Berliner Spaziergang

Medienboard-Chef Jürgens ist der Mann für künstliche Welten

Helge Jürgens ist der neue Chef des Medienboard Berlin-Brandenburg. Ein Spaziergang mit dem Mann für die Berliner Medienwelt.

Helge Jürgens, Chef des Medienboard Berlin-Brandenburg, am Stuttgarter Platz.

Helge Jürgens, Chef des Medienboard Berlin-Brandenburg, am Stuttgarter Platz.

Foto: Reto Klar

Das Paris von Berlin ist wenige Straßen groß. In seinem Zentrum liegt der Stuttgarter Platz, mit lauter Cafés und dem Kinderspielplatz. Dann der Boulevard Leonhardtstraße, ein kurzes Stück der Windscheidstraße – auf der einen Seite begrenzt vom Bahndamm und der finsteren Brücke unter der S-Bahn hindurch, ein bekannter Junkie-Treff.

Auf der anderen Seite endet die Idylle an der Kantstraße. Nur zum Lietzensee hin erstreckt sich noch das Gründerzeitparadies, wunderschöne Altbauten stehen hier im Arrondissement Stutti. „Das ist hier Klein-Paris“, wird Helge Jürgens gleich sagen. Und klarmachen – dies ist sein Kiez, hier gehört er hin, hier hat er sich verwurzelt. Eine kleine Welt, un petit monde, wo man sich kennt. Dazu später mehr.

Bulette statt WLAN

Unser Treffpunkt ist das Gasthaus Lentz am Stuttgarter Platz. Es ist nicht ganz klar, ob wir drinnen oder draußen verabredet sind. Ist er schon da? Mal schauen. Im Lentz herrscht um 15 Uhr noch Mittagsbetrieb, volle Teller werden aus der Küche getragen, aber nirgends sitzt ein einzelner Herr am Tisch. Außerdem – die Lentz-Besucher sind fast alle älter, wahrscheinlich 68er. Nach unten zeigende Merkel-Mundwinkel sind unter den Gästen nicht ganz selten, hier regiert der kritische Geist. Man hört an den Tischen noch ordentlich Zeitungspapier rascheln: Süddeutsche, Zeit, taz. iPads haben zwar kein Hausverbot, werden aber selten gesichtet. Smartphone-Süchtige sind bedauernswerte Kreaturen, hier wird eher nach Bier und hausgemachter Bulette gefragt als nach dem WLAN-Passwort.

Nein, hier sitzt er nicht. Schnell wieder raus. Schließlich soll ich mich mit dem neuen Geschäftsführer des Medienboard Berlin-Brandenburg treffen, der ausdrücklich auch für die bahnbrechenden Entwicklungen in der Berliner Medienwelt zuständig ist: alles rund ums bewegte Bild, auch im Internet. Als dann Helge Jürgens über die Kreuzung kommt, ist sofort klar, der 54-Jährige wäre als Gast im Lentz aufgefallen. Nicht nur, weil er mindestens ein entscheidendes Jahrzehnt jünger ist als die Stammkundschaft.

Es ist auch seine Kleidung – modisch und doch formal: ein dunkelblauer Kurzmantel, darunter ein großkariertes Sakko und Weste, nein, nicht klein kariert. Das Hemd offen, darüber ein geschwungener Schal. Und dann sind da noch die auffälligen Schuhe in Kroko-Optik – oder ist es Schlangenleder? Nein, keine Sorge, für die musste kein exotisches Tier sterben, es sind gute, italienische Herrenschuhe aus normalem Leder, das halt nur etwas extrovertierter daherkommt.

Er kam in die Stadt, um die alten UFA-Studios zu retten

„Hier wohnen viele Freunde von uns, viele Kollegen“, erzählt Helge Jürgens. Kollegen – damit sind Schauspieler gemeint, Regisseure, Produzenten. Seit 2006 lebt er in Berlin, damals kam er in die Stadt, um sich um das Überleben der Berliner Union-Film zu kümmern mit seinen – neben Babelsberg – großen Studios in Tempelhof, den alten UFA-Studios, in denen schon Berühmtheiten wie Ernst Lubitsch gedreht haben.

Zu West-Berliner Zeiten produzierte das ZDF dort Dieter-Thomas Hecks „Hitparade“ und andere Sendungen, doch dann kam der Mauerfall, das ZDF zog nach Mitte und die Studios verfielen in eine Art Dornröschenschlaf, der zeitweilig in die Insolvenz führte. Helge Jürgens modernisierte das Gelände, verlagerte einen Schwerpunkt auf Werbedrehs und Fotoshoots, die für virtuelle Hintergründe und Special Effects Studios mit „Greenscreens“ brauchen. Und schaute sich nach neuen Mietern um. Auf lange Sicht ging das Konzept auf. Heute wird in Tempelhof auch eine Sendung wie „Circus HalliGalli“ produziert, aber da war Helge Jürgens schon weitergezogen. Diesmal, um als Geschäftsführer der ARRI Film & TV, auch ein altehrwürdiges Unternehmen, gesund ins 21. Jahrhundert zu bringen. Oder sollte man sagen: zu beamen? Schließlich beschäftigt sich Jürgens viel mit Bildern, die am Computer entstehen oder zumindest nachbearbeitet werden.

Im Moment aber steht Helge Jürgens vor einer klassisch gemalten Kulisse. Der große Stromkasten in der Leonhardt-straße, wo unser Fotograf ihn ablichten möchte, ist nicht einfach ein steinerner Stromkasten, womöglich mit Graffiti beschmiert, wie in anderen Stadtteilen Berlins üblich. Dieser hier ist hübsch bemalt – eine sommerliche Straßenszene, eine Laterne, ein Fahrrad. So fing es an, mit der großer Illusion: als die Fotografie noch blutjung war und die Fotografen in den Studios noch mit Magnesiumblitz arbeiteten, wurden in Studios ständig künstliche Welten aufgebaut. Man ließ sich am Holzgeländer stehend vor falschen Alpen porträtieren oder im Ruderboot sitzend vor einem gemalten Nordsee-Panorama. Fast könnte man unser Foto als ironisches Zitat auf das beginnende 20. Jahrhundert lesen.

Neue Firmen nach Berlin locken

Denn wenn einer ahnt, wohin die virtuelle Reise in Zukunft geht, dann Helge Jürgens. Denn das ist seit Januar dieses Jahres sein Job beim Medienboard Berlin-Brandenburg: es soll die spannenden Entwicklungen in der Medienszene im Auge haben. Digitale Inhalte von Start-ups fördern, wenn sie innovativ sind. Neue Firmen nach Berlin locken, damit sie sich hier ansiedeln. Die großen globalen Player dazu bringen, in Berlin zu investieren: wie Google, YouTube, Amazon oder Netflix. Denn sie alle hängen im Geschäft mit den bewegten Bildern drin.

Berlin ist – im Vergleich zu anderen europäischen Städten – für Film- und Fernsehproduzenten immer noch ziemlich günstig. Und hier leben viele Leute vom Fach, die man für ein Projekt anheuern kann. Außerdem gibt es mehrere, gut ausgebaute Standorte. Die Studios in Tempelhof wurden schon genannt, dazu kommen noch Adlershof und natürlich Babelsberg. Kurz gesagt: in Berlin lässt sich prima arbeiten – ob man nun eine Fernsehserie dreht, ein Showformat hat oder ein Computergame entwickelt. So lautet die Botschaft von Helge Jürgens an die Welt, die er verbreitet. Denn das ist sozusagen sein Job beim Medienboard: nationaler und internationaler Botschafter des Medienstandortes Berlin. Und natürlich auch Brandenburgs, was aber – wenn man ehrlich ist – sich auf das Filmstudio Babelsberg beschränkt. Städte wie Cottbus, Eisenhüttenstadt oder Finsterwalde sind nicht gerade für ihren Film- und Fernsehcharme bekannt.

Eine Freundin kommt auf der Leonhardtstraße vorbei. „Bist du heute Abend auch da?“, fragt sie. Gemeint ist die Echo-Verleihung, da soll es heute noch hingehen. Gestern dagegen war er noch in Cannes auf der MIPTV, einer wichtigen TV-Messe, und gab dort zusammen mit der Filmstiftung NRW einen Empfang. Seine Kollegin, die andere Geschäftsführerin Kirsten Niehuus, reist dafür im Mai zum Film-Festival nach Cannes. Die Arbeit zwischen ihnen ist aufgeteilt: Niehuus, die schon seit der Gründung des Medienboards 2004 den Posten als Geschäftsführerin bekleidet, ist für Film und Serial Drama zuständig, Jürgens für das Fernsehen und die vielen neuen großen und kleinen Nebenarme wie eben Internetplattformen, Apps, Games, Webformate und so weiter. Aber zunehmend sind die Welten nicht mehr zu trennen, Hollywood macht es vor. Die großen Blockbuster vermarkten sich längst nicht mehr allein über den Verkauf der Kinokarten. Das Geld wird auch durch Merchandising, Computerspiele, DVD-Verkauf, Streaming und vielem mehr gemacht.

Hier gehört gutes Essen zur Lebenskultur

Helge Jürgens zeigt auf einen kleinen Italiener auf der anderen Straßenseite. „Dort drüben isst Christoph Waltz seine Nudeln, wenn er in der Stadt ist.“ Selbstgemachte Pasta. Essen gehört hier am Stuttgarter Platz zur Lebenskultur. „Ich koche gerne“, erzählt Jürgens. Nein, nicht nur französisch, um wieder auf Paris zurückzukommen. Eigentlich habe ihn mehr eine andere Küche geprägt: die italienische. Das lag an den italienischen Gastarbeitern, die damals in seiner Kindheit und Jugend das Ruhrgebiet prägten. Helge Jürgens wuchs in Bönen, unweit von Unna auf. Der Bergbau bestimmte dort das Leben, sein Großvater ging noch unter Tage, um in der Zeche Steinkohle abzubauen. Die Italiener brachten die Pizza ins Ruhrgebiet, er kannte bis dato nur Pommes-Schranke und Currywurst. Und dann aß er seine erste Mini-Pizza Margarita für 2,20 Mark im Ristorante „Meisterhaus“, wo der BVB heute traditionell seine Meisterschaften feiert. Nach dieser Mini-Pizza rührte er „zwei, drei Jahre“ keine Currywurst mehr an.

Mit der Steinkohle war es damals eigentlich schon vorbei, obwohl die Zeche in Bönen erst 1981 schloss. Helge Jürgens kriegte mit, wie eine Region sich innerhalb weniger Jahre radikal umstellen musste. Zechen schlossen, Arbeitsplätze brachen weg, Stadtteile verkamen wie der alte Bergarbeiterstolz. Aber er sah auch, dass ein Wandel möglich ist, wenn man neue Ideen, neue Geschäftsmodelle entwickelt. Vielleicht machen ihm gerade deshalb Umbrüche so wenig Angst – er sieht sie als Chance. Das Fernsehen soll am Ende sein? Nein, er schüttelt den Kopf. Es wandelt sich nur. „Was ist denn das Fernsehen genau: erst mal doch nur ein Gerät, mit dem man empfängt.“ Und das inzwischen immer mehr kann: es geht ins Netz, man spielt darauf Spiele, speichert Sendungen. Gleichzeitig taucht das Fernsehen an immer neuen Orten auf: auf dem Handy, dem Computer, dem I-Pad. Eine Welt im Morphing-Zustand.

"Wetten, dass..?" mit Rudi Carrell schauen

Fernsehen – das ist für Helge Jürgens nicht irgendetwas. Es ist wie mit der ersten Mini-Pizza: am Fernsehen macht er viele Erinnerungen, viele Gefühle fest. Eine Wundertüte. Als Kind im Bademantel auf dem Sofa sitzen und „Am laufenden Band“ schauen, wo die Schauspielhelden seiner liebsten Serien zu Gast waren. Viele Jahre später, erzählt Helge Jürgens, als er schon bei der Fernsehfirma „Endemol“ arbeitete, war er bei Rudi Carrell zuhause. Sie saßen zusammen auf dem Sofa, schauten gemeinsam „Wetten, dass..?“ – und Rudi Carrell trug tatsächlich einen Bademantel. Da schloss sich ein Kreis.

Wir gehen jetzt in die Straße „Stuttgarter Platz“ und setzen uns in eine typisch französische Brasserie, die es dort seit zwei Jahren gibt. „Helge“, sagt die junge Kellnerin erfreut. Ein Hallo mit Vornamen. Er ist hier ein gern gesehener, häufiger Gast und unmittelbarer Nachbar. Die Brasserie ist sein zweites Wohnzimmer. Früher habe er mit seiner Frau am Victoriapark in Kreuzberg gewohnt, aber damals lebte ihr Labrador noch, der später aus Altersgründen eingeschläfert werden musste. Gibt es keinen neuen Hund? Nein, er schüttelt den Kopf. „Man braucht eine ganz schöne Dispo, wenn man so einen Hund hat.“ Das ist nicht untypisch für ihn – immer wieder finden sich verstreut englische Wörter in seinen Sätzen. Showrunner, Shootingstar, Productplacement. Das gehört wohl in dieser Branche dazu. Für fremde Ohren klingt das manchmal ein wenig aufgestylt.

Und doch – der Schauspieler Ingo Naujoks kommt zufällig vorbei, ist gerade auf dem Weg ins Fitnessstudio. Er begrüßt Helge Jürgens herzlich, zeigt auf seine gegipste Hand. „Dich kann man ja auch gar nicht allein lassen“, witzelt der Schauspieler. Auf dem Weg in die Kneipe, um das Spiel Deutschland-England zu schauen, stolperte Jürgens im Treppenhaus mit zwei Mülltüten in den Händen. Das Treppenlicht ging nicht. Und danach gleich ins Krankenhaus? „Nein, erstmal habe ich mir das Spiel in der Kneipe angeschaut.“ Fußball geht vor.

Da kann die Welt so virtuell sein, wie sie will – die Ruhrgebietserdung bleibt. Und das ist im Mediengeschäft nicht schlecht. Käme in Paris bestimmt auch gut an. In Berlin auf jeden Fall.