Serie "Iss gut"

Grüne Smoothies – Ein Versprechen to go

Früher hätte man gesagt: Gemüsesäfte. Heute sind es grüne Smoothies. Wirsing, Kohl und Spinat mit Früchten. Die Getränke sind im Trend.

Markus Weßeloh und Kursleiterin Carla in der Kreuzberger Grüne-Smoothies-Küche

Markus Weßeloh und Kursleiterin Carla in der Kreuzberger Grüne-Smoothies-Küche

Foto: Reto Klar

Grün soll schmecken. Das ist das Problem.

Wirsing, Grünkohl, Spinat und Mangold zum Beispiel oder Wildkräuter wie Löwenzahn, Giersch und Sauerampfer sollen roh genossen zwar wahre Wunderkräfte haben, sind aber wegen des oft erdigen Geschmacks, der harten Fasern und ihrer Bitterstoffe nicht jedermanns Sache.

Grün schmeckt. Das ist die Lösung.

Mit frischen Früchten zu grünen Smoothies verarbeitet, sind sie so weich und cremig wie ihr Name, lecker und beliebt.

Grün ist der Trend. In den Saftbars der Hauptstadt drehen sich inzwischen vor allem grüne Mischungen. In Cafés in Prenzlauer Berg bis Charlottenburg ebenso wie an den Saftständen in den großen Shoppingcentern, in kleinen Saftläden, in den Markthallen. Frisch über den Tresen oder auch online auf Bestellung.

„Grüne Smoothies sind eindeutig im Kommen“, sagt der Safthändler Tayfun von der Saftpresse an der Kantstraße. Seit zehn Jahren verkauft er frische Fruchtdrinks aus dem bunt dekorierten Fenster seiner schmalen Küche heraus, und obwohl er auf seinen Tafeln für 30 verschiedene Obstkombinationen wirbt und nur mit einem Wimpel auf grüne Smoothies hinweist, seien es zunehmend diese, die über seinen Tresen gehen. „Das sind wahre Energiebringer und total gesund“, sagt Tayfun. Er selbst trinke jeden Tag einen grünen Smoothie und ab und zu einen Weizengras-Shot wegen des hohen Chlorophyll­gehalts. Einen Hausarzt habe er schon lange nicht mehr, sagt er und lacht.

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Der Trend stammt aus den Vereinigen Staaten

Die Grüne-Smoothie-Welle ist in Deutschland erst seit etwa zwei Jahren angekommen und damit relativ spät. In den USA – wo der Trend erfunden wurde – gehören die Smoothie-Läden in Los Angeles und New York längst zum Alltag und auch in London gibt es sie inzwischen an jeder Straßenecke, sagen Smoothie-Experten. Es ist ein grünes Versprechen to go. Als Energybooster, zum Entgiften (Detox) und zur Verbesserung des Hautbildes werden sie angepriesen, zum Abnehmen, fürs Wohlbefinden, zur Vorbeugung von Krankheiten, zur Stärkung des Immunsystems.

Doch Smoothie ist nicht gleich Smoothie. Obst mit Fruchtsaft und ein bisschen Algenpulver als Farbgeber reicht nicht aus. Es ist auch nicht einfach flüssige Rohkost im Glas. „Bei Gemüse ist immer nur das Blattgrün gemeint“, sagt Markus Weßeloh. Diesem wird ein besonders hoher Gehalt an B-Vitaminen, Mineralien, Enzymen, Aminosäuren, Folaten und sekundären Pflanzenstoffen zugeschrieben. Sie unterstützen die Blutbildung und Zellteilung und haben zudem eine risikosenkende Wirkung bei Herzkreislauf- und Krebsleiden.

Ein grüner Smoothie besteht aus 50 Prozent grünem Blattgemüse (Volumen) und Wildkräutern und 50 Prozent reifen Früchten, wozu Avocados und Gemüsegurken ebenso zählen wie Obst für die Süße. Wer den Smoothie trinken will, fügt stilles Wasser hinzu. Weßeloh bevorzugt seinen Drink dickflüssig. Er sei eher eine Zwischenmahlzeit als ein Getränk. Damit er auch etwas zu kauen hat, fügt er sogenannte Superfoods hinzu, wie Chiasamen oder Gojibeeren.

Hochleistungsmixer und Grüne-Smoothie-Workshops

Die Kreuzberger Grüne-Smoothie-Pioniere sind Überzeugungstäter, 2008 entdeckten Svenja und Markus Weßeloh die stärkende Wirkung der grünen Mixturen für sich, starteten eine Webseite mit Blog. Weil es damals in Deutschland keine Hochleistungsmixer gab, die die oft harten und faserigen grünen Blätter und Stängel schön cremig schlagen, gründeten sie 2011 einen Onlinehandel für die 269 bis knapp 1000 Euro teuren Geräte. „Am Anfang wurden wir als Spinner bezeichnet“, sagt Weßeloh, der eigentlich Altbausanierer ist. „Aber irgendwann standen die Leute vor unserer Tür.“

Inzwischen gibt es in seinem alten Klinkerhaus in einem Hinterhof in der Urbanstraße eine große Grüne-Smoothie-Küche, in der nicht nur das Zubehör, diverse Superfoods, frisches Weizengras und umfassende Beratung angeboten werden. Die kleine Firma hat ein Rundumpaket entwickelt, mit Workshops, Rezeptsammlungen, Kräuterführungen und Onlinechallenges, bei denen schon mal an die 15.000 Leute teilnehmen und sich austauschen, sagt Weßeloh. Auf Facebook haben sie inzwischen rund 120.000 Freunde.

Die Erfinderin der grünen Smoothies

Auf gruenesmoothies.de kann man auch in die Schriften Victoria Boutenkos hineinlesen. Sie gilt als Erfinderin der grünen Smoothies und hat sie 2004 aus gesundheitlichen Gründen entwickelt. Ihre chronisch kranke Familie hatte die gebürtige Russin mit einer radikalen Rohkostdiät auf die Beine gebracht. Nach einigen Jahren suchte sie nach kulinarischer Abwechslung. Die Beobachtung der Ernährungsweise der mit den Menschen verwandten Schimpansen, die selten krank werden und deren Diät zu 50 Prozent aus Früchten und zu 40 Prozent aus grünen Blättern besteht, brachte sie auf die Idee und führte zu einer Neubewertung des unterschätzten Grünzeugs. Boutenko, von der Wirkung der Smoothies überzeugt, entwickelte die Idee weiter und veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema. Inzwischen hat sie eine weltweite Anhängerschaft.

Dazu gehören auch die Schwestern Cindy und Nancy Bachmann. Sie brachten 2013 mit ihrem Unternehmen Los Angeles Cold Press Smoothies mit kalifornischem Lebensgefühl nach Berlin. Sie verkaufen ihre in einem hydraulischen Verfahren kalt gepressten Smoothies im Quartier 206 und online und bieten Programme zur Entgiftung oder inneren Reinigung an. Auf ihrer Webseite weisen sie zusätzlich auf kombinierte Yoga-Retreats und Coachings für gesunden Lifestyle hin.

Gesung aber keine Wundermittel

Dass mehr Menschen versuchen, sich abwechslungsreich und ausgewogen zu ernähren, ist eine gute Sache, sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wunderwirkungen sollte man sich von grünen Smoothies jedoch nicht erwarten. Blattgemüse sei nicht nur als Smoothie gesund. Die von der DGE empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag könnten die Smoothies nicht komplett ersetzen. Ab und zu wäre einfach auch ein ganzer Apfel gut. „Es ist wichtig, dass wir kauen, um den Verdauungsprozess einzuleiten“, sagt Gahl. Auch wegen des Sättigungsgefühls. „Durch das Pürieren nimmt man sehr schnell sehr viel Energie und Nährstoffe zu sich, in Mengen, die man gekaut vielleicht gar nicht verzehren würde“, so die Ernährungswissenschaftlerin. Auf jeden Fall sollte man die Smoothies möglichst frisch genießen und nicht länger als zwölf Stunden gekühlt aufbewahren.

Die „Superfoods“ seien dabei aber nicht wirkungsvoller als heimische Beeren und Samen wie etwa Blaubeeren oder Leinsamen. Deren Herkunft ist zudem besser nachvollziehbar. Wie die Zeitschrift „Ökotest“ in ihrer jüngsten Ausgabe untersucht, sind die Superfoods oft auch stark mit Schadstoffen belastet. Die Sache mit dem Detox, also dem Entgiftungsversprechen, sei ein Mythos, sagt Gahl. „Ein gesunder Körper entgiftet sich permanent selbst, das findet automatisch statt und kann allenfalls mit Wasser oder Säften unterstützt werden.“ Es gebe auch keine „Schlacken“ im Körper, die ausgetrieben werden müssten. Wirkungsvoller sei das Weglassen ungesunder, fettiger Speisen.

Mit „Rave Dave“ und „Prinz Eisenherz“ zur Arbeit

Bei aller Begeisterung ihrer Anhänger – in Berlin ist in Sachen grüne Smoothies noch viel Aufklärungsarbeit nötig, das merkt nicht nur das Team von Weßeloh in seinen Beratungsgesprächen, auch in den Cafés gibt es Gesprächsbedarf. „Man braucht dafür ein aufgeschlossenes Publikum und Personal, das sich wirklich auskennt“, sagt Nils Bernau, der in der Stargarder Straße seit November 2014 die Smoothie-Bar „Liquid Garden“ betreibt und sich damit als einer der Ersten im Kiez auf grüne Smoothies spezialisiert hat. Es ist ein Trend, der noch wächst, sagt Bernau, und hofft, dass er sich auch in Berlin dauerhaft etabliert.

Der 41 Jahre alte Gastronom bietet eine Art Gourmetvariante mit bis zu zwölf verschiedenen Zutaten und Gewürzen an. Bernau hatte in London beobachtet, wie die Leute dafür Schlange stehen, und für die Geschäftsidee auf den ernährungsbewussten Prenzlauer Berg gesetzt. Nach einem etwas mühsamen Start hat er inzwischen eine treue Stammkundschaft aufgebaut, die sich mit Kreationen wie „Rave Dave“, „Hans Meiser“ oder „Prinz Eisenherz“ auf den Weg zur Arbeit macht oder für eine kleine Zwischenmahlzeit an seinem langen Holztisch Platz nimmt. Sein Publikum seien Menschen zwischen 25 und 45 Jahren, erzählt er. Billig ist das Vergnügen nicht. Ein grüner Smoothie kostet in Berlin im Schnitt 4,50 bis 5 Euro, je nach Zutaten können es auch mal sieben Euro sein.

Markus Weßeloh macht seine Smoothies lieber zu Hause, bei den Preisen in den Saftbars lohne sich auch die Anschaffung eines relativ teuren Mixers, meint er. Der 39-Jährige ist Pragmatiker: „Die Zubereitung dauert zwei Minuten, die Reinigung des Mixers auch. Das ist leicht in den Alltag gestresster Großstädter zu integrieren.“

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