Abitur 2016

Viel Neugier und auch ein bisschen Angst

Vier Berliner Abiturienten erzählen, was sie machen wollen, wenn sie ihr Abizeugnis in der Hand haben.

Erst Costa Rica, dann Asien – Joanna will auf eigene Faust ins Ausland. Nur den Anfang hat sie geplant und ist gespannt, was sie alles erlebt.

Erst Costa Rica, dann Asien – Joanna will auf eigene Faust ins Ausland. Nur den Anfang hat sie geplant und ist gespannt, was sie alles erlebt.

Foto: Amin Akhtar

An einem Tag hat Joanna Tohtz ihre erste Abiklausur geschrieben, Bio, am nächsten Tag den ganzen Tag gearbeitet. „Neben der Abivorbereitung muss ich jetzt möglichst viel Geld verdienen“, erklärt sie, denn ab Herbst will sie eine halbe Weltreise machen. Weitgehend wird sie die selbst finanzieren. Erst plant die Abiturientin aus Friedenau, die gerade volljährig geworden ist, nach dem Sommer für drei Monate nach Costa Rica zu fahren, um dort auf einer ökologischen Farm zu arbeiten, danach möchte sie nach Asien. Den Einsatz in Costa Rica hat sie über eine Agentur organisiert, die Flüge sind schon gebucht. Nach Asien geht es dann auf eigene Faust weiter. Es gibt Momente, da verlässt sie kurz der Mut, „zum Beispiel wenn ich mir vorstelle, ich komme an irgendeinem Flughafen an, wo keiner Englisch spricht und ich muss einen bestimmten Bus nehmen und finde ihn nicht.“ Aber letztlich ist die Neugier doch größer und allein ins Ausland gereist ist sie schließlich auch schon.

Bis Mai kommenden Jahres will sie unterwegs sein und sich danach um einen Studienplatz kümmern. Aber das ist im Moment weit weg für sie und beim Fach ist sie sich auch noch nicht sicher: „Erst mal will ich mich breit aufstellen, mit Bio oder Geografie, und danach erst spezialisieren, vielleicht in Richtung soziale Projekte.“ Sie interessiert sich für so vieles, da fällt es ihr schwer, sich festzulegen. Eines weiß sie aber schon: „Ich liebe Berlin über alles, darum will ich unbedingt hier studieren.“

An den momentanen Zustand muss sie sich erst mal gewöhnen: „Einerseits bin ich froh, dass die Schule fast vorbei ist und ich jetzt so viele Freiheiten habe, andererseits bin ich aber auch irgendwie orientierungslos und weiß nicht genau wohin.“ Und sie vermisst schon jetzt, dass sie jeden Tag ihre Freunde in der Schule getroffen hat. „Klar kann man sich verabreden, aber jeder macht jetzt sein Ding, man trifft sich nicht mehr so selbstverständlich.“

Von der Schule direkt an die Uni

Zwei Prüfungen hat Hanna Herzog schon hinter sich: Englisch und Mathe. Jetzt hat sie erst einmal Pause bis Mitte Mai. Dann geht es weiter mit Erdkunde und Bio. „Auf Bio freue ich mich richtig, das ist mein Lieblingsfach“, sagt die 17-Jährige aus Charlottenburg. Kein Wunder, schließlich will sie Medizin studieren. „Am liebsten gleich im Wintersemester“, sagt Hanna. Und am liebsten in Berlin, weil ihr hier der Reformstudiengang gefällt und weil sie sich nur schwer vorstellen kann, in einer kleineren Stadt zu leben. Ob das klappt, zeigt sich erst, wenn sie ihre Abinote weiß. Dass sie Ärztin werden will, weiß sie dafür schon seit ein paar Jahren. Es ist auch der Beruf ihres Opas und ihrer Mutter, aber die hätten sie nicht zu der Berufsentscheidung gedrängt.

Wenn es nicht gleich mit einem Studienplatz klappt, will Hanna erst mal das für ein Medizinstudium obligatorische Krankenpflegepraktikum absolvieren, „am liebsten in einem Entwicklungsland“. Erst wollte sie nach Sansibar, auch Indien hat sie schon überlegt, aktuell ist sie bei Südamerika. Sie hat sich auch schon bei einer Praktikumsagentur erkundigt, aber bevor sie sich anmeldet, wartet sie erst mal ab, ob es nicht doch gleich einen Studienplatz bekommt.

Die 17-Jährige aus Charlottenburg schaut zuversichtlich in die Zukunft und freut sich auf das Leben nach der Schule. Und doch fühle es sich komisch an. „Jetzt ist es noch wie Ferien, aber wenn die Schulzeit dann im Sommer endgültig vorbei ist und alle ihre Wege gehen, habe ich schon Angst, dass ich in ein Loch falle“, sagt sie. Aber sie baut schon mal jetzt vor: „Ich stelle mir einen Wecker, damit ich nicht den ganzen Tag verschlafe.“ Nach dem Abi ein Jahr erst mal gar nichts zu machen, keinen Plan vor Augen zu haben, das kann sich Hanna nicht vorstellen.

Erst mal etwas Praktisches machen

Sebastian Wolf (18) besucht das Humboldt-Gymnasium in Tegel. Bei gutem Wetter ist er in den letzten Jahren oft mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Er zählt zu der Sorte Schüler, die schon wissen, was sie nach dem Abi mal machen wollen. „Ich habe mich für ein sechsmonatiges freiwilliges soziales Jahr im Humboldt-Krankenhaus in Berlin beworben“, erzählt er. „Alternativ habe ich auch ein Bewerbungsgespräch beim Deutschen Roten Kreuz.“ Damit will er sich auf sein zukünftiges Studium vorbereiten. Ein FSJ hält er dabei für eine super Sache.

Der Abiturient will nach dem FSJ Medizin studieren. Den Wunsch hat er schon seit etwa drei Jahren. Mit seinem Abischnitt wird er aber wohl nicht den Numerus Clausus erfüllen. Der liegt in Berlin bei 1,0. In Berlin rechnet er daher nicht mit einem Studienplatz. Eine Möglichkeit wäre ein Platz in Brandenburg. Plan B ist ein Biotechnologiestudium an der Technischen Universität, und auch Bio und Mathe auf Lehramt kommt für ihn in Frage.

Bevor es losgeht, freut sich Sebastian aber jetzt erst einmal auf ein Jahr Pause vom Lernen. „Beim FSJ bekomme ich einen ersten Eindruck vom Beruf, bin aber gleichzeitig noch nicht an Studium oder Ausbildung gebunden.“ Für ihn ist die Zeit vor allem eine Orientierung. Danach sind ein paar Wochen in Neuseeland geplant. Mit zwei Freunden will er dort Work and Travel machen. „Vielleicht auch nur Travel“, sagt er lachend. Bis dahin muss er aber noch letzte Prüfungen schreiben. Mathe hat Sebastian schon hinter sich. Als nächstes kommen die Leistungskursklausuren in Chemie und Geschichte.

Sein Tipp für künftige Abiturienten: Sich rechtzeitig um Möglichkeiten kümmern und auf jeden Fall ein Jahr Zeit nehmen. Zum Orientieren, Energie schöpfen und die Welt sehen. „Wann ist man schon so ungebunden an Schule oder Job wie nach dem Abi?“

„Ich möchte nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen“

Das Schwierigste liegt bereits hinter ihr, davon ist Sofia Erse Keller (19) überzeugt. Die beiden schriftlichen Prüfungen in Mathe und Biologie liefen für die Abiturientin aus Kreuzberg problemlos. „Englisch, Geschichte und die Präsentationsprüfung sollten auch kein großes Problem sein“, erklärt sie selbstbewusst. Zwischen ihren Prüfungen hat sie etwa einen Monat frei, in dem sie mit Freunden nach Thailand reisen möchte, um ihren Freund zu besuchen. „Nur noch Englisch und dann Urlaub zum Kräfte sammeln für die letzten zwei Prüfungen“, sagt sie.

Nach dem Abitur wird sie ein Jahr in Brasilien verbringen, wo sie zunächst in einem ökologischen Projekt arbeitet. Mindestens drei Monate wird sie sich dabei um pflegebedürftige Tiere kümmern. „Es geht im Grunde darum, Tieren zu helfen, die alleine nicht überleben könnten. Beispielsweise, weil sie von ihrer Gruppe ausgestoßen wurden.” Genau weiß sie noch nicht, welche Aufgaben dabei alles auf sie zukommen. „Ich werde hoffentlich nicht nur Käfige saubermachen und Tiere füttern dürfen.“ Es war ihr besonders wichtig, nach dem Abitur etwas Soziales und Ökologisches zu tun. Die restliche Zeit in Brasilien will sie nutzen, um an verschiedenen anderen Stellen zu arbeiten und zu reisen. Zudem will sie in dem Land ihren Führerschein machen.

Sorgen macht sich Sofia nicht. Sie war bereits während ihrer Schulzeit ein Jahr in Kanada, kennt es also, fern von Deutschland zu sein. Zudem hat sie einige Verwandte in Brasilien und spricht fließend Portugiesisch.

Auch bei der Studienorientierung kann das Auslandsjahr helfen: „Ich habe ja jetzt ein Jahr, um herauszufinden, was ich studieren will“. Das weiß sie jetzt nämlich heute noch nicht. Eines ist ihr jedoch klar: „Ich will auf jeden Fall mit vielen Menschen zu tun haben. Ich möchte auf keinen Fall den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen.“