Flüchtlinge

Junge Berliner wollen Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten

Das junge Team von „Jugend Rettet“ bereitet sich auf Hilfsaktionen im Mittelmeer vor. Mit einer festen Crew und einem eigenen Schiff.

Foto: Alexander Hof / Jonas Keller / BM

Als das Foto gemacht wird, bemerkt man zum ersten Mal während des Treffens, dass das Team vom Verein „Jugend Rettet“ – der Name sagt es schon – auch jung sein kann. Immerhin stecken die neun Leute fast alle noch irgendwo in ihren 20ern. Die Stimmung ist deutlich gelöster als beim Gespräch zuvor. Witzchen über Banales. „Sind meine Augen überhaupt schon da?“, fragt Matthias. Alle lachen. Es ist noch relativ früh am Tag. Gerade geht es mal kurz nicht um ihr Projekt. Es klingt nach einer Mammutaufgabe, was sie da seit Monaten planen. Etwas verrückt vielleicht auch: Mit einem eigenen Schiff Flüchtlinge aus dem Mittelmeer vor dem Ertrinken retten. Aber der Verein zeigt, dass es tatsächlich funktionieren kann.

Vorher, beim Interview, sitzen sie in ihrem vorübergehenden Büro irgendwo in Berlin, die Laptops vor ihnen. Fachmännisch beantworten sie die Fragen. Manchmal auch mit einer Selbstverständlichkeit, als müsste man eigentlich wissen, wie so eine Seenotrettung genau abläuft. In den vergangenen Monaten mussten sie sich mit harten Fakten rund um das Thema beschäftigen. Kostenvoranschläge, Gespräche mit Werften, Reedereien, Verhandlungen mit möglichen Spendern. Verantwortungsvolles, erwachsenes Zeug. Schließlich geht es um Flüchtlinge, also um Politik. Aber eben auch um Menschlichkeit und den Tod.

Nach dem Bootsunglück fühlte er sich ohnmächtig

Der Jüngste von ihnen ist gerade mal 19. Jakob Schoen ist der Gründer des Vereins. Als er die ersten Schritte vor ungefähr einem Jahr einleitete, war sein Gedanke, endlich aktiv etwas zu tun. Ähnlich den Organisationen Sea-Watch oder MOAS will er damit der Asylpolitik etwas entgegnen, die er inhuman und ungerecht findet. Diese Gleichgültigkeit ärgert ihn. Nach dem Bootsunglück im Mittelmeer im April vergangenen Jahres fühlte er sich ohnmächtig. Das teilt er mit den anderen. Gemeinsam wollen sie zeigen, dass neben all den politischen Problemen das Menschenleben niemals aus dem Blickfeld rücken darf. „Was ist denn auch die Alternative“, fragt er rhetorisch, „Flüchtlinge einfach ertrinken lassen, nur weil schon so viele gekommen sind?!“

Jakob und sein Kollege Titus waren gerade wieder im Hafen in Holland, wo ihr zukünftiges Schiff liegt. Es mussten Gutachten und Maschinentests durchgeführt werden. Der Umbau wird geplant. Einen Namen haben sie noch nicht für das rund 30 Meter lange Schiff, auf das 100 bis 120 Personen passen sollen. Aber das sei auch nicht das Wichtigste gerade. Nebenbei versuchen sie, eine feste Crew zusammenzustellen. „Das muss unbedingt harmonieren.“ Deshalb sind es fast schon Castings, die sie da machen. Eine Operation soll immer zwei Wochen dauern. Danach werden ein paar der Mitglieder ausgewechselt. „Psychisch und körperlich ist das anders gar nicht machbar“, sagt Jakob. Das wissen sie aus Gesprächen mit anderen Seenotrettern.

120.000 Euro bislang gesammelt

Mit Hilfe von Crowdfunding und Spenden planen sie, ab Juni raus aufs Mittelmeer zu fahren. Das Finanzmodell von „Jugend Rettet“ ist folgendes: Zwei Privatpersonen haben zusammen 150.000 Euro in Aussicht gestellt. Unter der Bedingung, dass der Verein selbst bis Ende März 80.000 Euro zusammenbringt. Mit diesem Eigenanteil sollen Umbau des Schiffes, Transport nach Italien und laufende Kosten von 30.000 bis 35.000 Euro für den ersten Einsatzmonat finanziert werden. Mittlerweile haben sie sogar 120.000 Euro gesammelt. Eine überwältigende Summe. „Aber auch danach müssen ja noch die Seegänge bis November bezahlt werden“, sagt Jakob. Zu viel Kapital gibt es deshalb nie.

Dabei geht es nicht um die Honorierung der elfköpfigen Crew. Denn Skipper, Maschinist, Funker, Mediziner und die anderen arbeiten ehrenamtlich. „Anders wäre das finanziell niemals möglich.“ Benzin, Ausrüstung, Transport von Ersatzteilen. Da gibt es so viel, an das gedacht werden muss. Sie stehen im ständigen Austausch mit Menschen vom Fach. Und alle von ihnen seien begeistert, dass junge Menschen wie sie helfen wollen. Da ist diese Willenskraft, die sie mitbringen.

Das war es letztlich auch, was Jakob wollte: „Ein Signal an unsere Generation senden.“ Zeigen, dass man, um Seenotrettungen zu organisieren, nicht unbedingt ein erfahrener Seemann sein muss. Aber auch den älteren Generationen machen sie klar, wie unausweichlich das Thema ist. Sie sagen: „Wir haben die nötige Kraft und den Mut und sie die Mittel.“ Was immer die Motivation der einzelnen Helfer ist, es muss nicht immer politisch motiviert sein. „Am Ende ist unser aller gemeinsamer Nenner einfach, Menschenleben zu retten“, sagt Jakob. Und selbst wenn es nur ein einzelnes ist.

Netzwerk mit Botschaftern in 33 Städten

Sie werden auf der Mittelmeerroute unterwegs sein. Auf diesem internationalen Gewässer gilt seit 1994 das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Wenn sich also ein Boot in Seenot befindet, steht man in der Pflicht, die Passagiere zu retten. Andernfalls macht man sich strafbar. Die Geretteten sollen dann in einen sicheren Hafen gebracht werden. Derzeit sind das Orte wie Malta oder Italien. Währenddessen stehen sie in ständigem Kontakt mit dem Seenotkoordinationszentrum MRCC, das ihnen konkrete Anweisungen geben wird. Es hat alle Rettungsschiffe im Blick.

Bisher lief in der Theorie alles ziemlich gut für „Jugend Rettet“. Das Geld für den Start ist da, sogar mehr als erwartet. Die Bereitschaft, der gemeinsame Wille. Die paar Hasskommentare auf ihrer Facebook-Seite und unter Presseberichten über ihr Vorhaben konnten die positive Stimmung nicht trüben. Da stehen solche Dinge wie „Schlepper“, „verwöhnte Studenten“ oder, dass sie vom Geld anderer leben würden. Unqualifiziertes, das man sowieso schon überall mal gelesen hat. Der Verein hat mittlerweile Botschafter in 33 Städten – und das Netzwerk wächst weiter. Das muss es auch. „Wir wollen langfristig denken und nach dieser Operation nicht nichts mehr tun“, sagt Titus. Sonst könnte es schnell so wirken, als wollten sie sich damit nur etwas Prestige verdienen.

Vorbereitungskurse finden im Becken der Werft statt

Dass immer auch Sorge und Angst mitschwingt, ist verständlich. Bislang sind es eben nur Planungen. Das Schiff ist noch nicht losgefahren, und wie es am Ende wirklich ist, da auf offener See, wie es ist, Menschen aus dem Wasser zu ziehen, die zu ertrinken drohen, wird man erst wissen, wenn es soweit ist. Die Vorbereitungskurse können im Werftbecken doch nur auf Eventualitäten vorbereiten. Auf das Szenario der Panik zum Beispiel. Was die psychische Belastung angeht, die kann ohnehin nur im Nachhinein behandelt werden. Dazu gehört auch, dass man, wie Titus erzählt, mit Toten rechnen müsse. „Jakob und ich mussten neulich auf dem Schiff überlegen, wo man am besten die Kühlkisten für eventuelle Leichen hinstellen soll.“ Das sei ein ziemlich dumpfer Realitätscheck gewesen.

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