Zwölf Stunden

"Berlin Dungeon" - Nichts für schwache Nerven

Im „Berlin Dungeon“ lassen echte Schauspieler Stationen der Geschichte Berlins lebendig werden. Neu: der Indoor-Freifallturm „Exitus“.

Vassiliki Alymara spielt im Dungeon das letzte Opfer des Serienmörders Carl Großmann zur Zeit der Weimarer Republik

Vassiliki Alymara spielt im Dungeon das letzte Opfer des Serienmörders Carl Großmann zur Zeit der Weimarer Republik

Foto: Krauthoefer

08:35 Auf ihrer Tour durch die Geschichte Berlins durchlaufen die Besucher viele Räume und in jedem wird eine eigene „Show“ geboten. So werden die einzelnen von Schauspielern dargebotenen Szenen genannt. Janina Gondolatsch hat die Schauspielleitung inne und begutachtet im Fundus gerade Kostüme, die frisch von der Schneiderin gekommen sind. „Insgesamt koordiniere ich 50 Schauspieler und elf Shows“, sagt Gondolatsch. „Ich engagiere die Darsteller, besorge die Kostüme und mache die Showkontrolle.“

09:20 Die neue alte Köpenicker Straße wirkt wahrhaftig wie eine schummerige Gasse im alten Berlin. Die sogenannten „Themer“ – die Designer der Themenräume – haben ganze Arbeit geleistet. Selbst das im Halbkreis gelegte Straßenpflaster ist historisch korrekt gestaltet. Generell wird nach historischen Plänen und Vorlagen gearbeitet. Weil alles so echt wie möglich aussehen soll, wird auch kein billiges Pappmaché verwendet. Stattdessen wurde die Straßenfassade mit Spritzbeton auf die Wände aufgetragen. Und damit es noch echter aussieht, kratzt Jörn Kotzur nun noch die Fugen der Ziegelsteinwände aus.

10:45 Beatrice Fährmann ist „Ride Operator“ an der jüngsten Attraktion im Dungeon, dem „Exitus“. So nennt sich der Indoor-Freifallturm, an dem Besucher neuerdings zwölf Meter in freiem Fall in die Tiefe rauschen. Bevor es soweit ist, nimmt Fährmann den Besuchern Wertsachen und lose Gegenstände ab und sieht zu, dass offene lange Haare mit Mützen, Kapuzen oder mit Haargummis festgehalten werden. Dann gibt sie Anweisung, die Arme durch den großen Sicherheitsbügel zu stecken, mit dem die Besucher angeschnallt werden. „Wenn der Bügel einrastet und die Kontrolllampe dies bestätigt, kann es losgehen.“

11:25 „Die Bremstechnik am neuen Freifallturm ist das Sicherste, was es derzeit gibt“, sagt Murat Memis. Er ist der technische Leiter und lässt die Fahrkabine vom Kontrollraum aus abstürzen. Dazu muss er das Bedienpult mit einem Schlüssel entsichern und sodann zwei grüne Startknöpfe gleichzeitig drücken. „Es gibt eine Scheibenbremse mit einem Durchmesser von rund 60 Zentimetern, die bremst permanent während des Stillstands“, sagt Memis. „Und dann gibt es die mit Dauermagneten arbeitende Wirbelstrombremse, die die Kabine aus dem freien Fall auffängt. Die versagt selbst bei Stromausfall nicht.“

12:30 In aller Ruhe macht sich Ian Burridge daran, seinen Bruder Adrian mit einer Axt zu köpfen – schließlich soll es gut aussehen auf dem Foto. Die beiden Kanadier freuen sich schon auf die Tour durch das Dungeon, zuvor aber darf sich jeder am Schafott fotografieren lassen und dabei mit mittelalterlichen Schaumstoffwaffen hantieren. Mitarbeiterin Caroline Metz drückt dann im richtigen Moment auf den Auslöser, die Fotos werden am Ausgang angeboten. „Bei Schulklassen bekommt der Lehrer die Axt“, sagt Metz.

13:50 Einen riesigen blauen Fleck hat Vassiliki Alymara auf dem Schlüsselbein und aus dem Mundwinkel läuft ihr ein Rinnsal aus Blut. Theaterblut natürlich, Alymara spielt im Dungeon das letzte Opfer Carl Großmanns. Der auch als „Mädchenfänger“ bekannte Serienmörder machte Berlin zur Zeit der Weimarer Republik unsicher und seine Geschichte ist ein Highlight im Dungeon. Großmann war Metzger, der Anblick seines nachgebauten Wohnzimmers ist allerdings grausiger, als der einer durchschnittlichen Fleischtheke: Zwischen etlichen Würsten liegen auch Körperteile auf dem Tisch. „Mit der Leiche von Marie Nietzsche, die ich verkörpere, hat man Großmann auf frischer Tat ertappt und dann herausgefunden, dass er seine Opfer zu Wurst verarbeitet hat“, sagt Alymara.

14:10 Jeder, der eine Eintrittskarte erwirbt, macht sich verdächtig, mit dem Mörder Carl Großmann unter einer Decke zu stecken. Zumindest sieht das Polizeikommissar Wolfgang Koch so, der im Fall des Serienmörders ermittelt. Im Mordkommissariat telefoniert er mit dem berühmten Ermittler Ernst A. F. Gennat und nimmt Fingerabdrücke von suspekten Besuchern. Der erst kürzlich eröffnete Raum, in dem Schauspieler Martin Radecke diese Szene spielt, ist eine Nachbildung aus dem in den 20er-Jahren auf dem Alexanderplatz angesiedelten Polizeikommissariat. „Der Umbau war gar nicht so einfach“, sagt Radecke, „in dem Gebäude hier befand sich früher eine Bank, deswegen sind alle Wände mit stabilen Metallstreben durchzogen.“

15:00 Wie Serienmörder Großmann stürzt auch Nina Zerbe ins Verderben – so zumindest wird das Erlebnis des freien Falls am „Exitus“ offiziell beworben. Nach dem TÜV probiert auch sie die Attraktion noch einmal aus. „Über drei Etagen fällt man in die Tiefe, zwei Decken mussten wir dafür herausnehmen. So sind 270 Quadratmeter neuer Showfläche entstanden“, sagt sie. „Wichtig ist, dass der freie Fall absolut synchron mit den Licht- und Soundeffekten funktioniert, so kommt man sich vor wie in der Moabiter Haftanstalt, in der die Szene spielt.“

16:15 Wenn ein Schauspieler im „Berlin Dungeon“ unauffällig auf einen Knopf drückt, spult sich meist eine ganze Showroutine ab. Allerdings nur, wenn jemand wie Paul Gall den Ablauf programmiert hat. In der Schaltzentrale des „Exitus“ klappt Gall seinen Laptop auf. „Dass für die Besucher nachher alles wie am Schnürchen läuft und schön aussieht, ist aber nur der kleinere Teil“, sagt der Elektrofachmann, der sich ansonsten vor allem um die Bertriebssicherheit kümmert.“

18:10 In der Künstlergarderobe schminkt sich Andy Kubiak seine Gruftwächtermaske vom Gesicht, er hat jetzt Feierabend. „In meiner Show erzähle ich die Geschichte von Anna Sydow, die eine Mätresse von Kurfürst Joachim II war, nach seinem Tod aber jämmerlich in der Spandauer Zitadelle verrecken musste“, sagt Kubiak. „Der Legende nach verfolgte sie die Hohenzollern als ‚Weiße Frau’ noch über Jahrhunderte, immer wenn sie jemandem erschien, war er kurz darauf tot.“

19:40 Standortleiterin Maren Hüsch kommt zur Abnahme in den neu gestalteten Raum auf der Polizeiwache. Jedes Detail wird akribisch überprüft, bevor ein Themenraum eröffnet wird. „Unsere größte Besuchergruppe sind Schüler“, sagt Hüsch, „wahrscheinlich weil man hier erstens etwas über Berliner Geschichte lernen kann und das zweitens auch noch unterhaltsam ist.“ Trotz Schreck- oder Lachmomenten soll das Dungeon keineswegs ein Gruselkabinett sein, sondern ein Ort, an dem Geschichte anschaulich wird. „Der Unterschied zum Geschichtsbuch ist, dass echte Schauspieler etwas vortragen und man dabei einbezogen wird – das merkt man sich am Ende auch wesentlich besser.“

Berlin Dungeon Spandauer Straße 2, Mitte. Tel. 0180 625 55 44, tägl. 10-18 Uhr