Musik-Hoffnungen

Auf welchen Berliner U-Bahnhöfen Musizieren erlaubt ist

4800 Genehmigungen zum Musizieren hat die BVG im vergangenen Jahr ausgestellt. Doch nicht jeder Bahnhof ist bei den Musikern beliebt.

London, Paris, Den Haag, Berlin-Wedding. Es ist 8 Uhr und Ivy steht in einer langen Warteschlange auf dem U-Bahnhof Leopoldplatz. „Ich habe die Wartenummer 21“, sagt die junge Frau aus Neuseeland. „Das kann noch eine Weile dauern, bis ich dran bin.“ Einmal in der Woche muss sich die Musikerin eine Genehmigung abholen, um auf einem der U-Bahnhöfe der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) musizieren zu dürfen. Bis vor wenigen Tagen war die Musik­genehmigungsstelle der BVG noch im U-Bahnhof Rathaus Steglitz, seit dem vergangenen Mittwoch werden die beliebten Lizenzen im Wedding vergeben.

Touristen und gute Heizung: Stadtmitte ist am besten

„Im Mai 2015 bin ich nach Europa gekommen, reise, spiele Gitarre und singe, um mir mein Leben zu finanzieren“, sagt Ivy. „Frankfurt, Hannover, Köln und seit Dezember vergangenen Jahres in Berlin“, zählt sie Stationen ihrer „Tournee“ auf. „Auf den Bahnhöfen spiele ich bekannte Folksongs, abends in Bars und Kneipen spiele ich Indie-Rock, aber nur selber geschriebene Lieder.“ Für drei Tage in der kommenden Woche holt sich die Neuseeländerin die Genehmigung ab. In dieser Woche steht sie noch am U-Bahnhof Hallesches Tor. „Mal ist es am frühen Nachmittag gut, mal geben die Leute am späten Nachmittag mehr Geld“, sagt die 30-Jährige. Eine Faustformel gebe es nicht. Das sei von Station zu Station unterschiedlich. Auf einigen Bahnhöfen sei es aber im Winter viel zu kalt. „Stadtmitte ist am besten“, sagt sie. „Viele Touristen und warm ist es dort.“

Vergeben werden die Genehmigungen für die Standorte an dem Ticketschalter immer mittwochs von 7 bis 11 Uhr. Am Verkaufsschalter hängt eine Liste mit den zugelassenen Bahnhöfen. Anhand dieser können sich die Musiker die Tage und gewünschten Bahnhöfe aussuchen. Wer zuerst kommt, hat noch die meisten Auswahlmöglichkeiten.

„Wenn ich um 6 Uhr das Büro aufschließe, warten bereits viele auf die Öffnung um 7 Uhr“, sagt Servicemitarbeiterin Petra Bengs. „Die meisten von ihnen sind Stammkunden.“ Es kämen durchschnittlich 25 bis 35 Musiker, überwiegend aus der Ukraine, Polen, Portugal und Tschechien. „In den Hochzeiten wie beispielsweise an Feiertagen, Weihnachten, großen Messen, aber auch beim Berlin-Marathon steigt die Zahl auf 50 Musiker, die an solchen Tagen spielen möchten.“

Es sind insgesamt 50 U-Bahnhöfe, die zum Musizieren freigegeben sind. „Aufgrund des gestiegenen Fahrgastaufkommens in den vergangenen Jahren musste die Zahl der Standorte eingeschränkt werden“, sagt Jürgen Hartmann, Hauptsachbearbeiter der BVG. „Diese Einschränkung ist der Sicherheit geschuldet.“ Die begehrtesten U-Bahnhöfe sind nach Aussagen Hartmanns Alexanderplatz, Schloßstraße, Kurfürstendamm, Berliner Straße und Hallesches Tor. „Seit 1987, anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins, erteilt die BVG die Genehmigungen“, so Hartmann. „Damals noch im U-Bahnhof Kleistpark und seit 2001 im U-Bahnhof Rathaus Steglitz“, sagt er. Aufgrund von Sanierungsarbeiten in Steglitz werden die Genehmigungen für ungefähr eineinhalb Jahre am Service-Schalter im U-Bahnhof Leopoldplatz vergeben. Davon wurden im vergangenen Jahr ungefähr 4800 ausgeteilt. In Städten wie Hamburg oder München beispielsweise ist das Musizieren gänzlich verboten. Auch auf den S-Bahnhöfen in Berlin dürfen Musiker nicht ihre Lieder spielen. Aber auch die Genehmigungen der BVG gelten ausdrücklich nicht für die U-Bahnzüge.

7,50 Euro Gebühr für eine Tagesgenehmigung

„Ich bezahle für einen Tag musizieren 7,50 Euro“, sagt Marina aus der Ukraine. „Mit dem Dokument darf ich aber auch von zu Hause zum Bahnhof und zurück fahren. Das ist wie ein Fahrschein.“ Warm angezogen steht sie vor dem Schalter. Ihre Mandoline trägt sie wie einen Rucksack auf dem Rücken, ebenfalls zum Schutz vor der Kälte dick eingepackt. „Heute fahre ich zum Friedrich-Wilhelm-Platz. Nächste Woche bin ich am Alexanderplatz, dort ist es besser. Es ist reine Glückssache, welchen Bahnhof man bekommt.“ Marina hat an einer Hochschule in der Ukraine Musik studiert und 26 Jahre als Musiklehrerin gearbeitet. „Jetzt wohne ich in Berlin und spiele meine Musik in der U-Bahn.“ Um sie herum stehen überwiegend Männer. Sie unterhalten sich in ihren Sprachen. Zu ihren Füßen stehen die Instrumente. Akkordeons, Gitarren und Geigenkoffer.

„Verstärkeranlagen und Schlagzeuginstrumente dürfen nicht genutzt werden“, erklärt Hauptsachbearbeiter Hartmann. „In der Zeit von 6 bis 22 Uhr darf Musik gemacht werden, das Musizieren darf aber nicht den Betriebsablauf stören.“ Der Sound dürfe nicht lauter als die Stationsansagen sein. Hartmann erklärt, dass die Genehmigungen auf Verlangen der Sicherheitsmitarbeiter vorgezeigt werden müssen.

Petra Bengs stellt die letzten Formulare an diesem Tag aus. Darin vermerkt werden die Personendaten sowie die Tage und Bahnhöfe. Sollte der Musiker mit einer Begleitperson spielen, dann wird das auf dem Formular ebenfalls vermerkt. „Das BVG-Dokument kann aber nur vom Antragsteller als Fahrausweis genutzt werden“, sagt sie. „Es gilt nicht für den Begleitmusiker.“

„Yorckstraße ist okay“, sagt Piotr aus Polen. Dort wird der 45-jährige Musiker aus Krakau in der kommenden Woche seine Gitarre auspacken und Blues-Jazz spielen. „Ich pendele immer zwischen Krakau und Berlin hin und her. Musik ist mein Leben und mein Beruf.“ Wenn er nicht den Bahnhof als Bühne hat, dann arbeitet er an einem Modern-Classic-Musik-Projekt in Berlin. „In den kommenden Tagen stehe ich auf dem Ernst-Reuter-Platz und auf dem Bahnhof Eisenacher Straße.“

Wenn Petra Bengs Feierabend hat und mit der U-Bahn unterwegs ist, dann trifft sie hin und wieder auf die Musiker, für die sie die Genehmigungen ausgestellt hat. „Wenn ich Zeit habe, bleibe ich auch mal stehen und höre zu.“