Wirtschaft und Technik

Wie Adlershof zum Testgelände für neue Technologien wird

Aus Sicht des neuen Geschäftsführers der Wista Management GmbH, Roland Sillmann, tritt der Technologiepark Adlershof in eine neue Phase.

Nachtluftbild vom Gelände des Elektronen-Speicherrings BESSY im Technologiepark Adlershof

Nachtluftbild vom Gelände des Elektronen-Speicherrings BESSY im Technologiepark Adlershof

Foto: dpa Picture-Alliance / euroluftbild.de/Robert Grahn / picture alliance / ZB/euroluftbi

Seit Anfang des Jahres ist Roland Sillmann Geschäftsführer der Wista Management GmbH, die den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Adlershof verwaltet. Er sprach mit der Berliner Morgenpost über die Zukunft des Technologie-Parks und seine Bedeutung für Berlin.

Berliner Morgenpost: Herr Sillmann, was hat Sie nach Berlin geführt?

Roland Sillmann: Meine ersten Kontakte zu Berlin hatte ich nach meinem Studium, als ich hier an der Steinbeis-Hochschule den Master of Business Engineering gemacht habe. Das war 2001. 2007 bin ich wieder gekommen, als ich mit Kollegen ein Solarunternehmen gegründet habe. Das lief bis 2010 sehr gut. Wir waren eines der erfolgreichsten Start-ups in Deutschland. Wir mussten aber 2012 Insolvenz anmelden. Dann bin ich 2013 gefragt worden, ob ich die Gründerzentren der Wista leiten würde, ob ich also die Erfahrungen aus dem Aufbau eines Unternehmens an jüngere Unternehmen weitergeben würde. Und das habe ich dann sehr gern gemacht.

Welche Akzente wollen Sie als neuer Geschäftsführer setzen?

Wir sind in einer anderen Zeit angekommen. Wir sind jetzt als Standort sehr attraktiv bei Investoren und haben viele Ansiedlungen. Zukünftig geht es darum, was wir für die Unternehmen tun können, um schneller erfolgreich zu werden. Vom Aufbau der Infrastruktur also jetzt mehr in diese Servicestruktur zu kommen. Es geht immer um die Fragen: Wie können die Firmen ihr Produkt entwickeln? Da vermitteln wir die Kontakte zur Wissenschaft, die ihre Erkenntnisse einbringen. Und es geht darum, Kontakte zu anderen Unternehmen herzustellen, die im Bereich Produktentwicklung und Produktion Erfahrung haben. Es geht zudem darum, wie ich Kontakt zu Personen bekomme, die mich finanzieren können. Unsere Firmen verkaufen meist an andere Unternehmen. Wenn Sie aber bei Daimler oder Bosch anfragen „Ich habe etwas zu verkaufen“, wird keiner kommen. Wenn aber jemand von der Wista anruft und sagt „Wir haben zehn Unternehmen, die etwas Neues anbieten, das für euch interessant ist, dann kommt jemand und alle können ihre Produkte präsentieren.

Stößt der Standort schon bald an Flächengrenzen?

Nein, wir haben noch einiges an Flächen frei, bekommen auch noch ein größeres Areal dazu, rund 45 ha des ehemaligen Verschiebebahnhofs Schöneweide („Gleislinse“). Wir können gut weiter expandieren.

Sie konnten in Adlershof relativ autonom agieren. Können Sie das zukünftig auch in Tegel, wo Sie den Technologiestandort nach der Schließung von TXL entwickeln?

Wir haben zwei Unbekannte: Wie geht es politisch weiter? Und wann wird der Flughafen geschlossen? Wir können zwar schon planen, sind aber in einer Wartestellung. Wir können viel vorbereiten, aber zum Loslegen fehlt der Startschuss.

Ist klar, wie Sie das finanzieren werden?

Klar ist, dass Sie immer erst einmal eine Anschubfinanzierung brauchen, das hatten wir in Adlershof ja auch. So dass wir in den ersten Jahren auch einiges an Investitionen gebraucht habe. Aber seit 2005 ist es in Adlershof so, dass 70 Prozent der Investitionen, die gemacht werden, von privat kommen und nicht mehr von der öffentlichen Hand. Es kann nicht sein, dass man immer von der öffentlichen Hand abhängig ist. Wir haben das für unsere Technologiezentren berechnen lassen. Da sind 220 Millionen Euro an Fördergeldern reingeflossen, es springen aber auch jedes Jahr um 80 Millionen Euro an Steuererträgen raus. Das Geld ist nach knapp drei Jahren wieder eingespielt.

Wie viele Ausgründungen bestehender Institutionen in Adlershof gibt es pro Jahr?

Im vergangenen Jahr hatten wir in Adlershof und Charlottenburg rund 50 Start-ups, die sich hier angesiedelt haben. Gemessen an der Gesamtzahl an Gründungen in Berlin ist das wenig, aber bei all den Gründungen ist auch jeder Freiberufler dabei. Im Technologiebereich sieht das schon anders aus. Da sind wir mit 50 schon ganz gut. Die Start-ups mit Forschungshintergrund haben sehr gute Geschäftsmodelle. Viele von denen, die sich vor 20 Jahren gegründet haben, haben heute 50 oder 100 Mitarbeiter, sind in einer Nische Marktführer und extrem stabil.

Gibt es Berechnungen, was Adlershof insgesamt für die Region erwirtschaftet?

Unser Umsatz liegt bei 1,8 Milliarden Euro. Wir wissen aber, was wir zusätzlich erwirtschaften und das ist der Faktor 1,8. Wir erwirtschaften also mittelbar und unmittelbar 3,2 Milliarden Euro zum Beispiel inklusive der Zulieferer im Umland. Etwa 200 Millionen Euro fließen an Steuern in die Landeskasse zurück.

Adlershof war Standort der Akademie der Wissenschaften der DDR. Ist heute noch ein Kern der DDR-Wissenschaft vorhanden?

Oh ja. 1991 konnten rund 1500 Mitarbeiter in den aus der Akademie hervorgegangenen Instituten weiterarbeiten. Viele sind heute noch aktiv. Außerdem sind aus der Akademie rund 150 Unternehmen hervorgegangen. Die Unternehmer der ersten Stunde, das waren Menschen, die erkannt haben „Ich kann etwas, was sonst keiner kann“. Oder es waren Leute, die man freigesetzt hat und die sagten „Jetzt muss ich“ und die in die Marktwirtschaft gegangen sind. Wir haben jetzt noch etwa 50 Unternehmen mit Wurzeln in der Akademie. Jetzt gehen diese Unternehmer nach und nach in den Ruhestand und müssen nachdenken, wie sie den Generationenwechsel hinbekommen. Wir können Interessenten für den Kauf und die verkaufswilligen Unternehmer zusammenbringen und den Unternehmern klarmachen, was sie tun müssen, damit jemand bei ihnen investiert.

Technologien wandeln sich extrem schnell. Dennoch die verwegene Frage: Wie stellen Sie sich Adlershof in 25 Jahren vor?

(Lacht) In der heutigen Zeit sind schon fünf oder zehn Jahre sehr lang. Man sieht den extremen Umbruch in der Wirtschaft durch die Digitalisierung. Das ist für Berlin eine Riesenchance, weil wir hier eine große Kompetenz haben. Ich glaube, dass wir noch mehr renommierte Firmen aus dem Rest Deutschlands bekommen werden, die in Berlin einen Forschungsbereich etablieren. Wir haben Firmen wie Trumpf und Würth nach Adlershof bekommen. Die sind für unsere bestehenden Unternehmen auch Kooperationspartner mit einem bekannten Markennamen. Wenn etwa jemand eine hoch automatisierte Produktionsanlage kaufen will, wird er sie nicht von einem jungen Start-up nehmen, sondern um Sicherheit zu haben von einer renommierten Marke. Wir haben in Adlershof Hersteller aller Komponenten, die Sie dafür brauchen. Wenn wir es schaffen, weitere Firmen mit Markennamen zu bekommen, die mit unseren kleinen Technologiefirmen etwas aufbauen, bekommen wir Produkte, die sich sehr gut verkaufen lassen.

Soll Adlershof auch eine Smart City werden?

Ja, aber wir wollen nicht nur die intelligenteste Infrastruktur, sondern auch, dass die Produkte dafür aus Adlershof kommen. Wir geben den Firmen hier die Möglichkeit, Demonstrationsprojekte zu starten, um die Produkte damit weiter vermarkten zu können – Produkte „Made in Adlershof“. Ein konkretes Beispiel sind 160 Straßenlaternen, die wir derzeit durch intelligente Laternen ersetzen. In allen Leuchten sind kleine Rechner, die sich untereinander vernetzen. Damit kann ich zum Beispiel ein sicheres, weil nicht mit dem Internet verbundenes, Verkehrsleitsystem aufbauen. Ich kann damit auch Nachrichten verbreiten. Wenn jemand mit einer speziellen App vorbeifährt, bekommt er Informationen zu Instituten und Firmen, zu Kontaktpersonen und so weiter – Informationen, die lokal und sicher erzeugt wurden. So habe ich eine Plattform, auf die ich viele Applikationen laden kann, bei denen heute noch gar niemand weiß, was es alles sein wird. Das Gute ist, dass wir einen Teil der Infrastruktur hier selbst besitzen und Projekte daher schnell umsetzen können. Vielleicht wird einem unserer Unternehmen in Zukunft der ganz große Durchbruch gelingen.