Serie "Iss gut"

Sarah Wiener: Deshalb liegt Süßes an der Supermarkt-Kasse

Im Interview erklärt die Köchin und Unternehmerin Sarah Wiener, was gesunde Ernährung für Kinder und Erwachsene bedeutet.

Sarah Wiener empfiehlt Bioprodukte aus der Region. Denn für diese Lebensmittel gelten klare Kriterien

Sarah Wiener empfiehlt Bioprodukte aus der Region. Denn für diese Lebensmittel gelten klare Kriterien

Foto: Christian Kaufmann / Christian kaufmann

Sie ist Köchin, Unternehmerin, Fernsehstar: Sarah Wiener. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für den Tierschutz und eine gesunde Ernährung. In Brandenburg betreibt sie seit einem Jahr das Gut Kerkow in der Uckermark. Ein Gespräch über nachhaltige Landwirtschaft und gesunde Lebensweise.

Berliner Morgenpost: Was hatten Sie zum Frühstück?

Sarah Wiener: Brot aus meiner Holzofenbäckerei, gekochten Schinken von meinen Schweinen, Eier von meinen Hühnern, Milch von unseren Kühen für den Kaffee.

Ist das Luxus für Sie?

Im Grunde genommen sollten wir alle wissen, was wir essen, und mit unseren Lebensmitteln verbunden sein. In urbanen Gegenden ist das kaum möglich, daher ist es tatsächlich zum Luxus geworden. Man findet da zum Beispiel keine Eier, die so aussehen.

(Sie zeigt sechs Eier, die sie gesammelt hat. Jede Schale hat eine andere Färbung.)

Das entspricht nicht der Norm, oder?

Sie würden so eine individuelle Vielfalt auch nicht mehr finden, selbst wenn Sie bereit wären, einen Euro pro Ei auszugeben. Denn die stammen nur von den alten Rassen, die es wiederum nicht mehr häufig gibt, weil sie zu wenige Eier legen oder zu wenig Fettansatz haben. Bei uns gibt es sie.

Leben Sie hier?

Ja, und in Berlin. Das Schöne ist ja: Ich lebe in einer kleinen Welt, die ich mir selber erschaffen kann. Es gibt Fleisch von glücklichen Tieren und ich weiß, dass ich mit meinem Konsumverhalten die Felder nicht noch mehr zerstöre. Natürlich ein sehr ideelles Projekt.

Wer ist der Übeltäter?

Wir leben in einem kapitalistischen System, wo es immer nur um Gewinnmaximierung und Geld geht – besser und schneller als die Konkurrenz sein. Da müssen ethische und nachhaltige Werte zwangsläufig wegfallen. Letztlich wird ja heute alles zur Ware. Schönheit, Geschmack, Sinnlichkeit oder Vielfältigkeit spielen in diesem System keine Rolle mehr. Was für einen Wert hat denn Leben überhaupt noch?

Das klingt sehr fatalistisch.

Ich will keine reine Kapitalismuskritik machen, aber man sieht schon ziemlich deutlich, dass unser Lebensstil Stück für Stück unsere Lebensbasis abschafft. Gesunde Böden, Natur, Klima, gesundes Wasser. Das Landwirtschaftssystem ist am Ende auch ein Wirtschaftssystem, das sich diesen Regeln unterwerfen muss, um zu überleben.

Können wir zurück?

Zurück? Ich würde sagen, wir müssen nach vorne!

Was ist dabei das Wichtigste?

Gesundes Essen kommt aus einem gesunden, fruchtbaren Boden. Seine Erhaltung ist ein Muss, wenn man kein Misanthrop ist. Die Realität zeigt, dass die sukzessive Zerstörung dennoch nicht aufhört. Da wir anders als Pflanzen unsere Nahrung nicht aus Licht und Luft herstellen können, müssen wir Leben vernichten, um selbst leben zu können. Auch wir sind Teil dieser Natur und trotzdem bekämpfen wir sie. Wie und wovon wollen und sollen wir leben?

Von künstlich erzeugter Nahrung?

Das kann auf Dauer ja nicht funktionieren. Der Mensch ist ein robuster Allesfresser, aber Lebendiges lebt von Lebendigem. Wenn unterernährte Babys hoch konzentriertes Milchpulver bekommen, verhindert man ein Verhungern, aber Größe und Fett bedeuten nicht gleich Gesundheit. Da gibt es dann Übergewicht, Unverträglichkeiten, Allergien oder Diabetes 2 bei Kindern.

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Das erinnert an Massentierhaltung.

Ich vermisse den Respekt vor dem Leben und der Natur. Wir manipulieren, was wir manipulieren können. Hybridhühner kommen in nur einem Monat auf zwei Kilo durch Mast, Überzüchtungen, Medikamente. Viele haben nie Regen gespürt oder in der Wiese gescharrt. Das ganze System ist lebens- und genussfeindlich.

Und wer soll das aufhalten?

Es wächst eine junge Generation heran, die sich gegen diese Zerstörung stellt. Da gibt es welche, die sagen: Wieso soll ich 20 gleiche T-Shirts haben, wenn auch zwei, drei ausreichen? Solche Gedanken an Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit werden wieder stärker und lassen sich in viele Lebensbereiche übertragen.

Versuchen das nicht Veganer schon?

Ich habe großen Respekt davor, wenn Menschen sich für Tiere einsetzen oder die klimatischen Folgen unserer Ernährung bedenken. Wir alle wissen, dass viele Nutztiere leiden. Aber ist die Lösung nun, alle Tiere abzuschaffen, anstatt das Leid der Tiere? Kulturtiere gehören seit Tausenden von Jahren zu uns. Auch das Tier hat einen Vorteil durch die Menschen – Schutz und Nahrung. Das Entscheidende ist doch: Was esse ich da und woher kommt es?

Ist Fleisch wichtig?

In Maßen. Es ist ja richtig, dass wir zu viel davon konsumieren, noch dazu das falsche Fleisch aus Massentierhaltung. Aber ich finde es lustfeindlich und unsinnig, künstliche Vitamine und künstlich hergestellte Ersatzprodukte zu essen, weil man sich diätisch oder sogar mangelhaft ernährt. Jede Art von extremer Ernährungsweise ist abzulehnen. Nur eine dekadente Gesellschaft wie die unsere kann sich überhaupt solche Diskurse leisten.

Vielleicht sehen manche solche Trends auch als Ersatzreligion?

Oft geht es um eine erhöhte Individualisierung der eigenen Person. Man grenzt sich mit einer Bewegung oder Gruppe von der großen Masse ab. Essen müssen wir alle. Jeder hat dazu etwas zu sagen, und durch bestimmtes Essverhalten zeige ich dem anderen, wofür ich stehe. In anderen Gegenden isst man einfach, weil man Hunger hat oder weil es nichts anderes gibt.

Aber Bio kann ich essen?

Vor 100 Jahren war alles bio. Da waren es nicht die angeblichen elitären Spinner. Das war vernünftige Realität für jedermann. Richtig aus dem Ruder lief es in der Agroindustrie in den 70er-Jahren. Heute müssen die Einzigen, die gesunde, natürliche Lebensmittel anbieten wollen, sich teuer zertifizieren lassen, und der große, mit Gift gespritzte Rest ist die Norm, die subventioniert wird.

Aber woran erkenne ich denn noch Bio?

Bio ist zuallererst eine Trademark. Bio ist also nicht gleich Bio. Zwar garantiert es eine gewisse Kontrolle – mehr Tierschutz, weniger Antibiotika, keine Pestizide, kein Mineraldünger. Nur ist Bio aus Übersee zum Beispiel schwer kon-trollierbar. Ich sage immer: Wenn Bio, dann bitte möglichst regional. Übrigens gibt es auch gute konventionelle Bauern, aber die erkennt man in der Masse leider nicht mehr.

Was raten Sie jemandem, der keine Zeit hat, auf einen Hof zu fahren?

Neben Biokisten aus der Region gibt es Wochenmärkte, wo man mit Produzenten sprechen kann. Der direkte Weg ist das Einzige, was uns Sicherheit geben kann. Im Supermarkt bekommt man kaum Information. Vieles ist eingeschweißt mit unverständlichen Etiketten. Da steht dann „EU“ oder „nicht EU-Länder“. Die Welt ist so kompliziert geworden. Daher am besten: Selber mit frischen, regionalen Grundzutaten aus ökologischem Anbau kochen.

Viele sagen, sie hätten dafür keine Zeit.

Das möchte uns die Werbung gern eintrichtern: Kochen sei lästig. Dabei ist es sinnlich, kommunikativ und macht Spaß. Es geht nicht nur um die Gesunderhaltung oder Hobby. Es hat auch etwas Nährendes und Verbindendes. Mit Fertignahrung schaffen wir uns und unsere Kultur dagegen sukzessive ab. Wir essen alle das Gleiche, normierte Essen, und werden doch zusehends unfruchtbar, krank und fett.

Essen Sie intuitiv?

Geschmacksvorlieben werden schon durch Plazenta und Muttermilch geprägt. Indische Kinder können scharf essen, asiatische Kinder vertragen vergorene Fischsoße. Wenn man Eltern hat, die frisch, mit einem vielfältigen Angebot an Lebensmitteln kochen, sind die Kinder klar im Vorteil und besser für das Leben gewappnet: Sie können ein Geschmacksgedächtnis anlegen, schmecken lernen und erfahren intuitiv, was ihnen guttut und was weniger. Die Gläschenkost-Kinder sind da im Nachteil.

Die haben dann verloren?

Dieses intuitive Körpergefühl muss geschult werden. Das ist wie mit Fremdsprachen: Je später man damit beginnt sie zu lernen, umso schwerer ist es. Ein klassisches Beispiel ist die Hühnersuppe. Wenn du nie eine frische gegessen hast, sondern immer nur die aus der Tüte, dann wird dein Körper bei einer Grippe auch nicht intuitiv danach verlangen und sich schneller erholen können. Tatsächlich minimiert eine frisch gekochte Hühnersuppe nämlich entzündliche Stoffe im Körper. Mit vier Gramm Trockenhuhn auf einen Liter Wasser klappt das nicht.

Schokolade soll ja glücklich machen. Essen Sie auch mal ein Snickers?

Wenn ich Lust habe, beiße ich in alles Mögliche. Ich bin ja keine Food-Extremistin. Aber das hat bei mir schnell ein Ende, wenn es für mich mit Sinnlichkeit und wahrem Genuss nichts zu tun hat. Wer zum Beispiel handgeschöpfte Schokolade kennt, bemerkt schnell den wächsernen, künstlichen Geschmack bei konventionellen Schokoriegeln. Zu viele Fehlaromen, zu viel Zucker. Langsam und bewusst kauend würden wir wohl so einiges nicht schlucken. Die Werbung bemüht sich um Akzeptanz und Umsatz und gaukelt einem Zusatznutzen vor: glückliche Familie, Sportlichkeit, Schönheit, Beliebtheit und so weiter. Im Grunde völlig absurd. Da werden Sehnsüchte geweckt, die ausgerechnet mit indus-triellen Fertigprodukten kaum gestillt werden können.

Deshalb auch die Süßigkeiten an der Kasse.

Der Körper ist auf das geeicht, was man ihm gewohnheitsmäßig zufügt. Daher hat die Lebensmittelindustrie natürlich hohes Interesse daran, schon bei Kindern solche Produkte einzuführen. Da werden ja lebenslange Abhängigkeiten geschürt, während man glaubt, dass man sich selbst alles unabhängig aussucht und eine Wahl hat. So ist das leider nicht.

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