Bildung

Die Gemeinschaftsschule schneidet überraschend gut ab

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) stellt den Abschlussbericht der Pilotphase Gemeinschaftsschule vor. Das Ergebnis erstaunt viele.

Wegen der Erfolge mehr Bewerber als Plätze: Schülerinnen und Schüler einer achten Klasse der Walter-Gropius-Gemeinschaftsschule in Neukölln

Wegen der Erfolge mehr Bewerber als Plätze: Schülerinnen und Schüler einer achten Klasse der Walter-Gropius-Gemeinschaftsschule in Neukölln

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Bildungsforscher stellen Berlins Gemeinschaftsschulen acht Jahre nach deren Start ein gutes Zeugnis aus: Gemeinschaftsschulen führen ihre Schüler unabhängig von deren sozialer Herkunft und ihrem individuellen Förderbedarf zu guten Lernerfolgen. Besonders gut gelingen Integration und Förderung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, heißt es im Abschlussbericht zur Pilotphase, den Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Freitag vorgestellt hat.

Die Senatorin will die Gemeinschaftsschulen nun als Form der Integrierten Sekundarschule im Schulgesetz verankern. "Ich werde das prüfen lassen", kündigte sie an. Den bereits bestehenden 24 Gemeinschaftsschulen sagte sie für die kommenden zwei Jahre Bestandssicherheit zu. Dabei geht sie offenbar davon aus, dass es in dieser Zeit möglich ist, die Gemeinschaftsschule als feste Schulform gesetzlich zu verankern.

CDU und Philologenverband sind skeptisch

In der CDU ist man skeptisch. Deren bildungspolitische Sprecherin Hildegard Bentele sagte der Berliner Morgenpost, dass die Studie eine Vergleichbarkeit der Schulabschlüsse von Gemeinschafts- und Sekundarschulen schuldig geblieben ist. "Soll die Gemeinschaftsschule mit der ISS gleichgestellt werden, müssen zuvor die Schulabschlüsse verglichen werden können", forderte Bentele. Kathrin Wiencek, Vorsitzende des Philologenverbandes Berlin/Brandenburg kritisierte: "Noch hat kein Schüler eine Gemeinschaftsschule von der ersten Klasse bis zum Abitur durchlaufen, diese Ergebnisse stehen noch aus."

Im Schuljahr 2008/2009 starteten die ersten von inzwischen 24 Berliner Schulen in den Schulversuch Gemeinschaftsschule. Im Auftrag der Bildungsverwaltung wurden sie dabei über die Jahre durch die Universität Hamburg sowie Rambøll Management Consulting wissenschaftlich begleitet. Hauptziel von Gemeinschaftsschulen, an denen Kinder von der ersten bis zur zehnten oder dreizehnten Klasse lernen, ist es, mehr Chancengleichheit durch längeres gemeinsames Lernen sowie die optimale Förderung der individuellen Fähigkeiten jedes Kindes zu schaffen. "Dieses Ziel haben die Berliner Gemeinschaftsschulen erreicht", sagte Bildungssenatorin Scheeres.

Leistungen in Mathe und Naturwissenschaften verbessert

Die Lehrer der Walter-Gropius-Gemeinschaftsschule Neukölln sind erfreut über die Ergebnisse der Evaluation. Der stellvertretende Schulleiter Lars Neumann sagte der Berliner Morgenpost, dass das Lehrerkollegium sehr motiviert sei. "Wir haben eine tolle Teamstruktur." Die Anstrengungen zeigen Erfolge. Die Schule hat bereits seit einigen Jahren mehr Bewerber als Plätze. Und auch die MSA- und Abitur-Ergebnisse liegen über dem berlinweiten Durchschnitt.

Ulrich Vieluf vom Hamburger Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung hat die Entwicklung der Berliner Gemeinschaftsschüler begleitet. Zwischen 2009 und 2013 sowie zwischen 2012 und 2016 haben sie mehrere hundert Schüler der siebten, neunten und zehnten Klassen in Lesen, Rechtschreibung, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften getestet. "Erfreulich ist, dass die Ergebnisse der zweiten Testung in fast allen Fächern deutlich besser ausgefallen sind, als bei der ersten Überprüfung", sagte Vieluf. Das betreffe vor allem die Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften. Die Studie habe sogar gezeigt, dass der Lernzuwachs an der Gemeinschaftsschule größer war als an den Hamburger Gymnasien, die in der Studie als Vergleichsgruppe dienten.

Die Studie würde allerdings auch zeigen, dass nicht alle Berliner Gemeinschaftsschulen gleich gut seien. Einige hätten durchaus noch Entwicklungsbedarf, sagte Vieluf.

Lehrergewerkschaft fordert politische Konsequenzen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert nun politische Konsequenzen. Der GEW-Vorsitzende Tom Erdmann sagte: "Die Ergebnisse zeigen, dass gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf für alle Schüler von Vorteil ist."Die bildungspolitische Sprecherin der Linken, Regina Kittler, forderte den Senat auf, die Gründung weiterer Gemeinschaftsschulen zu unterstützen und diese Schulen endlich als schulstufenübergreifende Schulform im Schulgesetz zu verankern. "In jedem Bezirk sollte mindestens eine Gemeinschaftsschule bis zum Abitur führen."

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