Kriminalität in Kreuzberg

Dealer und Antänzer: So kam es zur Massenschlägerei am Kotti

Massenschlägerei am Kottbusser Tor. Ein Dealer rief Trickdiebe und Drogenhändler zur Unterstützung - eine neue Methode in Kreuzberg.

Die Zahl der Gewaltdelikte steigt am Kottbusser Tor

Die Zahl der Gewaltdelikte steigt am Kottbusser Tor

Foto: Marion / Marion Hunger

Bei einer Massenschlägerei mit Dutzenden Beteiligten an einem Imbiss am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg sind zwei Männer verletzt worden. Zu der Auseinandersetzung kam es am Dienstagabend an der Reichenberger Straße. Der Inhaber hatte einen Mann aufgefordert, den Imbiss zu verlassen, als dieser einem Gast Drogen verkaufen wollte.

Daraus entstand eine Streit, in dessen Verlauf mindestens 40 Menschen aufeinander einschlugen. Der Imbissbesitzer wurde dabei leicht verletzt. Der mutmaßliche Drogendealer erlitt mehrere Knochenbrüche. Als die Polizei eintraf, waren die meisten Beteiligten bereits geflüchtet.

Nach Angaben eines Ermittlers der Polizei holte sich der Dealer offenbar gezielt Verstärkung aus der Szene der "Antänzer" (Trickdiebe, Anm. d. Red.) und Drogendealer, so dass die Situation in einer Schlägerei eskalierte. Dies sei eine „neue Methode“ in der Szene.

Gewalt am Kotti: "Das ist eine neue Qualität"

Für die Geschäftsleute am Kottbusser Tor ist diese neue Gewalteskalation seit langer Zeit Normalität. "Rangeleien vor dem ein oder anderen Geschäft hier am Kotti - damit leben wir schon lange", sagt Ergan Y.

Seit 33 Jahren wohnt und arbeitet er in dem berühmt-berüchtigten Kiez. Er betreibt dort ein Kaffee und kennt die Probleme. "Doch das, was sich am Dienstagabend am Kotti abgespielt hat, ist eine neue Qualität", sagt er.

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Bislang hätten sich die Drogengeschäfte vor und nicht in den Läden abgespielt. Diesmal sei ein Dealer unverfroren in einen Imbiss gegangen und habe dort Gäste angemacht. In aggressiver Art und Weise habe er dort Drogen angeboten, so Ergan Y.

"Urplötzlich gingen Männer auf den Wirt los"

"Ich war Zeuge, wie urplötzlich mehrere Leute versucht haben, auf den Wirt loszugehen und ihn tätlich angegriffen haben", berichtet Ergan Y. gegenüber der Berliner Morgenpost. Sein Geschäftskollege habe ihn wie auch die Polizei kurzer Hand angerufen und um Hilfe gebeten.

Als er am Geschäft eingetroffen war, erzählt er, habe sich bereits eine Menschentraube gebildet. "Dabei hatte der Wirt doch nur sein Hausrecht durchsetzen wollen und den Dealer aufgefordert, die Räume zu verlassen", sagt Ergan Y. weiter. Dann habe sich die Situation weiter zugespitzt, ein Handgemenge entstand, bei der der Wirt wie auch zwei weitere Männer verletzt wurden.

Zum Glück sei die Polizei schnell vor Ort gewesen. Zudem seien Passanten, die das Geschehen verfolgt hatten, dem Wirt zur Seite gesprungen und hätten so Schlimmeres verhindern können.

Eskalation mit Vorgeschichte

Der Vorfall hat laut Kaffeebesitzer Ergan Y. eine Vorgeschichte. "Bereits in den späten Nachmittagsstunden hatte sich die Stimmung auf dem Kotti zugespitzt", sagt Yasaroglu. Eine Bande krimineller Antänzer hätte zunächst eine junge Familie, die mit einem Kinderwagen unterwegs war, im Visier. Sie seien derart bedrängt worden, dass sich auch Händler der Obst- und Gemüsestände eingemischt hätten und schließlich die Situation beruhigen konnten.

Wenig später habe eine auf dem Platz bekannte Taschendiebin einen betagten Rentner angegangen und laut Egan Y. dem Senior das Portemonnaies gestohlen. Der Imbissbesitzer hätten dies gesehen, mit Kollegen die Taschendiebin gestellt, das Portemonnaie wieder entrissen um es dem Rentner zurückgegeben.

Offenbar erzürnt über ihren Verlust habe sie offenbar einige Männer zusammengetrommelt, um danach den Imbissbesitzer zu attackieren. So sei es dann zu der Auseinandersetzung in dem Imbiss gekommen.

"Kriminelle immer unverfrorener"

Indes fragen sich die Geschäftsleute, wie die Situation auf dem Kotti verbessert werden kann. "Die Namen der Kriminellen sind bei der Polizei bekannt", sagen sie. Doch sie würden kaum bestraft.

"Dann wundert es auch niemanden mehr, wenn die Kriminellen immer unverfrorener hier auftreten", sagt ein Geschäftsmann.

Gewalt nimmt immer mehr zu

Für die Berliner Ermittler ist es besorgniserregend, dass die Gewalt am Kottbusser Tor in den letzten Monaten stetig zunehme. Ob die Zahl der Drogendealer am Kottbusser Tor, im Görlitzer Park und auf dem RAW-Gelände zugenommen habe, lässt sich nach Meinung eines Ermittlers schwer einschätzen.

Klar sei, dass die „Reviere“ klar eingeteilt seien. Während in der U-Bahn vor allem harte Drogen wie Heroin, Ecstasy und Crystal Meth gehandelt würden, gehe es im Görlitzer Park, auf dem RAW-Gelände und am Kottbusser Tor eher um Marihuana und andere weiche Drogen. Die Polizei könne aber allein aus personellen Gründen nicht in allen Bereichen permanent oder mit Razzien präsent sein.

Die Dealer stammten aus sozial schwachen Verhältnissen, würden von den Hintermännern mit dem Versprechen angeworben, gutes Geld zu verdienen und sich schnelle Autos leisten zu können, so der Ermittler. Dieses Rekrutierungsmodell müsse außer Kraft gesetzt werden.

Die Staatsanwaltschaft müsste diesen Leuten einen „Plan B“ anbieten, „so dass sie keinen Anlass mehr haben, solche Taten zu begehen, und mit der Erlös zum Beispiel die Schulden für ihre Flucht aus Krisengebieten zu zahlen“. Ansonsten müsse es um eine schnelle und konsequente Strafverfolgung, entsprechende Urteile der Justiz und am Ende auch um Abschiebung von Straftätern gehen.

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