Gute Konjunktur

189.000 Berliner profitieren vom Mindestlohn

Seit 16 Monaten gilt der Mindestlohn. Befürchtungen, es werde zum Abbau von Arbeitsplätzen kommen, haben sich nicht bestätigt.

Mit Einführung des Mindestlohns stieg der Stundenlohn der betroffenen Angestellten um durchschnittlich 1,50 Euro

Mit Einführung des Mindestlohns stieg der Stundenlohn der betroffenen Angestellten um durchschnittlich 1,50 Euro

Foto: Wolfram Steinberg / dpa

Berlin.  In Berlin haben rund 189.000 Arbeitnehmer von der Einführung des Mindestlohns profitiert. Das geht aus Daten des Statistischen Landesamtes Berlin und Brandenburg hervor. Sie verdienten vor Einführung des Gesetzes einen Stundenlohn von weniger als 8,50 Euro. Mit Einführung des Mindestlohns stieg der Stundenlohn der betroffenen Angestellten um durchschnittlich 1,50 Euro, geht aus den Unterlagen der Berliner Statistiker hervor. Insgesamt gibt es etwa 1,5 Millionen sozialversicherungspflichtiger Jobs in der Stadt. Der Mindestlohn gilt seit dem 1. Januar 2015.

Befürchtungen, wonach die Einführung zu einem Abbau an Arbeitsplätzen führt, haben sich nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) zunächst nicht bestätigt. „Für manche Einzelunternehmen mag der Mindestlohn zwar spürbar sein, anhand der Datenlage scheint es aktuell jedoch keine nachweisbaren Effekte für Berlin zu geben“, sagt IHK-Sprecher Alexander Dennebaum. „Sicherlich auch deswegen, weil sich die Berliner und die gesamtdeutsche Wirtschaft auf einem soliden Wachstumspfad befinden.“ Allerdings überlagere die derzeit anhaltende gute Konjunktur mögliche gegenteilig wirkende Effekte auf die Beschäftigung.

Arbeitgeber versuchen Mindestlohn auszuhebeln

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zieht dagegen ein positives Fazit. „Die Einführung des Mindestlohns war überfällig“, sagt die Verdi-Tarifkoordinatorin Astrid Westhoff. „Dafür haben wir zehn Jahre lang gekämpft.“ Dass fast 190.000 Berliner davon profitierten, wundert Verdi nicht. „Berlin ist die Hauptstadt der prekären Arbeitsverhältnisse“, kritisiert Westhoff. Immer wieder meldeten sich Betroffene, die von Versuchen berichten, den Mindestlohn auszuhebeln.

Nach Angaben des Geschäftsführers der Bäcker-Innung, Johannes Kamm, gibt es vor allem in Brandenburg Fälle von Betrieben, die seit Einführung des Mindestlohns die Stundenzahl für ihre Mitarbeiter gesenkt haben, um finanziell nicht mehr belastet zu werden. „Dafür ist die Arbeit verdichtet worden“, sagt Kamm.

Auch Friseure, die besonders unter geringen Stundenlohnzahlungen litten, klagen über Versuche, den Stundensatz von 8,50 Euro zu umgehen. „Wir haben leider keine statistisch belegbaren Effekte selbst ermittelt, aber wir gehen davon aus, dass der Mindestlohn auf verschiedene Art und Weise umgangen werden kann“, sagt der Geschäftsführer der Friseur-Innung, Markus Feix. Verdi setzt sich für eine Anhebung des Mindestlohns und die Abschaffung der Ausnahme­regelungen für Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge ein.