Segeln

Traditionell oder digital?

Eine Studie der TU Berlin soll herausfinden, welchen Einfluss elektronische Navigationsgeräte auf Segler haben

Der prüfende Blick in die Segel wird per Spezial-Brille aufgezeichnet. Noch an Bord werden am Laptop Daten ausgewertet

Der prüfende Blick in die Segel wird per Spezial-Brille aufgezeichnet. Noch an Bord werden am Laptop Daten ausgewertet

Foto: Projektteam Anemos / BM

Das Segelboot rauscht Richtung Land. Eine Schlechtwetterfront braut sich hinter dem Schiff zusammen. Der Skipper steht am Steuer, auf dem digitalen Navigationsdisplay vor ihm wird angezeigt, wo genau sich die Marina befindet. Immer wieder schaut der Schiffsführer auf den Monitor, verliert dabei aus dem Blick, was sich am Himmel tut. Das digitale Display – es ist für ihn der sichere Wegweiser nach Hause.

Es gibt mittlerweile die unterschiedlichsten Geräte. Digitale Multifunktionsdisplays, die GPS-Kartenplotter, Winddaten, Echolot oder Radar vereinen, werden nicht nur im Hochseebereich, sondern auch auf Fahrtenyachten immer beliebter.

Wo früher die Seekarte das entscheidende Werkzeug war, um den Weg zu finden, weisen heute elektronische Kartendarstellungen dem Bootsführer die Richtung.

Möglichst viel Nutzen für den Durchschnittssegler

Es ist ein Thema, dem man sich in den vergangenen Jahren bislang kaum aus wissenschaftlicher Sicht angenommen hat – bis jetzt. Professor Dr. Gisela Müller-Plath, Mitglied im Verein Seglerhaus am Wannsee und Inhaberin einer Hornet 32 mit dem Namen „Mary Read“, will herauszufinden, wie Segler digitale Navigationsmedien verwenden sollten, um optimal von ihnen zu profitieren, und wie ein Multifunktionsdisplay gestaltet sein sollte, damit es dem Durchschnittssegler möglichst viel nutzt.

Kernfrage: Hat die Benutzung elektronischer Seekarten Einfluss auf die Segelfähigkeit und auf das Situationsbewusstsein beim Navigieren? Die Professorin vom Fachgebiet Psychologie Neuer Medien und Methodenlehre des Instituts für Psychologie und Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Berlin ist dazu im vergangenen Sommer mit drei verschiedenen Studenten-Crews in der südwestlichen Ostsee jeweils eine Woche gemeinsam gesegelt. In diesem Sommer soll das Projekt fortgesetzt werden.

„Die Idee dazu kam mir direkt nach einem langen Einhand-Törn. 2014 war ich sechs Wochen lang nur mit Karte und GPS unterwegs“, sagt die Wahrnehmungspsychologin. Sie erarbeitete einen Forschungsauftrag und konnte dabei auf ihre Untersuchungen für Navigationsgeräte von Autofahrern zurückgreifen.

Masterstudiengang zur Mensch-Technik-Interaktion

Mit einer speziellen Blickbewegungskamera untersuchte sie zum Beispiel, ob solche Geräte den Fahrer ablenken – eine Thematik, die sich nun auch bei ihrem Segelprojekt widerspiegelt. Der Masterstudiengang Human Factors, in dem Müller-Plath unterrichtet, hat schließlich die Mensch-Technik-Interaktion zum Inhalt.

Eine Fragestellung, die das über vier Phasen angelegte Projekt „Anemos“ (Analyse von Nutzung und Auswirkung Neuer Medien auf Segelbooten) klären soll: Wie beeinflusst die Anwendung digitaler Navigationsmedien unter anderem die Leistung beim Steuern und Segeln? Dazu führte Müller-Plath im vergangenen Jahr diverse Experimente durch.

Ein Versuch beschäftigte sich damit, auf einem bestimmten Kurs einmal auf klassische Weise mit einem analogen Steuerkompass und Windbändseln möglichst viel Strecke in einer festen Zeit zurückzulegen, zum anderen von einem Multifunktionsplotter den optimalen Kurs bestimmen zu lassen. Ziel war es herauszufinden, ob die Geräte eine positive Auswirkung auf den Segler haben oder ihn ablenken.

Sinne für die Umgebung sind nicht mehr so geschärft

Dabei wurde mit Hilfe der oben genannten Blickbewegungskamera in Form einer Brille aufgezeichnet, wohin der Segler oft schaut, worauf er sich am meisten konzentriert. „Erste Ergebnisse zeigten, dass bei Verwendung eines Multifunktionsdisplays dieses einen großen Anteil der Blicke auf sich zieht – auf Kosten von Blicken auf Segel und Umgebung“, sagt Müller-Plath. Allerdings seien die individuellen Unterschiede dabei so groß gewesen, dass belastbare Aussagen nur bei einer größeren Stichprobe typischer Fahrtensegler möglich seien.

„Fest scheint nach dem ersten Jahr unseres Projekts jedoch schon zu stehen, dass die Sinne für die Umgebung nicht mehr so geschärft sind wie ohne elektronische Unterstützung“, sagt Müller-Plath. Dies sei bedenklich, da Segeln ja ein Sport sei, bei dem vor allem die Interaktion mit der Natur im Vordergrund stehe. „Gerade hier liegt der Spaß des Segelns“, so Müller-Plath. Raumorientierung, Aufmerksamkeitsverteilung und Multitasking seien daher die Schlagworte der weiteren Untersuchungen.

Darüber hinaus wurde untersucht, wie anwendungsfreundlich moderne digitale Navigationsgeräte für Boote heutzutage sind. Dazu zählt etwa das Zusammenspiel von Bedienknöpfen und Touchscreen. Hier zeigte sich, dass die Interaktion des Touchscreens häufig unerwünschte Wegpunkte setzte oder dass solche nachträglich nicht mehr auf der Karte verschiebbar waren. Gerade im Charterbereich, wo auf jeder Yacht ein anderes Modell verbaut ist, ist eine intuitive Menüführung unabdingbar. Unter der Anleitung von Professorin Müller-Plath soll nun eine Gestaltungsrichtlinie für digitale Navigationsgeräte bis Ende des Jahres entwickelt werden.

Noch viele Detailuntersuchungen nötig

In den angelaufenen Häfen schickte Müller-Plath ihre Studenten mit Fragebögen zu anderen Seglern und ließ in Erfahrung bringen, welche Technik sie an Bord einsetzten. Erstes Ergebnis: Mit zunehmender Erfahrung des Seglers nimmt die Nutzung aller Hilfsmittel an Bord ab. Je größer die Erfahrung ist, desto sorgfältiger ist die Verwendung von Navigationsmitteln und umso häufiger der Einsatz von Papierseekarten als primäres oder einziges Navigationsmittel. Dies scheint nicht nur am Altersunterschied zu liegen.

Die Antworten auf die Frage nach der persönlichen Meinung zur elektronischen Navigation im Segelsport waren indes dreigeteilt. 30 Prozent sehen die Entwicklung positiv, 40 Prozent der Befragten halten die technischen Navigationshilfen zwar für eine hilfreiche Ergänzung, aber für keinen Ersatz der herkömmlichen Mittel. Weitere 30 Prozent halten die Entwicklung sogar für negativ, da die Geräte stromabhängig und zudem unzuverlässig seien.

Es sind noch viele Detailuntersuchungen nötig. In wenigen Wochen wird Professorin Dr. Gisela Müller-Plath daher ihre Untersuchungen auf der Ostsee fortsetzen. Und zwei Masterarbeiten in ihrem Fachbereich sollen aus der Forschung heraus auch noch entstehen.