Marode Schießstände

Blei im Blut: 17.000 Polizisten sollen zur Untersuchung

Der Skandal um Schadstoffe auf Berliner Schießständen der Polizei weitet sich aus: Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Polizeischüler trainieren auf einem Schießstand der Landespolizeischule in Berlin. Der Skandal um belastete Übungsstätten weitet sich aus

Polizeischüler trainieren auf einem Schießstand der Landespolizeischule in Berlin. Der Skandal um belastete Übungsstätten weitet sich aus

Foto: Rainer Jensen / picture alliance / dpa

Berlin.  Im Skandal um die mit Schadstoffen belasteten Schießstände der Berliner Polizei liegt jetzt ein erster Zwischenbericht der Internen Revision beim Polizeipräsidenten vor. Darin wird empfohlen, den mehr als 17.000 Waffenträgern bei der Polizei eine Vorsorgeuntersuchung anzubieten. Die Kosten für diese Untersuchungen werden auf knapp sechs Millionen Euro beziffert.

Defekte oder unzureichend dimensionierte Lüftungsanlagen, Schadstoffe wie Blei, Antimon oder krebserregende Mineralfasern haben dazu geführt, dass von einst 73 Schießbahnen aktuell nur noch 30 geöffnet sind.

Weil Gutachten verschwunden sind, die bereits vor Jahren über Schadstoffbelastungen berichteten, hatte Polizeipräsident Klaus Kandt im Herbst vergangenen Jahres die Interne Revision seines Hauses mit der Untersuchung des Skandals betraut.

Schwere Körperverletzung im Amt

Nun hat auch die Staatsanwaltschaft Berlin ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Anfrage der Berliner Morgenpost bestätigte. Dabei geht es um den Verdacht des Verstoßes gegen das Chemikaliengesetz sowie um schwere Körperverletzung und Körperverletzung im Amt.

Laut Zwischenbericht der Internen Revision gibt es Indizien dafür, dass bei mindestens 89 Schießtrainern, Beamten des Spezialeinsatzkommandos (SEK) und Präzisionsschützen gesundheitliche Schädigungen vorliegen. Laut dem Bericht, der der Morgenpost vorliegt, könnten insgesamt 1532 aktive oder bereits pensionierte Beamte gesundheitliche Schäden davongetragen haben.

Zudem haben sich nach Informationen der Berliner Morgenpost zwei Dutzend Beamte, die intensives Waffentraining betreiben, auf eigene Kosten an der Charité untersuchen lassen. Dabei sollen im Blut der Beamten Blei und 60-fach erhöhte Antimon-Werte festgestellt worden sein. Antimon wird zum Härten des Bleis in der Munition genutzt. Es gehört zur gleichen Stoffgruppe wie Arsen und wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO als krebserregend eingestuft.

"Die Behörde hat Vertrauen verloren"

Die Gewerkschaft der Polizei und der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordern "schnellstmöglich medizinische Studien", die klären, welchen Gefahren die Beamten ausgesetzt waren. Und ob es einen Zusammenhang zwischen der Schadstoffbelastung und Erkrankungen von Schießtrainern gibt.

"Die Behörde hat nach innen und nach außen Vertrauen verloren, das gilt es, schnellstmöglich wieder aufzubauen", sagte GdP-Sprecher Benjamin Jendro. Am Montag wird sich auch der Innenausschuss mit dem Thema Schießstände befassen.

Neben den insgesamt 1532 potenziell betroffenen Beamten könnten noch weitere Personenkreise gesundheitliche Schäden davongetragen haben. Nach Informationen der Berliner Morgenpost haben auf den Anlagen auch Personenschützer der US-Botschaft, Israelis und Franzosen trainiert. Doch diese Personengruppe sei bislang nicht erfasst, sagte ein Polizeisprecher.

Was im Zwischenbericht der Internen Revision fehlt, sind Angaben zu Gutachten aus der Vergangenheit, die bereits auf die Probleme hingewiesen haben. Sie werden bislang mit dem Hinweis auf Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zurückgehalten.

Dafür hat Michael Böhl, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Verständnis. "Möglicherweise strafrechtlich relevante Dinge müssen in Ruhe aufgearbeitet werden", betonte Böhl. Nicht erklärlich sei, so Böhl, warum Gutachten des TÜV zu ein und demselben Schießstand zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

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