Mobilfunk

Starke Funkwellen-Strahlung in Potsdam

Seit 2014 fahren Studenten im Auftrag ihres Professors die Hauptverkehrsstraßen deutscher Städte ab und messen die örtliche Belastung.

Professor Matthias Hampe an seinem Messwagen

Professor Matthias Hampe an seinem Messwagen

Foto: Florian Kleinschmidt / Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Ein silberfarbener Golf VII mit einer Box auf dem Dach. Im Wagen drei junge Männer. Das sieht nach Urlaubern aus. Irrtum. In dem Kunststoff-Container befindet sich eine Hochleistungsantenne und im Wageninneren wird während der vermeintlichen Reise gearbeitet. Seit 2014 fahren Studenten der Ostfalia-Hochschule Wolfenbüttel mit dem speziell ausgestatteten Auto die Hauptverkehrsstraßen deutscher Städte ab. Im Auftrag von Dr. Matthias Hampe, Professor für Elektrotechnik. Und dieser lautet: Daten sammeln.

"Wir vermessen elektromagnetische Felder, um damit die Signalstärken in der Umgebung einschätzen zu können", erläutert Hampe. Das funktioniere so: Eine Breitband-Antenne auf dem Dachgepäckträger fängt im Vorbeifahren die Stärke der unsichtbaren elektromagnetischen Wellen auf - sie stammen von Funkmasten auf den Dächern für den Mobilfunk, fürs Radio und das digitale Fernsehen oder für WLAN. Die Antenne kann auch Radarsignale von Flughäfen empfangen. Ein 20 Kilogramm schweres Messgerät in einer Tasche im Kofferraum misst dann die empfangenen Frequenzen. "Sie reichen von 500 Megahertz bis zu 3 Gigahertz", so der Professor. Ein Laptop auf der Rückbank zeichnet die Daten auf. 104 Stände hat das Forscherteam schon abgefahren, für sämtliche Kommunen sind die Ergebnisse inzwischen ausgewertet.

Mit ihrem auf den ersten Blick unscheinbaren Spezialmobil waren die Elektrotechnik-Studenten Marvin Sauer, Marc Junker und Sven Holzberg auch in Potsdam unterwegs. Im Juli 2015 und nochmal im Februar dieses Jahres registrierten sie jeweils 93.000 Frequenz-Werte, wie Hampe berichtet. "Daraus bilden wir dann einen Mittelwert" erklärt er. In Potsdam ergab sich eine überdurchschnittlich hohe Signalstärke. Im Strahlungs-Ranking landete die 165.000 Einwohner-Stadt auf Platz 13 der 104 ausgewerteten Städten, wie der Elektrotechnik-Experte jetzt auf Anfrage der Berliner Morgenpost bekannt.

In Berlin erstaunlich wenig Funkstärken gemessen- Platz 43

Die höchsten Strahlungen wurden in Düsseldorf, München und Frankfurt notiert. "Deren Ergebnisse korrelieren mit der Bevölkerungsdichte", sagt Hampe.Für Berlin trifft das nicht zu. Trotz der knapp 3,5 Millionen Einwohner kommt Berlin auf Platz 34 der Signalstärken. "Bezogen auf die Bevölkerungsdichte ist das sogar ein unterdurchschnittliches Ergebnis", so der Professor. Auch für ihn ist das Resultat erstaunlich. Die Analyse, weshalb in Berlin so wenig Mobilfunksmog nachgewiesen sei, steht aber noch aus.

Was der vergleichsweise hohe Wert für Potsdam bedeute und wie er zustande kam, sei bislang auch nicht klar. "Vermutlich stehen an den Straßen, die wir abgefahren sind, stärkere Funksender", meint Hampe. Eine eingehende Analyse steht aber noch aus.

Die Potsdamer müssten sich aber keine Sorgen machen. "Die gesetzlichen Grenzwerte für elektromagnetische Emissionen wurden bisher an keiner der vermessenen Städte überschritten", gibt der Professor Entwarnung. Die höchsten Frequenzen haben seine Mitarbeiter in Potsdam im Februar 2016 an der Nuthestraße in der Innenstadt gemessen, an der Kurfürstenstraße/Friedrich-Ebert-Straße oder auch der Charlottenstraße/Ecke Dortustraße und auch teilweise an der Breite Straße.

"Wir werden oft gefragt, welchen Nutzen der ganze Aufwand hat", sagt Hampe. Um die Daten zu erfassen, hat der Wissenschaftler privat die viridas GmbH mit Sitz in Braunschweig gegründet. Er finanziert die Firma, die Technik und auch die Einsätze weitgehend selbst - und dafür rund 100.000 Euro investiert. Von der Hochschule erhält der erst 38-jährige Professor eine Lehrbefreiung für die Zeit, in der er nach den elektromagnetischen Wellen forscht.Das mobile Messsystem hat Hampe zusammen mit dem damaligen Masterstudenten Sönke Heeren entwickelt hat.Allein das Messgerät kostete 50.000 Euro. Er verdient damit erst einmal nichts. Die Ergebnisse sind kostenfrei im Internet abrufbar.

"Unser Angebot richtet sich an Städte und Gemeinden, Firmen und insbesondere auch Privatpersonen", sagt Hampe. "Die Messungen erfolgen nach Ihren Wünschen und Vorgaben", heißt es auf der Homepage des Unternehmens. Weshalb betreibt er die Messungen dann? "Ich will damit noch mehr Expertenwissen erlangen", sagt er. "Und irgendwann kann man damit vielleicht doch Geld verdienen."

Die Bundesnetzagentur überprüft ohnehin regelmäßig, ob die Grenzwerte eingehalten werden. Also doppelte Arbeit? "Wir gehen ganz anders vor", sagt Hampe. "Die Bundesnetzagentur listet Messwerte für jene Orte auf, an denen sich Funkanlagen befinden. Wir hingegen fahren die Straßen ab und erfassen die Ergebnisse flächendeckend." Allerdings muss der Professor einräumen, dass die Strahlung nur zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen wird. Stunden später könnten bereits andere Werte gelten.

Auswirkungen der Wellen sind nicht das Thema der Forscher

Was vor allem bringen die Ergebnisse für den Bürger? "Viele wollen wissen, ob sie genügend Funkkontakt haben, andere machen sich vor allem Sorgen um ihre Gesundheit", sagt Hampe. Das ist aber gar nicht sein Thema. Er verweist in dieser Frage auf das Bundesamt für Strahlenschutz, die Strahlenschutzkommission und die Weltgesundheitsorganisation.

Nur so viel sagt er: Wer im obersten Stockwerk eines Hauses unter mehreren dicken Antennen wohnt, müsse deshalb kein Strahlungsopfer sein. Denn es komme immer auch auf die Richtung an, in die Wellen ausstrahlen.

Auf der Feldkarte können die bisherigen Ergebnisse für ausgesuchte Städte eingesehen werden. In Brandenburg war das Auto auch in Fürstenwalde, Eisenhüttenstadt, Frankfurt an der Oder, Cottbus und Brandenburg an der Havel unterwegs.

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