Parken in Berlin

Immer mehr Berliner Supermärkte verteilen Park-Knöllchen

Viele Supermärkte lassen ihre Parkplätze überwachen. Wer die Parkscheibe vergisst, soll zahlen. Häufig sogar mehr als beim Ordnungsamt.

Auch auf dem Supermarktparkplatz müssen Autofahrer oft die Parkscheibe einstellen

Auch auf dem Supermarktparkplatz müssen Autofahrer oft die Parkscheibe einstellen

Foto: Frank Leonhardt / picture alliance / dpa

Einen Liter Milch und ein Paket Spaghetti kaufte Bettina N. auf dem Heimweg noch schnell im Supermarkt. Als sie auf dem Parkplatz an der Reichsstraße in Westend wieder ins Auto stieg, entdeckte sie einen Zettel an der Windschutzscheibe. 19,90 Euro sollte sie zahlen, weil sie keine Parkscheibe ins Auto gelegt hatte. „Doppelt so teuer wie ein Knöllchen vom Ordnungsamt auf der Straße“, ärgert sie sich.

Viele Supermärkte lassen ihre Parkplätze überwachen

Viele Supermärkte in Berlin lassen ihre Parkplätze von privaten Kontrolleuren überwachen. Wer trotz der Hinweisschilder seine Parkscheibe vergisst, muss häufig zahlen. Die private Überwachung von Parkplätzen gebe es zwar schon länger, sagt Thomas Hollweck, auf Verbraucherrecht spezialisierter Anwalt in Berlin, sie nehme aber nach seinem Eindruck zu.

Die Bio-Supermarktkette Bio Company beispielsweise lässt fast jeden ihrer Parkplätze überwachen. An der Hälfte der Filialen gebe es Stellplätze, auf 90 Prozent dieser Plätze seien Kontrolleure im Einsatz, sagt Nadine Schulze, Leitung Objektmanagement bei der Bio Company.

Ebenso wie andere Supermarktketten und Discounter begründet die Bio Company den Einsatz der Kontrolleure mit Fremd- und Dauerparkern, die die Stellplätze besetzen. Als „Park-and-Ride-Parkplätze“ würden die Plätze genutzt, sagt Alexandra Antonatus, für Berlin zuständige Pressereferentin bei Edeka und Reichelt. Für die eigenen Kunden stünden deutlich weniger Plätze zur Verfügung. Die Überwachung sei deshalb leider häufig notwendig.

„Es geht da meist eher ums Geldverdienen“

Auch etliche Aldi-Märkte lassen ihre Parkplätze überwachen: „Die Parkraumbewirtschaftung soll im Interesse unserer Kundinnen und Kunden sicherstellen, dass diese für die Dauer des Einkaufs einen kostenfreien Stellplatz nutzen können. Vor allem in Ballungsgebieten oder auch temporär aufgrund veränderter Parkplatzsituationen, beispielsweise durch Baustellen, wird dann je nach Filiale eine Parkraumbewirtschaftung eingeführt“, erläutert eine Mitarbeiterin der Aldi GmbH & Co. KG mit Sitz in Berlin.

Für Supermärkte gerade im Innenstadtbereich könne es sicher sinnvoll sein, die Parkplätze für die eigenen Kunden frei zu halten, meint auch Anwalt Thomas Hollweck. Er habe aber den Eindruck, dass auch Parkplätze überwacht würden, auf denen Fremdparker kein Problem seien. „Ich vermute schon, dass es da eher ums Geldverdienen geht als darum, die Parkplätze frei zu halten.“

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Eines der Unternehmen, die die Parkplätze an Supermärkten kontrollieren, ist „fair parken“ aus Düsseldorf. Geschäftsführer Thomas Herrmann schätzt, dass 50 bis 80 Prozent der Märkte Probleme mit Fremdparkern haben. Teilweise hätten diese massiv mit Beschwerden von Kunden zu kämpfen.

19,90 Euro kostet das Falschparken auf Privatgelände

Neun Kontrolleure sind im Auftrag von „fair parken“ auf Parkplätzen in Berlin unterwegs. Wenn ein Auto ohne Parkscheibe oder länger als erlaubt auf dem Parkplatz steht, stecken sie einen Zettel unter die Windschutzscheibe: 19,90 Euro kostet das Falschparken auf Privatgelände. Wenn die Kontrolle neu eingeführt werde, liege die Strafe niedriger, am Anfang würden die Autofahrer teilweise sogar nur auf die geltenden Regeln hingewiesen. Anders als Konkurrenzunternehmen schleppten sie auch nicht ab.

Ob die Kunden die Strafe zahlen müssen, hängt vor allem davon ab, ob und wie gut Schilder auf dem Parkplatz über die Bedingungen informieren. „Ein Autofahrer, der auf einen Parkplatz einfährt, hat anderes zu tun als die Schilder rechts und links zu lesen“, sagt Anwalt Hollweck.

Die Hinweise seien oft zu klein und zu unauffällig. „Wenn der Kunde das Schild nicht sieht, kommt kein Vertrag zustande“, erklärt Hollweck. Wer aber nicht weiß, dass er gerade einen Park-Vertrag geschlossen hat, hat gute Chancen, trotz fehlender Parkscheibe um eine Strafe herumzukommen.

Auf jeden Fall schriftlich widersprechen

„Man sollte auf alle Fälle schriftlich widersprechen und dabei auf das fehlende oder zu kleine Schild verweisen“, rät Hollweck – beim Rechnungssteller, also der Park-Kontrollfirma, nicht beim Supermarkt. Seiner Erfahrung nach werde die Forderung „über kurz oder lang“ storniert.

Viele Kunden reagierten „leider verärgert“, wenn sie einen Strafzettel am Auto finden, sagt Nadine Schulze von der Bio Company. Wenn Mitarbeiter des Unternehmens ihnen jedoch erklärten, warum die Parkplatzkontrolle eingeführt wurde, hätten viele doch Verständnis.

Dafür sorgten auch die Kulanzregelungen, ist Thomas Herrmann von „fair parken“ überzeugt: Wenn ein Kunde einen Kassenbon als Nachweis vorlegen kann, dass er zur angegebenen Zeit in dem Supermarkt eingekauft hat, werde die Strafe nicht fällig. Auch Bettina N. kam so ohne Zahlung davon.

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