Betriebshof Lichtenberg

Bei der Tram-EM zeigen Straßenbahner, was sie können

Straßenbahn muss nicht langweilig sein. Das will die Tram-EM zeigen, die erstmals in Berlin stattfindet. 27 Teams haben sich angesagt.

 Beim "Tram-Bowling" müssen möglichst viele Kegel fallen

Beim "Tram-Bowling" müssen möglichst viele Kegel fallen

Foto: Paul Zinken / dpa

Beim ersten Versuch fehlte wohl noch etwas der Mut: Torsten Franz bremste seine Bahn etwas zu früh ab. Zwar traf er mit seinem fast 40 Tonnen schweren Fahrzeug die große blaue Kugel, doch diese flog dann nicht weit genug, um einen der sechs mannshohen Kegel umzustoßen, die auf dem Gleis vor ihm aufgestellt worden waren. Besser machte es kurz darauf seine Kollegin Franka Sonntag. Sie erwischte bei ihrem Bremsversuch den Ball so gut, dass gleich drei der sechs gelben Pylonen umfielen.

Möglichst viele der Plastikkegel zu Fall zu bringen, dass ist das Ziel vom „Tram-Bowling“. Dies wird eine der Disziplinen der „European Tramdriver Championship“ – kurz Tram-EM – sein, die vom 22. bis 24. April 2016 erstmals in Berlin ausgetragen wird. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind Ausrichter und stellen nicht nur die dafür erforderlichen Fahrzeuge, sondern auch ihren Betriebshof an der Siegfriedstraße in Lichtenberg als Veranstaltungsgelände bereit. Dort werden am Wettkampftag, den Sonnabend in einer Woche, bis zu 25.000 Besucher erwartet.

Franka Sonntag und Torsten Franz steuern schon seit gut 30 Jahren Straßenbahnen durch den stressigen Hauptstadtverkehr. Sie gehören damit zu den erfahrensten unter den rund 1100 Berliner Tramfahrern. Nun bilden sie das Team, das die BVG ins Rennen schickt. Fünf Disziplinen stehen auf dem EM-Programm, welche es genau sein werden, wird aus Gründen der Chancengleichheit erst am Donnerstag zum Eintreffen der anderen Mannschaften bekannt gegeben. Nur so viel: „„Es geht um Geschicklichkeit, Einschätzungsvermögen und auch eine gehörige Portion Mut“, so BVG-Straßenbahnchef Klaus-Dietrich Matschke. Eine Aufgabe für ein Zweierteam könnte sein, dass der eine ein bewegliches Hindernis so aufstellt, dass der Teamkollege in der Tram so eng wie möglich daran vorbeifahren kann – aber ohne Kratzer.

150 Meter langer Parcours

Nach gemeinsamen Vorbereitungen am Freitag steht der eigentliche Wettkampf am 23. April auf dem Programm. Laut Veranstalter werden die Wettkämpfe auf einem 150 Meter langen Parcours mit drei Gleisen und zwei unterschiedlichen Bahntypen (Flexity und Tatra) ausgetragen. Bei vier Disziplinen wird es demnach eine Punkte- und Zeitmessung geben. Das Tram-Bowling bildet dann den vergnüglichen Abschluss.

Per Video-Übertragung aus dem Cockpit auf eine LED-Wand können die Zuschauer live dabei sein, wenn es für die Fahrer gilt, den perfekten Stopp zu finden oder den seitlichen Abstand bei einer Kurvenfahrt richtig zu beurteilen. Und damit alle Besucher auf ihre Kosten kommen, haben die Verkehrsbetriebe für diesen Sonnabend von 10 bis 18 Uhr ein Begleitprogramm organisiert, so etwa eine Ausstellung mit historischen und neuzeitlichen Tramfahrzeugen, ein „Kinder­land“ sowie Stände zu Jobs und Ausbildungsmöglichkeiten bei der BVG.

„Wir wollen ja nicht nur Spiel und Spaß, sondern auch den Dialog mit unseren Fahrgästen“, sagte Tramdirektor Matschke. Denn anders als etwa die Busfahrer sitzen die Fahrer von Straßenbahnen meist abgeschirmt in einer Kabine. „Wir wollen sie ein wenig aus der Anonymität holen und natürlich auch für den Beruf werben“, so Matschke. Wie notwendig das ist, musste der BVG-Manager erst im Vorjahr erfahren. Weil viele ältere Mitarbeiter die neue „Rente mit 63“ nutzten, fehlten der BVG plötzlich Fahrer. Die Folge: Auf mehreren Verbindungen, darunter auch auf wichtigen Metrolinien, musste das Fahrplanangebot ausgedünnt werden. Um den Mangel zu reduzieren, lieh die BVG sich über Monate sogar Fahrer von anderen Verkehrsunternehmen aus.

Idee kommt aus Dresden

Die Idee für die Tram-EM hatte 2012 der Dresdner Eventmanager Wieland Stumpf. „Wir sollten eine Veranstaltung zum 140. Geburtstag der Dresdner Straßenbahn organisieren.“ Damals kam ihm nicht nur der Einfall, zum Jubiläum Vertreter aus anderen Metropolen mit Straßenbahnverkehr einzuladen. Die Besucher sollten – etwa bei kleinen Wettkämpfen – auch etwas Unterhaltsames zum Thema zu sehen bekommen. Die Idee von einer Tram-EM war geboren, mit zunächst 17 Teams aus zehn Ländern. Andere Verkehrsunternehmen fanden diese Idee so gut, dass sie eine Fortsetzung organisierten, zunächst 2013 in Budapest, es folgten danach Barcelona (2014) und Wien (2015).

Nun also Berlin. Die deutsche Hauptstadt kann schon vor dem Beginn mit zwei Rekorden glänzen: Nie zuvor haben sich mehr Teams für eine Tram-EM angemeldet und nie zuvor waren mehr Nationen dabei. Immerhin 27 Teams aus 17 europäischen Ländern haben sich angesagt, um an dieser ungewöhnlichen und durchaus etwas schrägen Meisterschaft teilzunehmen. Mit dabei sind etwa die Trambaix & Trambesòs aus Barcelona, die Göteborger Spårvägar, die Gestione del Servizio Tramviario aus Florenz oder die Rotterdamse Elektrische Tram. Erstmals werden in diesem Jahr aus Frauen und Männern gemischte Mannschaften für ihre Verkehrsbetriebe an den Start gehen. „Wir wollen zeigen, dass dies auch ein sehr guter Beruf für Frauen ist“, sagte BVG-Tram-Chef Matschke. Bisher sei das Fahren von Straßenbahnen leider noch immer einen Männer-Domäne. Nur 20 Prozent der rund 1100 Tram-Fahrer in Berlin seien weiblich.

BVG will EM-Fluch besiegen

Auch wenn diese von allen nicht allzu ernst genommen wird, hoffen die BVG-Verantwortlichen dennoch, einen Fluch zu besiegen. „Bisher konnte kein Veranstalter am Ende den Sieger stellen“, so Matschke. Im vergangenen Jahr in Wien etwa konnte sich das Team aus dem spanischen Parla , einer Stadt im Großraum Madrid, am Ende über den EM-Sieg (und den dazugehörigen Pokal) freuen. Die Teams der BVG rangierten hingegen stets nur im Mittelfeld. Franka Sonntag und Torsten Franz wollen das am kommenden Sonnabend ändern: „Wir werden unser Bestes dafür geben“