Brandenburg

So kämpfen Bauern um das Vertrauen der Verbraucher

| Lesedauer: 10 Minuten
Gerlinde Schulte
Thomas Richter mit seinen Milchkühen

Thomas Richter mit seinen Milchkühen

Foto: Massimo Rodari

Fallende Preise und steigende Standards: Brandenburgs Bauern müssen hart kämpfen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Biobauern sind die Guten, die konventionellen Landwirte sind die Bösen. So das weitverbreitete Klischee. Doch die Welt der Landwirtschaft ist nicht schwarz-weiß. Ökobauer Henrik Wendorff setzt auf den Großhandel mit Getreide. Der konventionell arbeitende Landwirt Thomas Richter baut den Direktverkauf aus. Beide kämpfen mit sinkenden Preisen und steigenden Ansprüchen der Kunden. Eine Reportage aus Brandenburg.

Wer Bauernhofromantik sucht, wird bei der LSV Landwirtschafts GmbH Schwante auf den ersten Blick nicht fündig. Das Büro des Chefs liegt in einem Flachbau im Gewerbegebiet an der Perwenitzer Chaussee in Oberkrämer. Thomas Richter hat sich dort eingemietet. Seine Viehställe, sein Technikhof und die betriebseigene Biogasanlage sind an verschiedenen Standorten über die Ortsteile Schwante und Vehlefanz verteilt. Die Kuhställe an der Dorfstraße etwa stammen noch aus alten LPG-Zeiten. In einem Abkalbstall überwintern die mächtigen Wasserbüffel, bis sie wie die Mutterkühe wieder auf die Weide dürfen. Drumherum liegen die leicht hügeligen weiten Felder, auf denen der Landwirt Mais, Weizen, Gerste, Roggen und Raps anbaut. Obwohl Büffel und Kühe draußen gehalten werden, ist die LSV kein Ökobetrieb. Thomas Richter betreibt bewusst konventionelle Landwirtschaft. Auch die produziert Qualität und habe das Tierwohl im Blick, sagt er.

1400 Hektar eigenes Grün- und Ackerland bewirtschaftet die LSV, und dazu noch 550 Hektar für die Gartenbau GmbH. Für Milch und Fleisch sorgen 187 Milch- und 83 Mutterkühe, 30 Wasserbüffel, 250 Sauen und eine Mast für jeweils 2000 Schweine. Sein Geld verdient Richter vor allem mit der Getreide- und der Bioenergieproduktion. Wegen des Preisverfalls für Milch und Schweinefleisch muss er seine Tiere quersubventionieren. Darauf verzichten kann er nicht. „Wir haben hier investiert, müssen Kredite bedienen und brauchen die Tiere auch, damit unsere Kreislaufwirtschaft funktioniert.“ Das Futter baut er selbst an, die Gülle geht wie auch der Großteil der Maissilage zur Stromproduktion in die Biogasanlage, die Gärreste kommen als Dünger wieder auf die Äcker. Mais, Gerste und Roggen werden zu Tierfutter verarbeitet, Raps und Weizen für die Lebensmittelproduktion verkauft. Richtig rund läuft es nicht. Trotz einer guten Getreideernte hat Richter 2015 zum ersten Mal seit Jahren Verlust gemacht.

Direktvermarktung als drittes Standbein

Seit dem Wegfall der Milchquote vor einem Jahr sind die Preise im Keller. 23 Cent inklusive Prämien bekommt Richter heute für einen Liter Milch, 35 wären nötig, um wirtschaftlich zu arbeiten, sagt er. Hinzu kommen die Marktmacht der Discounter, die die Lebensmittelpreise drücken, und das Russlandembargo, auf das die Russen mit einem Einfuhrstopp reagiert haben. Damit hat die Misere erst richtig angefangen, sagt Richter. 20 Prozent der europäischen Schweinefleischproduktion seien zuvor nach Russland gegangen. Nun fallen die Preise. Bei Schweinefleisch zahle er nun 25 bis 35 Euro drauf pro Tier. Den Stall mit den 250 Sauen für die Ferkelzucht will er aufgeben und nur die Mast behalten.

Der 53 Jahre alte Sachse, der nach seinem Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin 1986 bei der damaligen LPG in Schwante anfing, begegnet der Misere mit Kreativität. Er hat Verantwortung für seine 19 Mitarbeiter und drei Lehrlinge. „Als mittelgroßer Betrieb muss man Ideen haben und auch Rückschläge verkraften können“, sagt er. Der groß gewachsene Landwirt ist Optimist, ein Machertyp in Jeans, blauem Bauernhemd, Steppweste und einem roten Halstuch wie ein Cowboy. Als drittes Standbein will er nun die Direktvermarktung ausweiten. Für einen regionalen Bäcker baut er eine alte Roggensorte an. Sein Champagner-Roggen wird dort zu Brot verarbeitet. Ein Landfleischer nimmt ihm pro Woche 18 Schweine für regionale Fleisch- und Wurstwaren ab.

In seiner Milchtankstelle in Schwante verkauft Richter rund 100 Liter frische, unpasteurisierte Milch pro Tag und Bauerneis aus eigener Herstellung. Und seine Büffelsteaks gibt es nun im idyllisch gelegenen Schloss Schwante, wo er gemeinsam mit dessen Besitzer, Christian Schulz, vor einem Jahr das Schlossrestaurant eröffnete. Schulz betreibt „Clärchens Ballhaus“ und das Monbijou-Theater in Berlin. Hier hat Richter mitinvestiert. „Noch so ein Kraftakt“, wie er sagt. Richter stellt eine Veränderung bei den Kunden fest. „Die Leute fangen an, sich für die Herkunft der Produkte zu interessieren und sind dann auch bereit, für Qualität mehr zu bezahlen“, so Richter. Die Berlinnähe macht sein Konzept attraktiv für Kunden aus der Großstadt, die nur eine halbe Stunde entfernt ist.

Berlin? Für den Biobauern Henrik Wendorff ist die Direktvermarktung nicht der richtige Weg. Die Großstadt ist zu weit weg. Seine AGW Agrarwirtschaftsgesellschaft Worin liegt in Märkisch-Oderland bei Seelow, eineinhalb Fahrstunden von Berlin entfernt. Auf dem Nachbarhof Jahnsfelde gibt es zudem bereits einen Hofladen. „Zwei nebeneinander können so weit entfernt von Berlin nicht existieren“, sagt er. Einige Produkte mit Fleisch aus seiner Rinderzucht liefert er dem Laden jedoch zu, davon abgesehen setzt er vor allem mit seinem Biogetreide auf den Großhandel.

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Auf grünen Hügeln rund um die Ställe und Lagerhallen für Heu und Getreide stehen die Mutterkühe mit ihren Kälbern auf den Weiden. Die sechs Deckbullen – weiße Charolais und ein hellbrauner Uckermärker – haben für drei Monate Pause und bleiben so lange im Stall, sagt Wendorff, der in Jeans, Barbourjacke und schweren Schuhen über den Hof führt. Die Verwaltungsgebäude liegen 300 Meter entfernt, dort stehen auch die Hangars mit den Landmaschinen und die Werkstatt.

Von der Rinderzucht allein kann der Betrieb, der mit Chef acht Mitarbeiter beschäftigt, nicht leben. Die 200 bis 300 Kühe und Kälber sind die letzten Tiere auf dem Hof. Die Anlage für die Schweinezucht hat er 1997 verkauft. Zu teuer für einen Betrieb, der nach der Liquidation der früheren LPG Worin 1991 ohne größere Rücklagen auf einem Teil des alten Geländes neu gegründet wurde. Wendorff ist seit 1997 dabei und einer von sechs Teilhabern. 300 der 950 Hektar Land sind Weideland, auf den restlichen 650 werden heute Lupinen als Futterkultur, Roggen und Weizen für Brot und Hafer für Bioflocken angebaut. „Die Qualitätsanforderungen für Biogetreide sind sehr hoch, man muss sich auf bestimmte Sorten konzentrieren“, sagt Wendorff. Die AGW arbeite mit zwei großen Handelshäusern zusammen. Für seine Kälber hat er einen festen Abnehmer in Bayern. Darauf ausruhen kann sich Wendorff nicht. Spätestens seit es auch im Supermarkt Bioprodukte gibt, herrscht ein knallharter Wettbewerb, sagt er. „Wir müssen den Ertrag stabilisieren und leistungsfähiger werden.“

Vier harte Jahre, um den Betrieb auf Ökoanbau umzustellen

Getreide ist zurzeit am rentabelsten, viele Landwirte geben deshalb die Tierhaltung auf. Eine Entwicklung, die Wendorff Sorge bereitet. „Wir brauchen die Tiere für die Böden – besonders in der Ökolandwirtschaft, wir arbeiten hier nur mit dem Stoffkreislauf, der Stallmist ist unser Dünger.“ Er will sich für den Erhalt der Tierhaltung einsetzen: Mit mittelständischen Betrieben, die in der Fläche verteilt sein müssten, könnte man auch wieder mehr Akzeptanz dafür schaffen, sagt er.

Der 50 Jahre alte Familienvater ist in der Region verwurzelt, er stammt aus dem Nachbardorf Lietzen, wo er immer noch wohnt. Seit März ist er Präsident des Brandenburger Landesbauernverbands, der einzige Ökobauer auf einem solchen Posten bundesweit. Erst 2001 hat Wendorff den Betrieb auf Öko umgestellt, um in der damaligen Roggenkrise konkurrenzfähig zu bleiben. „Bei den Mutterkühen waren wir mit der Weidehaltung ohnehin nah dran“, sagt er. Die ersten Jahre, seien hart gewesen. Wendorff musste neue Landmaschinen kaufen. Das Getreide muss nach strengen Reinheitskriterien getrocknet und gelagert werden. Die ökologische Fruchtfolge muss eingehalten werden. Das heißt: Es gibt Jahre, in denen nur Klee angepflanzt wird, um den Boden wieder anzureichern. Pestizide sind weitgehend verboten. Diese Umstellung kostete viel Geld. Vier Jahre der Selbstausbeutung, bis der Betrieb komplett umgestellt war.

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Als Verbandschef vertritt er die Interessen aller Landwirte in Brandenburg, die Ökobauern sind da in der Minderheit, sie bewirtschaften nur etwa zehn Prozent der Fläche. „Im Grundsatz unterscheidet uns einiges, aber bei der flächenweiten Landwirtschaft sind beide gefordert, Ökolandbau lebt vom alternativen Anspruch – aber wie die konventionelle Landwirtschaft auch, kann er sich verbessern und effektiver wirtschaften“, sagt er. „Beide haben ihre Berechtigung, denn nicht jeder hat Zugriff auf Ökoprodukte und das Geld dafür.“

Das neue Biobewusstsein vieler Konsumenten führt auch zu einem öffentlichen Druck. In Brandenburg haben mehr als 100.000 Menschen beim Volksbegehren gegen Massentierhaltung unterschrieben. Die Diskussion um das Volksbegehren hätte einen Prozess in Gang gesetzt. „Einerseits hat der Landwirt gemerkt, dass er mehr erklären muss. Andererseits fangen die Menschen an zu verstehen, dass nicht alle Betriebe gleich sind“, so Wendorff.

Diesem Bedürfnis nach möglichst großer Transparenz will auch der konventionelle Landwirt Thomas Richter nachkommen. Sein Plan: ein gläserner Kuhstall mit Melkanlage, Hofladen und Café. Wegen der niedrigen Milchpreise hat Richter die 2,5 Millionen Euro teure Investition vorerst verschoben. Aber er hält an dem Vorhaben fest. Richter sagt: „Ich will den Leuten zeigen, wie moderne konventionelle Landwirtschaft funktioniert und dass es möglich ist, ein vernünftiges Produkt herzustellen.“

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