Traum von Las Vegas

Berliner Schülergruppe qualifiziert sich für Hip-Hop-WM

Die Charlottenburger Schülergruppe Purplz hat sich für die Hip-Hop-WM in den USA qualifiziert. Im August fliegt sie zu den Titelkämpfen

Foto: Reto Klar

Großer Auftritt, das können sie. Tür auf, Haare zurückwerfen, in Formation durch den Raum, das Longboard unter dem Arm. Hip-Hopper eben, toughe Mädchengang. Man hat ein Image zu verlieren, wenn man zu Deutschlands besten Hip-Hop-Tänzern gehört.

Seit März ist das offiziell: Die Purplz, wie sie sich nennen, sind Vizemeister bei den deutschen Hip-Hop-Juniorenmeisterschaften geworden, nur eine Gruppe landete bei den Sieben- bis Zwölfjährigen vor ihnen.

Das hat ihnen eine Chance eröffnet, die sie unbedingt nutzen wollen: Die Erst- und Zweitplatzierten dürfen an der Weltmeisterschaft der Hip-Hopper teilnehmen. Die findet im August statt – in Las Vegas.

Ein Kuchenverkauf für die Flugtickets

Deshalb sitzen die zehn Purplz, zu denen ein Junge gehört, in ihrem Trainingsraum und bemalen Poster. Einen Kuchenverkauf wollen sie machen, in der Schule in Siemensstadt, in der alles angefangen hat, die einige von ihnen immer noch besuchen und in der sie drei- bis viermal wöchentlich trainieren. Aber sie wissen auch: Mit Kuchen allein werden sie das Geld für Flüge und Hotel in Las Vegas nicht zusammenbekommen. Deshalb hoffen sie jetzt auf Sponsoren, die das Team unterstützen.

Vor zwei Jahren ging es los. Trainerin Tatjana, die alle nur Angel nennen, hatte selbst schon als Kind Hip-Hop getanzt. Vor vier Jahren, mit 17, hörte sie auf zu tanzen. Und kam dennoch nicht los vom Hip-Hop. Bei einem Praktikum in ihrer ehemaligen Grundschule hatte sie die Idee, eine Hip-Hop-AG anzubieten. Inzwischen trainiert sie 90 Schüler.

Chrissoula (11) gehörte zu den Ersten im Workshop. „Im Hort kam so ein Zettel rum. Da habe ich mich einfach angemeldet. Meine Eltern habe ich erst danach gefragt“, sagt sie. Inzwischen trainieren die Purplz einmal in der Woche in einer Tanzschule, an den anderen Tagen treffen sie sich im Bewegungsraum des Horts, in dem sie die ersten „Moves“ gelernt haben.

Sie hocken auf dem Boden und kichern

Wenn sie dort die Longboards in die Ecke gestellt haben, sind Chrissoula, Ermina und die anderen wieder einfach nur Fünft- und Sechstklässlerinnen. Sie hocken auf dem Boden, kichern, heben brav die Hand, wenn sie etwas sagen wollen. Und mit dem Longboard, erklärt Chrissoula, fahre sie übrigens auch nicht, um cool zu sein, sondern immer dann, „wenn ich keine Lust zum Laufen habe. Außerdem geht es schneller.“

Zehn und elf Jahre alt sind sie, nur Bella ist erst sieben, „hat die Moves aber schon drauf“, wie Angel versichert. Bis vor Kurzem haben alle Purplz gemeinsam die Robert-Reinick-Grundschule besucht, inzwischen gehen einige von ihnen aufs Gymnasium. Zum Tanzen treffen sie sich aber weiter. Und zum Spielen im Hof: „Wir wohnen fast alle in der Nähe“, sagt Ermira, „da fahren wir im Hof mit den Longboards und Waveboards und spielen Verstecken.“

Überhaupt, der Hof. Der ist für die Gruppe mindestens genau so wichtig wie der Bewegungsraum. „Im Hof feiern wir unsere Erfolge“, erzählt Trainerin Angel. Bis spät in die Nacht sitzen sie dann alle zusammen, und einmal hatte sich Angel eine ganz besondere Überraschung für ihre Tänzerinnen ausgedacht: Sie brachte den Müttern die Choreografie bei, mit der die Purplz gerade auftraten, „jedenfalls Teile davon“, sagt sie. Einige der Mädchen hätten vor Stolz fast geweint. Und die Mütter bekamen einmal mehr einen Eindruck, was ihre Kinder auf der Bühne leisten.

Die Eltern erinnern an die Trainingstermine

Ohne die Eltern geht es nicht, das weiß Angel. Sie erinnern an die Trainingstermine – und daran, dass die Hausaufgaben trotzdem gemacht werden, sie zahlen einen Beitrag zum Training und für die Kostüme, und sie begleiten die Gruppe zu Wettbewerben.

Bisher waren die meist in Berlin oder zumindest nur ein paar Autostunden entfernt. Diesmal geht es um 8500 Kilometer und zwölf Flugstunden. In den USA war noch keines der Mädchen. Jetzt wollen alle mit. „Um die Erfahrung zu machen, wie es ist, bei einer großen Meisterschaft zu sein“, sagt Lucienne. Noelle will „zeigen, was wir können“, und Meike ist gespannt, wie Gleichaltrige aus anderen Ländern tanzen.

Vorher müssen sie genügend Geld für die Reise zusammenbekommen. Zum Beispiel, indem sie bei Veranstaltungen auftreten (Buchung: purplz@uni.de). Und sich eine neue Choreografie überlegen. Erst einmal aber tanzen sie die Show vor, mit der sie in Hannover Vizemeister wurden. Sechs Mädchen gehen in Position, hocken sich auf den Boden, den Blick gesenkt. Als sie anfangen zu tanzen, ist es, als wäre ein Schalter umgelegt worden.

„Wenn man was Hartes tanzt, muss man ernst gucken“

Sie springen synchron durch die Luft, breakdancen, schütteln sich, landen im Spagat – und behalten dabei immer die coole Mimik, die zum Hip-Hop dazu gehört. „Nicht zu allem“, korrigiert Ermina: „Wenn man was Hartes tanzt, muss man ernst gucken.“ Beim Locking hingegen – „das ist was mit Drehungen“, erklärt sie – gucke man freundlicher. „Und beim Hip-Hop eher so: Ich jag Dir Angst ein.“

Der Gesichtsausdruck müsse die Gefühle beim Tanzen wiedergeben, so habe Angel ihnen das beigebracht, sagt Chrissoula. Ganz so einfach ist das aber nicht, gibt Lucienne zu: „Ich habe mich zu Hause vor den Spiegel gesetzt. Und geübt, möglichst cool zu gucken.“

Die Gruppe aus Charlottenburg sucht Sponsoren und hofft auf Spenden, um die Reise nach Las Vegas finanzieren zu können.

Spendenkonto: Förderverein der Robert-Reinick-Grundschule Berlin e. V., IBAN: DE81 1007 0024 0264 5976 00, Stichwort: Purplz