Nostalgie-Trip

Wenn Schwalben und Vespas durch Berlin knattern

Rückkehr der Kult-Roller: In Neukölln kann man DDR-Schwalben mieten, in Weißensee lassen sich italienische Vespas leihen.

Foto: Amin Akhtar

Die vergangenen Stunden auf der Straße haben sich gut angefühlt für Christian Sauer. Sonne im Gesicht, Schalthebel unterm Fuß, Gas in der Hand, Rauchwolke in der Nase und ein unverwechselbarer Motorsound im Ohr.

Christian Sauer ist heute zum ersten Mal eine Schwalbe gefahren. Fünf Stunden lang ist er mit dem DDR-Kultroller durch Berlin geknattert: Von Neukölln durch Kreuzberg und Mitte bis nach Wedding, Kaffee mit einem Kumpel und wieder zurück. „Das wirkte total antik“, erzählt er. Er wollte das Schalten für seinen Motorradführerschein lernen, das funktioniert bei den alten Zweitaktrollern ähnlich.

Der beliebte Vogel von Simson ist immer für ein Abenteuer gut

Dafür ist der 27-Jährige aus Altglienicke nach Neukölln gekommen, zu Daniel Jahns. Der führt seit 2014 in der Lobeckstraße den Berliner Schwalben-Verleih „Schwalbe 2 Go“. Seine kleine Flotte, die er in einer Werkstatt am Moritzplatz restauriert und wartet, bringt es mittlerweile auf sechs Schwalben.

Die Mopeds mit der markanten Schnauze waren in der DDR das erfolgreichste Modell der sogenannten Vogelserie von Simson, hergestellt wurden sie von 1964 bis 1986 im thüringischen Suhl. Heute haben die Ostroller Kultstatus erreicht, deshalb macht der 33 Jahre alte Maschinenbaustudent sie im Winter für seine Verleihstation fit. Seit Ostern läuft das Geschäft wieder.

Daniel Jahns empfängt Schwalbemieter in seiner WG-Küche und erklärt ihnen Grundlegendes zum Umgang mit dem Moped, denn der ist keinesfalls intuitiv. Die Mieter sollten am besten nicht selbst tanken, sagt Jahns. Dem Benzin muss zu einem Fünftel Öl beigemischt werden. Deshalb vermietet er seine Schwalben für 40 Euro am Tag, inklusive Tankfüllung.

Am liebsten ist es ihm, wenn die Kunden schon am Abend kommen und sich den Roller bis zum nächsten Abend ausleihen. „Dann können sie sich einfahren und ich bin bei Fragen noch da“, sagt er. Unerfahrene führt er dann zum nahegelegenen Richardplatz, wo sie unter Anleitung bei zehn Stundenkilometern ein Gefühl für den Roller entwickeln können.

"Eine Schwalbe zu fahren, ist wie ein Abenteuer"

Zu Jahns Mietern zählen Nostalgiker, Junggesellenabschiede, oder Pärchen, die im Sommer einen Ausflug zum See machen wollen. Die meisten sind Berliner und Brandenburger, Touristen waren bisher kaum da. Daniel Jahns weiß, weshalb sie der Oldtimer anzieht: „Eine Schwalbe zu fahren, ist wie ein Abenteuer – man erlebt immer etwas.“ Entweder bleibe man liegen und die Leute kommen zum Helfen. „Irgendjemand hat immer noch eine Zündkerze rumliegen“, sagt Jahn. Oder man wird einfach so angesprochen, was man da für ein tolles Gefährt hat. Auf jeden Fall sei man im Straßenverkehr immer Sympathieträger.

Die Schwalben-Station hat Daniel Jahns nicht etwa aufgebaut, weil er selbst seit seiner Jugend Fan des Kultrollers ist. Vielmehr begann alles als Schnapsidee, die ihm mit zwei Schwalbe-fahrenden Kumpels kam. Sie dachten sich, wenn es Trabi-Safaris gibt, muss es doch auch eine Art Schwalbe-Safari geben. Gab es nicht, also wollten sie zu dritt etwas aufbauen. Übrig geblieben ist nur Daniel Jahns, der zuvor nie selbst auf einer Simson-Schwalbe saß. Aber weil er seit seinem 16. Lebensjahr an alten Motorrädern schraubt, traute er sich das Business auch alleine zu. So kann er neben dem Studium praktisch arbeiten und sich etwas dazuverdienen.

Auf einer Piaggio schmeckt ein Ausflug zum See nach Dolce Vita

Auch für Vespa-Liebhaber Alex Bonald in Weißensee hat die Saison gerade wieder angefangen. „Sobald die ersten Sonnenstrahlen herauskommen, klingelt das Telefon hier ununterbrochen“, sagt er. Während Daniel Jahns im Westteil der Stadt nostalgische Ost-Roller vermietet, bietet Alex Bonald im ehemaligen Ostberlin mit drei Mitarbeitern einen Rundumservice für alte Vespas – die Kultroller der italienischen Firma Piaggio.

„Heilig’s Blechle“ heißt der Laden des 42 Jahre alten Stuttgarters, der im Jahr 2000 als Student nach Berlin zog und blieb. Der Name kommt aus seiner Heimat, in der er sowohl als Ausdruck des Staunens als auch scherzhaft für Autos verwendet wird. „Da dachte ich, das passt doch gut zu den Vespas.“

Die italienischen Oldtimer-Roller mit der klassischen Vierganghandschaltung, die Piaggio von 1948 bis 1995 produzierte, dürften noch in größerer Anzahl durch die Stadt brausen. Allein in Bonalds Laden An der Industriebahn stehen etwa drei Dutzend Vespas, die älteste aus dem Baujahr 1952. Eine restaurierte Vespa kostet zwischen 1400 und 5000 Euro. Alex Bonald hat sein Geschäft 2010 eröffnet, weil da die letzten beiden großen Vespa-Werkstätten in Berlin zumachten. „Diese Lücke wollte ich nutzen“, erzählt er. Seitdem waren mehr als 1000 Leute bei ihm. Sie wollten hier und da etwas richten: Neue Reifen, Spiegel, Gepäckträger, frischer Lack oder auch nur einen trockenen Platz im Winter bietet Alex Bonald für die Kultroller.

Bonald ist seit seiner Jugend Vespa-Fan. Schon als Kind sind ihm die Roller im Italienurlaub mit der Familie aufgefallen. Seine erste eigene legte er sich dann mit 17 Jahren zu: Eine Vespa 50 Special, Baujahr 1980, in Silber. Er lackierte sie mattschwarz, so fährt er sie noch heute, einmal sogar mehr als 800 Kilometer weit von Landsberg am Lech bis nach Berlin. „Die wird auch immer bleiben“, sagt Bonald und klingt, als spreche er über seine erste große Liebe. Ansonsten ändert sich sein persönlicher Fuhrpark permanent. Mehr als zehn verschiedene Vespas ist er schon gefahren. Aktuell hat er sieben in seiner Flotte. „Vespa fahren ist ein Lebensgefühl“, sagt Alex Bonald. „Für mich bedeutet das Stil, Eleganz und italienische Leichtigkeit.“ Ein bisschen so, als setze er sich drauf und fahre schnell an den Strand runter. In Berlin schwierig, aber im Sommer schmeckt auch schon der Vespa-Ausflug zum Liepnitzsee nach Dolce Vita. Seine Kunden sehen das genauso, sie sind bunt gemischt. „Vom Radiomoderator, Bundestagsmitarbeiter, Schauspieler und Maurer – alle lieben Vespas“, sagt Alex Bonald.