Chirurgie

Flüchtlinge stellen Chirurgen vor neue Herausforderungen

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Wolfgang W. Merkel
Ein Arzt zeigt einen Tuberkulose-Fall anhand eines Röntgenbildes im Tuberkulosezentrum Berlin-Lichtenberg. Flüchtlinge müssen bei ihrer Aufnahme in Unterkünfte in Deutschland auf Tuberkulose untersucht werden, so schreibt es das Infektionsschutzgesetz vor

Ein Arzt zeigt einen Tuberkulose-Fall anhand eines Röntgenbildes im Tuberkulosezentrum Berlin-Lichtenberg. Flüchtlinge müssen bei ihrer Aufnahme in Unterkünfte in Deutschland auf Tuberkulose untersucht werden, so schreibt es das Infektionsschutzgesetz vor

Foto: Gregor Fischer / dpa

Deutscher Chirurgenkongress in Berlin: Mediziner sehen sich mit neuen und ungewohnten Operationen bei Flüchtlingen konfrontiert.

Auf neue Herausforderungen müssen sich die Chirurgen aufgrund der Ankunft von Flüchtlingen einstellen. Teils, weil sie mit hierzulande seltenen Erkrankungen konfrontiert werden, teils, weil Krankheiten gehäufter auftreten. Darauf macht Gunda Leschber im Vorfeld des 133. Chirurgenkongresses, der vom heutigen Dienstag an bis Freitag (26.–29.4.) in Berlin stattfindet, aufmerksam. Leschber ist Chefärztin der Klinik für Thoraxchirurgie an der Evangelischen Lungenklinik Berlin. Zum Kongress werden rund 5500 Mediziner erwartet.

Zunahme von Tuberkulosefällen

Demnach beobachten Lungenärzte nach vielen Jahren des Rückgangs wieder eine Zunahme von Tuberkulosefällen in Deutschland, vor allem aufgrund von Diagnosen bei Flüchtlingen. „Die Misere in den Heimatländern und die Strapazen während der Reise tragen dazu bei, dass eine latente Infektion sich zur offenen Lungentuberkulose entwickelt“, sagt Leschber, die auch Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie ist.

Nicht immer könne man die Infektion dann noch allein mit Medikamenten behandeln, sondern müsse die zerstörten Lungenteile operativ entfernen – ein Fall für den Chirurgen. Bislang komme das selten vor, „aber wir rechnen damit, dass auch in Deutschland die Operationszahlen steigen werden“, sagt Leschber.

Auch Infektionen mit dem Hundebandwurm (Echinokokkose) müssen wohl öfter als bislang chirurgisch behandelt werden. Der Parasit ist im Nahen Osten verbreitet. Wenn Flüchtlinge auf ihrer Reise gezwungen sind, unsaubere Lebensmittel zu sich zu nehmen, können sie sich infizieren. Die Parasiten machen sich manchmal erst nach Jahren bemerkbar, wenn sie in der Leber oder der Lunge Zysten gebildet haben. Die müssen operativ entfernt werden, so Leschber. Eine seltene und schwierige Operation, weil die Zysten als Ganzes herausmüssen, sonst gibt es bei Beschädigung eine allergische Reaktion oder der Bandwurm breitet sich im Körper aus.

Anomalie der Blutzellen täuscht eine Lungenentzündung vor

Mehr um die richtige Diagnose als um Therapie geht es bei starken Brustschmerzen und Kurzatmigkeit. Solche Symptome verleiten zum Befund „Lungenentzündung“. Doch Leschber zufolge kann bei Flüchtlingen auch eine Sichelzellanämie dahinterstecken. Die genetisch bedingte Erkrankung, bei der die roten Blutzellen deformiert sind, kommt in Afrika vor.

Die Patienten brauchen dann – anders als bei der Lungenentzündung – keine Antibiotika und dürfen keinesfalls intubiert und beatmet werden. Vielmehr brauchen sie Sauerstoff, viel Flüssigkeit und starke Schmerzmittel, bis die akute Krise vorüber ist. Die Sichelzellenanämie ist in Deutschland bisher fast unbekannt. „Wir sind gut beraten, uns auf diese Krankheitsbilder vorzubereiten“, sagt die Berliner Medizi­nerin.

Der jährliche Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie ist der wichtigste Kongress für Deutschlands Chirurgen. Er findet gemeinsam mit dem Berufsverband der Deutschen Chirurgen, der Bundeswehr und dem Bundesverband für Pflegeberufe statt. Das diesjährige Motto: „Chirurgie im Spannungsfeld von Technik, Ethik und Autonomie“