Serie "Iss gut"

Eine Woche Bio-Produkte: Berliner Familie wagt Selbstversuch

Tofu-Taler und Pommes, die anders schmecken, als gewohnt. Wer auf die Waren der Biomärkte umstellt, macht ganz neue Erfahrungen.

Heute kommt nur Bio auf den Tisch: Susan Wedemeyer mit ihrem Mann Torsten und den Kindern Raphael (l.) und Charlotte

Heute kommt nur Bio auf den Tisch: Susan Wedemeyer mit ihrem Mann Torsten und den Kindern Raphael (l.) und Charlotte

Foto: Massimo Rodari

In diesem Geschäft ist alles ein bisschen anders. Susan Wedemeyer braucht einige Zeit, um zu sondieren, wo Fleisch, Frühstücksflocken und der Ketchup für die Kinder stehen. Denn die 37-jährige Mutter aus Friedrichshain befindet sich auf Neuland: Üblicherweise kauft sie in regulären Supermärkten ein.

Doch für die Berliner Morgenpost hat sie sich auf ein Experiment eingelassen. Den Einkauf für die kommenden Tage macht sie im Bioladen. Jetzt ist Wedemeyer gespannt. Wie gut schmeckt Bio wirklich? Und was kostet der Wechsel zu Lebensmitteln, die ihr und der Familie mehr Gesundheit versprechen?

Ein ganz normaler Einkauf sieht bei den Wedemeyers so aus: Zwischen Rückkehr von der Arbeit als Grafikerin und dem Abholen der Kinder Charlotte (2) und Raphael (3) von der Kita hat deren Mutter 30 Minuten Zeit, im Supermarkt die Dinge der kommenden fünf Tage einzusammeln.

„Das ist eigentlich immer zu knapp bemessen“, sagt sie. Neulich war sie derart in Eile, dass sie vergaß, auf dem Parkplatz des Discounters ein Parkschild ins Fenster zu stellen. Als sie mit dem Einkaufswagen zum Auto kam, klemmte unter dem Scheibenwischer ihres Combis ein Strafzettel über 25 Euro.

Die Kinder dürfen bestimmen, was es zu essen gibt

Susan und Torsten Wedemeyer gestatten in ihrer Familie bei Ernährungsfragen ein beachtliches Maß an Demokratie. „Ich habe meine Kinder gefragt, was sie als Frühstück haben möchten und was es am Wochenende geben soll“, sagt die Mutter, als wir uns eine Woche zuvor in einem regulären Supermarkt treffen, um herauszufinden, wie die Wedemeyers üblicherweise einkaufen. Und was sie zahlen.

„Cornflakes, Fischstäbchen, Kartoffelsuppe“, lautete die Bestellung. Alles hätte sie nicht zugelassen. „Weißer Zucker und Weizenmehl sind mir zu ungesund.“ Im Supermarkt wählt sie Dinkelmehl. Die Cornflakespackung ist ihr zu sperrig. So greift sie nach den Honig-Flocken. Wie viel weißer Zucker oder Weizenmehl dort drin stecken, wird in der Eile nicht kontrolliert.

Die Wedemeyers setzen schon lange auf gesunde frische Kost

Der Blick in den Einkaufswagen zeigt, dass es Susan Wedemeyer schon im konventionellen Supermarkt versteht, gesunde frische Kost auszuwählen. Abgesehen von Familienklassikern wie Wiener Würstchen im Zwölferpack, Fisch in der Dose und Kochhinterschinken trägt jede siebte Ware ein „Bio“ im Produktnamen: Apfelmus, Butter, Bananen.

Auch außerhalb der Naturkostläden hat der Einzelhandel begriffen, dass man damit die Kunden ködert. Deutsche Haushalte kauften 2015 für 8,6 Milliarden Euro Bio-Lebensmittel und -Getränke ein. Das waren 11,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor allem das Angebot der Discounter habe dafür gesorgt, so eine Studie des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft.

Geht es um Lebensmittel und Ernährung, sind die Wedemeyers fortschrittlich aber nicht dogmatisch. Zuletzt zählt immer der Geschmack. „Mein Mann ist vom Bioschnitzel begeistert. Ich nicht so“, sagt Susan Wedemeyer.

Ihren Kindern bringt sie ganz unauffällig bei, was gesunde Gerichte ausmacht. „In der Küche wird zusammen Gemüse zubereitet, man lernt da nebenbei, wie eine Sellerieknolle aussieht, wie bestimmte Kräuter schmecken. Und zum Schluss stelle ich einen Hochstuhl an den Herd, damit sie das Essen kräftig umrühren können.“

Die Kinder wissen gut, wie ein Apfel wirklich schmecken kann

Echte Naturprodukte kennen die Kinder vom Hof ihrer Großmutter bei Berlin. Frische Eier beispielsweise. „Von dort wissen sie gut, wie ein Apfel wirklich schmecken kann“, sagt Wedemeyer.

Als Resultat sind Charlotte und Raphael inzwischen so wählerisch, dass sie sich nicht jeden Apfelsaft einschütten lassen. Die Sorte, die den Geschmack ihrer Kinder trifft, muss Wedemeyer bei der Konkurrenz ihres Stammsupermarktes besorgen.

Eine Woche später dann: Der Besuch im Biomarkt. Der Kontrast ist unübersehbar. Statt funktionalen Strahlern herrschen hier warmes Licht, Ocker- und Brauntöne vor.

Die richtigen Preisschilder muss Susan Wedemeyer manchmal erst suchen und am Ende summt der Kassierer beim Durchziehen der Strichcodes verträumt den Namen des jeweiligen Produkts vor sich hin oder fragt Wedemeyer, welches Gemüse da eigentlich in der Papiertüte steckt. „Sehr entschleunigt hier“, raunt sie uns später zu.

Bio-Kartoffeln sind doppelt so teuer wie die aus dem Supermarkt

Am Fleisch-Fleischersatz-Regal fühlt sich Wedemeyer vom Anblick mancher Ware abgestoßen. Über den Preis einiger Käsesorten, die etwa den Inhaltsstoff Bergblumensud ausweisen, staunt sie.

Die Kartoffeln sind doppelt so teurer, Bananen kosten knapp die Hälfte mehr, Paprikas 75 Prozent mehr und Erdbeeren beinahe das Vierfache. Im konventionellen Supermarkt hatte Susan Wedemeyer für einen halbwöchigen Vorrat 71,66 Euro gezahlt. Im Bioladen sind es 132,59 Euro.

Am Abend tischt sie auf. Da kommen die Lammwürstchen bei Torsten Wedemeyer sehr gut an. „Der Geschmack ist milder als üblich, nicht so intensiv“, sagt der 45-Jährige, der beruflich als technischer Leiter die Planung und Durchführung von Veranstaltungen verantwortet.

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Kein Unterschied zum herkömmlichen Gemüse

„Ich mag die Mommes“, formuliert Raphael eigenwillig über die Pommes-Qualität. „Weniger fettig, mehr Kartoffelgeschmack“, sagt seine Mutter. Das Ketchup schmeckt fruchtig wie an den besten Currywurstbuden Berlins.

„Diese Bio-Marke nehmen wir auch sonst immer“, sagt Susan Wedemeyer. Über die Tofusorten mit Salami und Bierschinkengeschmack, die die Familie erst einige Tage später testet, wird Susan Wedemeyer knapp mitteilen: „Wie Plastikscheiben.“

Direkt vom Blech kommt nun das Backofengemüse auf den Tisch. Susan Wedemeyer hat Paprika, Süßkartoffeln, Fenchel, Lauch und Rosmarinkartoffeln zubereitet. „Kein Unterschied zum herkömmlichen Gemüse“, sagt Torsten Wedemeyer. An den Fischstäbchen der Kinder gefällt ihm die ungleiche Form der Teile.

Das wirke nicht so industriell gefertigt wie üblich. Die Produktbeschreibung auf der Packung aber macht seine Frau misstrauisch. „Da steht, die Fische stammten aus einer Fischerei, aber auch, dass sie aus dem Nordpazifik kommen.“ Ihr Mann sagt, dass die vielen Zertifizierungen auf dem, was als Bio angeboten wird, mitunter undurchschaubar seien.

Am Ende hat das Einkaufsexperiment die Wedemeyers nicht überzeugt, komplett auf Bio umzusteigen. „Nicht wegen des Preises: Lebensmittel sollen ihren Preis haben. Aber wir behalten unseren üblichen Markenmix bei.

Ein bisschen herkömmliche Ware, ein bisschen Bio“, sagt Torsten Wedemeyer. Also auch zukünftig: nicht nur Biofrüchte für seinen morgendlichen Smoothie. Aber ausschließlich das gute Bio-Ketchup für Raphaels „Mommes“.

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