenen Glauben.“ Für die meisten sei es nicht wichtig, welcher Religion ihre Freunde angehörten. Alle lehnten Gewalt im Namen der Religion ab. Insbesondere muslimische Jugendliche würden sich demonstrativ vom Islamismus distanzieren.

„Mir ist es wichtig zu erfahren, was andere denken, um mir eine eigene Meinung zu bilden“, sagt die 16-jährige Duygu vom Lessing-Gymnasium. Dafür nutze sie vor allem soziale Netzwerke wie Twitter. Duygu wünscht sich eine Familie, und auch Kinder könne sie sich vorstellen, aber noch nicht so schnell. Zunächst sei die Karriere wichtig. Denn in einer Beziehung möchte sie unabhängig sein, auch in finanzieller Hinsicht. Ähnlich äußert sich Olga. Auch ihr ist es wichtig, als Frau frei zu sein, ohne auf eine familiäre Bindung und Kinder zu verzichten.

Bei den befragten Jugendlichen der Sinus-Studie gibt es einen breiten Konsens, dass Vertrauen, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit zentrale Voraussetzungen für eine Partnerschaft sind. Der große Wunsch ist eine stabile Beziehung bis spätestens Mitte 30. Auch der Wunsch nach einer eigenen Familie mit Kindern ist früh da – viele Jugendliche koppeln die Idee aber an einen sicheren Job und guten Lebensstandard.

„Ich wünsche mir eine Familie mit mehreren Kindern“, sagt Pepe. Er könne nur schwer allein sein und stelle es sich schön vor, von Menschen umgeben zu sein, die ihm sehr nahe sind. „Das ist meine Vorstellung von Glück“, sagt er. Natürlich wisse er, dass man für Kinder auch viel Verantwortung übernehmen müsse. Aber das sei es ihm wert, dafür würde er auch auf ein Stück Karriere verzichten. „Was nützt es denn, wenn man nur im Job unterwegs ist und nichts von seinen Kindern hat“, sagt er.

Der 14-jährige Kasim aus Wedding ist ehrgeizig. Er möchte Medizin studieren, ähnlich wie seine Eltern, die zusammen eine Zahnarztpraxis betreiben. Allerdings würde er lieber in die Forschung gehen, als eine eigene Praxis zu haben. „Familie ist schön, aber es ist auch nicht leicht, Kinder großzuziehen“, sagt der Schüler, der selbst zwei jüngere Geschwister hat. Daher würde er sich lieber Zeit damit lassen.

Jugendliche haben oft zu wenig Geld, um fair zu konsumieren

Die Sozialwissenschaftler haben die Jugendlichen auch zu Themen wie Umweltschutz und Klimawandel befragt. Beides ist wichtig für die 14- bis 17-Jährigen. Dabei geht es ihnen allerdings vor allem um die Gefährdung der eigenen Lebensqualität. Eine globale Perspektive nehmen vor allem besser gebildete Jugendliche ein. Sie wollen sich unbedingt engagieren, wissen allerdings oft nicht, was sie konkret machen können, um die Umwelt zu schützen.

Schließlich haben die Jugendlichen auch über ihr Konsumverhalten Auskunft gegeben. Dabei wurde klar, dass sie die Frage nach fairen Produkten vor allem mit der Frage nach Kinderarbeit verbinden, die sie auf keinen Fall unterstützen wollen. Ihre Konsumwünsche und ihre finanziellen Möglichkeiten stehen dem Vorhaben, fair einzukaufen, aber oft entgegen.

Der 14-jährige Pepe ernährt sich seit ein paar Wochen vegetarisch. „Ich wollte mich einfach mal selbst auf die Probe stellen“, sagt er. Durch dieses Experiment habe er viel herausgefunden, zum Beispiel, dass der massenhafte Fleischkonsum auch den Klimawandel befördere. „Die Tiere brauchen Nahrung, und dafür wird auch der Regenwald abgeholzt“, sagt er. Ihm selbst falle es schwer, auf den gewohnten Lebensstandard zu verzichten. „Ich glaube, dass wir uns in Zukunft eigentlich alle in unserem Komfort einschränken müssen, um die Umwelt zu schützen.“ Ob er sich dafür auch in einer Umweltorganisation engagieren würde? „Ich fange lieber erst einmal bei mir selbst an“, sagt Pepe.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, die ein Auftraggeber der Studie ist, sagte: „Wir sind gefragt, Jugendliche in ihrem Meinungsbildungsprozess zu gesellschaftspolitischen Fragen zu begleiten.“ Das zeige die Studie. Es gehe darum, dass Vorbehalte etwa in der Flüchtlingsfrage nicht zu manifesten Vorurteilen werden. „Wir müssen unsere Angebote immer wieder an die Lebenswelt der Jugendlichen anpassen“, sagte Krüger.

Weitere Auftraggeber der Studie sind die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und die Akademie des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmer.