Potsdamer Platz

Scheibe fiel von Bahntower: Frau entging nur knapp dem Tod

Ein Glasstück löste sich aus der Fassade des Bahntowers und fiel auf Derya Özceliks Auto. Nur mit viel Glück kam sie unbeschadet davon.

Derya Özcelik íst auch einen Tag nach dem Vorfall geschockt. Die Heckscheibe ihres VW Golf wurde durch das herabfallende Glasteil zerstört

Derya Özcelik íst auch einen Tag nach dem Vorfall geschockt. Die Heckscheibe ihres VW Golf wurde durch das herabfallende Glasteil zerstört

Foto: Steffen Pletl

Ein heftiger Schlag, ein lauter Knall, überall Glas. Ein Teil eines Glaselements aus der gläsernen Fassade des Bahntowers am Potsdamer Platz hatte sich gelöst und war auf ein fahrendes Auto gefallen. „Auf mein Auto“, sagt Derya Özcelik, und ihre zittrige Stimme verrät, wie tief der Schreck auch einen Tag nach dem Vorfall immer noch sitzt. „Nur ein Wimpernschlag und ich würde heute nicht mehr hier sitzen“, sagt die 26 Jahre alte Fahrerin und blickt durch das riesige Loch, dass das herabstürzenden Glasstück in die Heckscheibe ihres VW Golfs geschlagen hat.

Am Donnerstag war vor dem Hochhaus der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz nichts mehr von dem Unfall zu sehen. Bei der Scheibe habe es sich um ein so genanntes Glasschwert gehandelt, bestätigte die Polizei den Bericht von Derya Özcelik. Die Fahrbahn vor dem Bahntower wurde nach dem Unfall am Mittwochabend kurzzeitig gesperrt. Eine Sprecherin der Bahn-Konzernzentrale, die den Tower gemietet hat, berichtete, dass ein etwa 30 mal 150 Zentimeter große Glasstück sich aus der Fassade im 16. Stock gelöst habe. Es sei dort als Schmuckteil angebracht gewesen. Für die Überprüfung der Glasscheiben sei nicht die Bahn, sondern eine zentrale Verwaltung zuständig, betonte die Sprecherin.

Glasbruch am Tower bereits mehrfach aufgetreten

Der gläserne Tower mit der prestigeträchtigen Adresse Potsdamer Platz 2 ist erst vor knapp 16 Jahren fertig gestellt worden. Der 103 Meter hohe Büroturm, der nach den Entwürfen des Star-Architekten Helmut Jahn errichtet wurde, hat jedoch nicht zum ersten Mal Probleme mit seiner Glasfassade. 2007 und 2008 hatten sich wiederholt Risse in Teilen der gläsernen Außenfassade gebildet, kleinere Glasteile waren damals auf die Straße gefallen. Verletzt wurde auch damals niemand. Auslöser sollen Materialfehler gewesen sein, die dafür sorgten, dass das Sicherheitsglas den Temperaturschwankungen nicht standhielt, und die warme Frühlingssonne.

Der Glasbruch am Bahntower ist indes kein Einzelfall: Vor Jahren hatte auch das Kaufhaus Galeries Lafayette an der Friedrichstraße in Mitte wiederholt wieder mit Glasbruch zu kämpfen. Das Bezirksamt Mitte hatte daraufhin angeordnet, dass an der Fassade Schutznetze angebracht werden müssen. Auch an der Ziegelfassade des Hochhauses gegenüber vom Bahntower mussten Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, um Passanten vor herabstürzenden Fassadenelementen zu schützen. Am sogenannten Kollhoff-Tower musste 2008 eine Gerüstkonstruktion für Schutz von oben sorgen. Inzwischen wurde die Fassade saniert und die Schutzgitter abgebaut.

Solche Vorrichtungen hält Carsten Spallek, Baustadtrat von Mitte (CDU) beim Bahntower nun jedoch nicht für notwendig. „Nach bisheriger Kenntnis hat die Hausverwaltung sofort nach dem Schaden eine Firma mit Sicherungsmaßnahmen beauftragt“, so der Stadtrat. Damit sei der für die Immobilie Verantwortliche seiner Pflicht zur Schadensabwehr nachgekommen und es gebe zurzeit keinen Anlass für ein behördliches Einschreiten. Das Management des Sony Centers, das auch den Bahntower betreut und für die Sicherung zuständig ist, erklärte, dass die Ursachenforschung noch nicht abgeschlossen sei. Es bestehe aber keine Gefährdung mehr.

„Bis heute hat sich niemand von den Verantwortlichen für den Büroturm bei mir gemeldet und wenigstens entschuldigt“, berichtet Derya Özcelik am Donnerstagnachmittag. Sie habe an einen Terroranschlag geglaubt, berichtet die angehende Medizinische Fachkraft von dem Vorfall.

Beinahe täglich fahre sie die Strecke entlang des Potsdamer Platzes, hindurch zwischen den Bürotürmen hindurch in Richtung Philharmonie. „Einen derartigen Knall habe ich noch nie gehört. Es scheint als habe sich dieses Geräusch fest in mein Ohr eingenistet“, sagt sie. Eine ihr fremde Frau hatte ihr nach diesem Unfall sofort geholfen und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt. Sie sei es dann auch gewesen, die die Polizei alarmiert habe. „Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich froh, das keiner der zahlreichen Passanten von der Scheibe getroffen worden ist.“

Am Unfallort hatte sie sofort Bekannte angerufen. Diese haben ihr geholfen und sie zunächst nach Hause gebracht. Dort hat sich dann ihr Gesundheitszustand verschlechtert. „Nicht körperlich, seelisch hat es mich stark getroffen“, sagt die Moabiterin. Sie sei einfach nicht zur Ruhe gekommen. In der Klinik hat sie sich dann untersuchen lassen. „Vorerst werde ich wohl nicht mehr Auto fahren, ich habe Angst“, sagt die junge Frau, die den Wagen vor einem Jahr von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte.

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