Berlin-Charlottenburg

Millionen Steuern hinterzogen? Razzia im Bordell Artemis

900 Beamte waren an einer Razzia im Berliner Großbordell beteiligt. Es ging um Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit und Menschenhandel.

Razzia im Großbordell Artemis in Berlin-Halensee

Razzia im Großbordell Artemis in Berlin-Halensee

Foto: Thomas Schröder

Nach einer Razzia im Großbordell Artemis in Halensee beginnt die Sichtung der beschlagnahmten Unterlagen. Am Donnerstagvormittag will sich die Staatsanwaltschaft näher zu dem Einsatz äußern. An der Aktion in dem Gebäude an der Autobahn 100 waren am Mittwochabend laut Polizei insgesamt rund 900 Beamte beteiligt, darunter etwa 680 Polizisten. Dazu kamen Kräfte der Zollinspektion und Steuerfahnder. Zunächst waren auch Kräfte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) beteiligt.

Vollstreckt wurden den Angaben zufolge Haftbefehle gegen zwei Betreiber des Bordells am westlichen Stadtrand und vier dort arbeitende Frauen. Ermittelt wird unter anderem wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit und des Verdachts auf Menschenhandel. Außerdem wurden Wohnungen in Berlin und im restlichen Bundesgebiet durchsucht.

Die Ermittler hegen insbesondere den Verdacht der Hinterziehung von Sozialversicherungsbeiträgen. Nach Angaben von Polizeisprecher Stefan Redlich wurden bei der Razzia auch mehrere Hunderttausend Euro sichergestellt.

Entscheidung über Schließung noch nicht gefallen

Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft sagte, 220 Personen wurden in dem Bordell festgestellt. Wie viele Personen in dem Betrieb Gäste waren und wie viele Mitarbeiter, war zunächst unklar.

Nun soll darüber entschieden werden, ob der Betrieb geschlossen wird. Am Abend vor Ort waren auch für Gewerbedelikte zuständige Beamte des Landeskriminalamtes und Mitarbeiter des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf.

Michael Kulus, Sprecher des Hauptzollamts Berlin, sagte am Abend, dass zahlreiche Computer und Datenträger am Abend sichergestellt wurden. Diese sollen dem Betrieb schnellstmöglich zurückgeführt werden, sollte das Artemis denn tatsächlich wieder öffnen.

Gesamtschaden bei etwa 23 Millionen Euro

Die Ermittlungen laufen schon seit dem vergangenen Jahr. Neben dem eigentlichen Bordell wurden weitere 16 Wohn- und Geschäftsadressen durchsucht. Dort waren noch einmal 250 Polizisten im Einsatz. Laut Staatsanwaltschaft gebe es derzeit keine Erkenntnisse, dass die Razzia im Zusammenhang steht mit den Ermittlungen gegen arabische Großfamilien.

Den Betreibern des Bordells wird in erster Linie vorgeworfen, Steuern und Sozialabgaben hinterzogen zu haben. Nach Ansicht der Ermittler arbeiten die Prostituierten in dem Etablissement nicht selbstständig. Sie könnten über ihre Tätigkeit nicht frei entscheiden. Vielmehr seien sie nach den Ergebnissen der Ermittlungen strikten Regeln und „Dienstplänen“ unterworfen, sodass auf ihre Einnahmen von den Bordellbetreibern Sozialabgaben entrichtet werden müssten, hieß es.

Dadurch sei seit der Gründung des Artemis ein Schaden von 17 Millionen Euro entstanden. Hinzu käme weitere Steuerhinterziehung in Höhe von sechs Millionen Euro, so dass der Gesamtschaden bei etwa 23 Millionen Euro liege. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr ermittelte das Hauptzollamt laut Sprecher Kulus Schäden in Höhe von insgesamt 60,5 Millionen Euro.

Außerdem bestehe der Verdacht, dass es Beziehungen zum Rockermilieu, insbesondere zu den Hells Angels, gebe.

Verkehrschaos in Halensee

Die Polizei sperrte die Autobahnabfahrt Halensee komplett und richtete dahinter nach Angaben von Polizeisprecher Stefan Redlich eine „Bearbeiterstraße“ ein. Dort werden sowohl von den angetroffenen Prostituierten als auch von den Freiern Personalien festgestellt. Beide Gruppen gelten für die Ermittlungsbehörden demnach als Zeugen und nicht als Beschuldigte.

Die bei der Razzia angetroffenen Prostituierten wurden am Abend zum Hauptzollamt gebracht, wo sie als Zeugen weiter vernommen werden sollen.

Die Autobahnabfahrt Funkturm in Richtung Norden war am Abend gesperrt. Auf dem Kurfürstendamm bildete sich aufgrund der Sperrungen ein langer Stau.

Innensenator Frank Henkel (CDU) ließ sich vor Ort über den Einsatz informieren, äußerte sich zunächst aber nicht.

Das 2005 eröffnete „Artemis“ gilt als Berlins größtes Bordell und ist vermutlich auch deutschlandweit eines der größten Etablissements im Rotlichtmilieu.