Serie "Iss gut"

Superfood? Meine Oma fand einen Apfel super genug

Alle sprechen von Chia-Samen, Goji-Beeren oder Weizengras – aber warum eigentlich?

Autorin Britta Klar mit den Wunder-Lebensmitteln in ihrer Küche

Autorin Britta Klar mit den Wunder-Lebensmitteln in ihrer Küche

Foto: Reto Klar

Wer den Begriff Superfood bei Google eingibt, der bekommt fast 17 Millionen Treffer angezeigt. Und beinahe ähnlich viele Meinungen, Ratschläge und Besserwissereien dazu. „Marketingbegriff“, „Modewort“. Das sind die Bezeichnungen, die immer wieder auftauchen. Oder aber „nährstoffreiche Lebensmittel“ und „natürliche Wundermittel“.

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Irgendwo dazwischen liegt wahrscheinlich die Wahrheit. Wie so oft. Wie immer eigentlich. Okay, ganz ehrlich jetzt? Ich ernähre mich. Und ab und zu gesund, ja. Ab und zu. Für die einen vielleicht oft, für die anderen vielleicht zu wenig. Ich kaufe bio und regional, aber auch beim Discounter und ich habe ab und an einen Jieper auf dieses andere Wort mit food hinten – Fastfood. Schlimm? Find ich nicht. Und an diesem Superfood hab ich mich schließlich auch schon mal versucht. Und das war so.

Teures Vogelfutter: Chia-Samen

„Ich mache deinem Vater jetzt jeden morgen Chia-Samen in das Müsli. Das ist super für seinen Blutzuckerspiegel und für sein Herz.“ Tschi-ha-was?! Von meiner Mutter hörte ich dieses Wort zum ersten Mal – und dann ganz plötzlich überall. Die Kollegin einer Freundin hatte die im Büro stehen und streute die sich in ihre zu Hause selbst gemachten Smoothies (oder so) und ziemlich schnell standen die Samen nicht mehr nur in Bioläden sondern auch beim Supermarkt im Regal.

Nicht günstig. Aber obwohl mich allein schon das Aussehen nicht ansprach (Vogelfutter) bin ich leider doch zu neugierig, um nicht doch zuzugreifen. Da standen die nun also auf meinem Küchentisch und ich überlegte, wie das mit uns beiden weitergehen sollte – und vor allem: Wie ess ich das? Um es kurz zu machen: Quark spielte dann eine Rolle und Honig. Und ich aß. Satt machen sollte es mich. Doch damit nicht genug: „Chia-Samen enthalten zehnmal mehr Omega-3 als Lachs, neunmal mehr Antioxidantien als Orangen, viermal mehr Eisen als Spinat, fünfmal mehr Calcium als Vollmilch, 15-mal mehr Magnesium als Brokkoli und viermal mehr Ballaststoffe als Leinsaat“, wie es auf der Internetseite eines unabhängigen „Ratgebers rund um die wertvollen Chia-Samen“ heißt. Natürlich findet sich darauf auch Werbung, wie und wo man die wertvollen – und teuren – Samen bekommt (für bis zu drei Euro pro 100 Gramm).

Doch wie gesagt: Ich aß und schmeckte: nichts. Außer Quark und Honig. Und dann waren da so glibberige Dinger zwischen meinen Zähnen (für länger leider), die sich in meiner Schale in Froschlaich zu verwandeln schienen. Optisch fand ich das so mäßig super. Ich hab dann lieber einen Apfel gegessen. Den hat meine Oma mir immer als Superfood angepriesen, ohne es so zu nennen. Hätte sie mal machen sollen, scheint zu funktionieren.

Grünkohl als Ernährungswunder?!

Denn das „Wie“ ist entscheidend im Superfood-Universum. Grünkohl zum Beispiel kennt ja jeder. Unter dem Namen „Kale“ gilt das deftige Eintopf­gemüse nun aber als Ernährungswunder. Die Anhänger des grünen Messias nennen sich allen Ernstes Kalevangelists und kaufen Kochbücher, die „50 Shades of Kale“ heißen. Ich krieg davon beim Schreiben eine Gänsehaut.

Die Chia-Samen hab ich seitdem nicht noch einmal gegessen. Sie stehen aber auf dem Regal und fast alle meine Freunde fragen ungläubig: „Du isst die?!“. „Nee, du?“. „Nee!“ Ich hab Superfreunde. Neben den Chia-Samen stehen dort neuerdings übrigens auch Goji-Beeren. Auch so ein Superfood, wieder ein Kauf, der meiner Neugierde zu verdanken ist. Die schrumpeligen Dinger versprechen Zufriedenheit, Gesundheit, spirituelle Höhen und hohes Alter. 100 Gramm kosten etwa 5 Euro – aber hallo: Dafür spirituelle Höhen!? Gekauft.

Und den Mythos drumherum gleich mit: Der weißlich-kristalline Belag sei völlig unbedenklich und liege daran, dass die Beeren aus dem tibetischen Hochland mit Himalaya-Gebirgswasser gewaschen werden. Wer aber mal googelt (auch so ein Neugier-Ding), findet heraus, dass die Jungbrunnenbeeren meist aus China kommen und nicht mit Gebirgswasser gewaschen werden, dafür aber mit Schadstoffen belastet sein können. Wie so viele der Superfoods. Das ergab kürzlich eine Untersuchung der Zeitschrift „Ökotest“. Sicherlich fand man in den untersuchten Wundermittel Chlorophyll, Spurenelemente und Antioxidantien. Aber eben auch Pestizide, Mineralöl oder Cadmium.

Superfoods verteufeln muss man deswegen nicht. Aber muss man sie kaufen? Das Institute for Functional Medicine in Washington bat einmal zehn Ernährungsexperten, ihr ganz persönliches Superfood zu wählen. Ganz vorn dabei: Spinat. Hätte meine Oma auch gesagt.